Berlin - In einer Stimmung zwischen Selbstbehauptung und Selbstkritik, Aufmunterung und Besorgnis, gutem Rat und bangen Wünschen hat der Deutsche Presserat in Berlin den 60. Jahrestag seines Bestehens begangen. Bundespräsident Joachim Gauck lobte die Organisation der freiwilligen publizistischen Selbstkontrolle und sagte, ihm sei trotz mancher Herausforderungen um die Zukunft der freien Presse in Deutschland nicht bange. „Lassen Sie uns im Angesicht der destruktiven Energien des Populismus nicht in Angst und Eskapismus verfallen“, sagte Gauck. „Jeder kann etwas tun, um die offene Gesellschaft zu stärken“ – auch Journalisten, „indem sie weiter ihre Arbeit machen“.

Angesichts einer Vertrauenskrise und einer Welle der Anfeindung, von der gegenwärtig nicht nur die Medien erfasst würden, rief Gauck zu einer gewissenhaften „Selbstbefragung der Zunft“ auf. Ansätze dafür machte das Staatsoberhaupt in den USA aus. Nach dem Wahlsieg Donald Trumps stellten viele Medien sich die Frage, warum sie diesen Ausgang nicht hätten kommen sehen, warum sie „von der Kraft jener gesellschaftlichen Unterströmung überrumpelt“ worden seien, „die den Außenseiter zum Sieg trug.“ Ihm gefalle, so Gauck, dass eine vergleichbare Debatte auch in Deutschland aufgenommen werde.

Echte „Lügenpresse“ gab es in der DDR

Auch hierzulande seien Journalisten zuweilen versucht, „in die Echoräume des politischen Gleichklangs zu fliehen“ und abweichende Meinungen „abzuwerten oder sogar zu ignorieren“. Hier gebe es Verbesserungsbedarf.

In scharfer Form wies Gauck zugleich die Rede von einer „Lügenpresse“ zurück. Was damit wirklich gemeint sei, das habe er in der ehemaligen DDR erlebt. Staatliche Gängelung und Zensur seien das Gegenteil dessen, was eine Institution wie der Presserat leiste, der auf Beschwerden von Bürgern hin die Berichterstattung gedruckter Medien prüft und sie auf die Einhaltung der im Pressekodex niedergelegten Standards verpflichtet. „Wer, wie die Presse, eine öffentliche Aufgabe wahrnimmt, ja mit der Öffentlichkeit und für die Öffentlichkeit spricht, der muss seine Aussagen auch öffentlich rechtfertigen können und überprüfen lassen.“ Das gehöre zum mündigen Austausch demokratischer Gesellschaften, betonte der Bundespräsident.

In einer anschließenden Podiumsdiskussion formulierte Thomas de Maizière (CDU) „als Innenminister und als Mensch“ Wünsche an die Presse. Er zielte dabei auf Sorgfalt, Sensibilität und Zurückhaltung in der Berichterstattung über Terror und Gewalt ab. Als „Sicherheitsminister“ verlangte de Maizière insbesondere, dass Berichte der Medien notwendige, vielleicht lebensrettende Polizei-Aktionen nicht gefährden dürften. Außerdem sollten die TV-Anstalten nach Terroranschlägen das Prinzip „weniger senden, weniger live“ beherzigen.

„Mehr Selbstbewusstsein!“

Das alles sei „einfach zu verstehen, aber nicht leicht zu erfüllen“, räumte der Minister ein.

Aber auch de Maizière hatte Worte des Rückhalts für die Medien parat. „Mehr Selbstbewusstsein!“, rief er den Journalisten zu. Wenn sie Kampfbegriffe gegen die Presse übernähmen und sich selbst in der „postfaktischen Gesellschaft“ wähnten, folgten sie der Agenda ihrer Gegner und Feinde.

Georg Mascolo, Leiter des Rechercheverbunds von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung, mahnte seine Kollegen einerseits, sie sollten sich der „Beschleunigungsspirale“ bei der Verbreitung von Informationen entziehen. Hier würden Einordnung und Herstellung von Kontext – genuine Aufgaben von Journalisten – nur simuliert. Andererseits plädierte Mascolo für eine offensivere Kultur im Umgang mit Fehlern, wie sie schon seit Jahrzehnten im Pressekodex niedergelegt sei. Es dürfe nicht sein, dass „die Zunft ihre eigenen Regeln ignoriert“. Das werde erkannt und missbilligt. Hingegen könnten Journalisten bei ihrem Publikum punkten, indem sie Fehler benennen und korrigieren. Der stellvertretende Sprecher des Presserats, Volker Stennei, stimmte Mascolo zu, betonte aber die Fortschritte, die gerade hier in den vergangenen Jahren schon erzielt worden seien.