Auschwitz - Der Marsch ins Innere des Grauens begann genau hier, aber der verschneite Weg, der durch die Baracken-Blöcke zur ersten Gaskammer des Stammlagers von Auschwitz führt, gibt kein Bild des Horrors mehr ab.

Der Anblick entspricht heute eher dem genauen Gegenteil der Bilder, von denen die Überlebenden von Auschwitz berichten: Wo es heute zwischen den Baracken menschenleer und still ist, scheuchten Gestalten in schwarzen Umhängen ein Heer an Häftlingen umher, es herrschte Lärm, ständiges Geschrei und Hundegebell. Wo heute Reisegruppen in bunten Skijacken über weiße Schneedecken laufen, die dem Lager eine friedliche Atmosphäre geben, qualmte schwarzer Rauch, fielen Schüsse, übler Gestank ließ den Atem stocken. Heute rieseln Schneeflocken, wo damals Asche vom Himmel fiel. Menschliche Asche.

Sadistische Mordmaschine

An diesem Dienstag ist es 70 Jahre her, dass das größte Konzentrationslager der Nazis aufhörte, als sadistische Mordmaschine zu arbeiten. Und anfing, den ganzen Schrecken des Holocaust zu offenbaren, des industriell organisierten Massenmords der Deutschen an den Juden Europas. Am 27. Januar 1945 erreichte die Rote Armee das Gelände im heutigen Polen und befreite noch 7000 Gefangene. Die große Mehrheit der zuletzt Inhaftierten, etwa 60.000 Menschen, wurde kurz zuvor von der SS erschossen oder auf Todesmärschen nach Westen geschickt. An diesem Dienstag erinnert eine Gedenkfeier mit Staatsgästen aus aller Welt daran, vor allem aber an die Hunderttausenden Opfer: In den drei Lagern, die 1945 zu Auschwitz gehörten, brachten die Nazis mehr als 1,1 Millionen Menschen um, die meisten davon Juden.

Zum runden Jahrestag hat das „Museum Auschwitz“ so viele Überlebende eingeladen wie nie zuvor. Doch selbst die Überlebenden, die als Kinder befreit wurden, sind heute fast 80 Jahre alt. Viele können nicht mehr reisen. Es ist die vielleicht letzte Gelegenheit, dass so viele ehemalige Häftlinge noch einmal am Ort des Verbrechens zusammenkommen. Doch was bedeutet das? Für sie, und für die Welt?

Auschwitz-Überlebende zu Rundgängen durch das Lager eingeladen

Schon am Vortag hat die Museumsleitung die Auschwitz-Überlebenden zu Rundgängen durch das Lager eingeladen. Die Anzahl anderer Besucher wurde reduziert, nur geführte Gruppen sind erlaubt. Der Parkplatz ist trotzdem voller Busse, Auschwitz wird im nahen Krakau als wichtigstes Ausflugsziel beworben. 2014 erreichte die Rekordzahl von 1,5 Millionen Besuchern aus aller Welt.

Am Montag vor der Gedenkfeier wechseln sich die Besuchergruppen am Krematorium im Stammlager von Auschwitz, wo 1940 alles begann, minütlich ab. Eine amerikanische Gruppe, eine japanische, eine deutsche. Vom Gebäude sind nur die verwitternden Mauern und die schwarzen Eisentische übrig, von denen die nackten Leichen in die Öfen geschoben wurden. Die Amerikaner zücken die Handys und filmen. Die Deutschen, eine Gruppe Schüler, stehen stumm vor dem Lageplan, den ihnen die Reiseführerin erklärt: vorn die Gaskammer, hinten das Krematorium, davor Waschraum, dahinter das Büro. „Krass, wie am Fließband“, sagt ein Schüler, dem das anhand dieses Planes zum ersten Mal aufgegangen zu sein scheint, „richtig systematisch.“

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