Frankfurt/Main - Es fängt an mit einer Frau, die sagt: „Der reine Männerstaat ist das Verderben der Völker.“ Es fängt an mit einem Publikum, das daraufhin laut jubelt. Es ist die CDU, die sich hier versammelt hat. In der ersten Zuhörerreihe sitzt Parteichefin Angela Merkel. Fast ausschließlich Frauen sitzen im Saal, die Frauenunion feiert ihren 70. Geburtstag. Die Partei ist in Frauenhand, zumindest ganz oben. Aber die Frauen sind nicht feierlich, sondern empört. Und Merkel setzt sich an diesem Tag an die Spitze.

Merkel kündigt Revolution in der Partei an

Sie wiederholt erst einmal den Satz vom Verderben, den die erste Frauenunionsvorsitzene Helene Weber 1949 im Bundestag gesagt hat. Da war noch nicht einmal die CDU gegründet. Die aktuelle FU-Chefin Annette Widmann-Mauz wiederholt ihn zum Einstieg ihrer Rede. Und dann ist Merkel an der Reihe. Ein Satz des irischen Schriftstellers Oskar Wilde zitiert sie auch: „Der wachsende Einfluss von Frauen ist das einzig Beruhigende in unserem Leben.“ Etwas weniger aggressiv klingt das, etwas merkeliger halt.

Und dann kündigt Merkel eine Revolution in der Partei an: Die CDU, so findet sie, müsse verbindlichere Wege festschreiben, um Frauen in die Politik zu bekommen, in den Bundestag und überhaupt in die Partei. Zwar ist im Paragraf 15 des Parteistatuts ein Quorum festgelegt. „Frauen solen an Parteiämtern in der CDU und an öffentlichen Mandaten mindestens zu einem Drittel beteiligt sein“, heißt es da. Aber das wird nicht erfüllt.

Im Bundestag ist in dieser Wahlperiode nur noch eine von fünf Unionsabgeordneten eine Frau. In der letzten Wahlperiode lag der Anteil noch bei einem Viertel. „Keine Erfolgsgeschichte“, sagt Merkel, noch etwas verhalten. Auch bei den Mitgliedern sind Frauen deutlich in der Minderheit. Zwar sind die Ministerposten der CDU paritätisch besetzt, für die Staatssekretäre gilt das aber bei weitem nicht mehr. Merkel steigert sich: „Wir genügen nicht den Ansprüchen einer Volkspartei. Wenn die Hälfte der Bevölkerung nicht ausreichend repräsentiert ist, wird es schwierig, den Wünschen der Bevölkerung nachzukommen.“

Das Quorum ist ein „stumpfes Schwert“

Sie spricht nicht von der Frauenquote. Aber der Begriff, der in Teilen der Union fast allergische Reaktionen auslöst und in der Debatte um Aufsichtsräte hoch umstritten war, steht im Raum. „Das Quorum reicht für uns heute nicht mehr“, sagt Merkel. Schließlich gelte es etwa bei der Bundestagswahl nur für Listenkandidaten. Die CDU besetze einen großen Teil ihrer Mandate aber über die Direktmandate – und die seien meist in Männerhand. „Das ist nicht mehr mit Listen zu reparieren.“

Die Frauen-Unions-Vorsitzende Widmann-Mauz formuliert es noch schärfer: Das Quorum sei „ein stumpfes Schwert“. Und im Übrigen werde es nicht selten „konsequent und trickreich ausgehebelt“. Eine neue Gleichberechtigungsdebatte steht also an in der CDU.

Und als erstes wendet sich die an den baden-württembergischen Landesverband. Dort besetzen Männer die ersten vier Plätze der Europawahlliste. Regionalproporz der Bezirksverbände seien offenbar wichtiger gewesen als die Förderung einer kompetenten Frau, wettert Widmann-Mauz und stellt fest: Man habe „die Zeichen der Zeit nicht erkannt“. Und Merkel stimmt ein, durch solche Entscheidungen würden Frauen demotiviert, sich überhaupt in der Politik zu engagieren.

Merkel sieht die Frauenförderung als Existenzfrage

Ein noch weitgehenderes Ziel hat die Frauenunion in einem Vorstandsbeschluss festgehalten. Auch bei der geplanten Wahlrechtsreform soll versucht werden, Frauen verstärkt in Mandate zu bekommen. „Wenn politische Strukturen dazu führen, dass Frauen an die gläserne Decken stoßen, brauchen wir neue Regeln“, sagt Widmann-Mauz. Es könne nicht sein, dass zwar über die Größe des Bundestags verhandelt, aber zum Thema Frauenbeteiligung konsequent geschwiegen werde.

„Die ewigen Ausreden kennen wir zur Genüge. Andere Länder haben längst Lösungen gefunden“, sagt Widmann-Mauz. Die CDU-Frauen jubeln wieder.

Merkel hat dann noch eine Anekdote. Sie habe den damaligen saudischen König bei einem Besuch einmal aufgefordert, Frauen das Autofahren zu erlauben. Wie lange es in Deutschland bereits das Wahlrecht für Frauen gebe, habe der sie gefragt. Gerade mal hundert Jahre, habe sie antworten müssen. „Da sagt er: Aha“, erzählt Merkel. „Ich stand nicht mehr ganz so gut da.“ Inzwischen dürfen Frauen in Saudi-Arabien hinters Steuer. Merkel findet, für die CDU sei die Frauenförderung eine Existenzfrage.