Berlin, Mai 1945: Ruinen, wohin das Auge schweift. Der Krieg hat keine deutsche Stadt so total zerstört. Es wird später heißen, hier befanden sich etwa 15 Prozent der gesamten Trümmermenge in Deutschland.
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Die Waffen schweigen, die Stadt atmet auf. Ungezählte Berliner wanken in den ersten Maitagen des Jahres 1945 aus Kellern und Bunkern ans Tageslicht, hinein in eine Trümmerlandschaft, der vereinzelt Bäume in voller Blüte trotzen.

Der 9-jährige Peter traut sich eines Maimorgens mit seiner Mutter aus dem Keller ihres Mietshauses in Kreuzberg, zusammen mit anderen Hausbewohnern. Einige Nachbarn sind tot, sie liegen begraben hinter einem Balkon, neben gefallenen sowjetischen Soldaten. Die Überlebenden haben Todesangst – und noch viel mehr: Hunger.

Die Hungernden müssen etwas Essbares auftreiben, sie laufen vorbei an haufenweise Schutt, an ausgehöhlten Häusern, an geborstenen Brücken, ausgebrannten Panzern, verwesenden Leichen – und hinein in eine sowjetische Straßenkontrolle. Der einzige Mann in ihrer Gruppe muss zur Seite treten. Man brauche ihn für Aufräumarbeiten, er werde am Abend wieder zu Hause sein. Seine Frau wird ihn nicht wiedersehen.

Ein Flug über die Ruinen von Berlin 1945. Ein Sechstel des Stadtgebiets, fast ein Drittel des Straßennetzes, jedes zehnte Gebäude, jede dritte Wohnung sind total zerstört.

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Die 19-jährige Gerda verzweifelt, als sie sich wieder auf die Straße wagt: überall in Neukölln Staub und Geröll, Brände und Leichen – und Gestank. Sie denkt: Du wirst nicht mehr leben können.

Nicht nur der Schrecken vor ihr lässt die junge Frau so denken, auch der Schrecken hinter ihr. Der erste sowjetische Soldat, der in den Keller stürmte, forderte „Uri, Uri“, die ihm folgenden forderten „Frau, komm!“ – sie entging einer Vergewaltigung nur durch Zufall und ihre Schwester nur, weil sie ein Baby im Arm hielt. Ihre Schwägerin wurde mehrmals vergewaltigt, sie und ihre Eltern hängten sich daraufhin auf – sie überlebte.

Der Albtraum Krieg ist vorbei und er ist es doch auch nicht. Die Überlebenden schwanken zwischen Erleichterung und Entsetzen, Hoffnung und Verzweiflung. Nur zwei Dinge interessiert sie: Wo sind meine nächsten Familienangehörigen? Und, viel wichtiger: Woher bekomme ich die nächste Mahlzeit?

Peter findet an jenem Tag nichts Essbares. Als er mit den anderen wieder zu Hause ist, steht auf dem Hof des Mietshauses eine Gulaschkanone. Sowjetische Soldaten haben für die Hausgemeinschaft Suppe gekocht.

Gerda denkt erst an ein neues Leben, als Anfang Juli Neukölln Teil des amerikanischen Sektors wird. Im Sommer gibt es wieder Tanzveranstaltungen. Sie lernt dabei ihren künftigen Mann kennen.

Weil die Wasserleitungen unter der Stadt größtenteils zerstört sind, müssen sich die Berliner und auch die Sowjetsoldaten mit Trinkwasser aus Pumpbrunnen wie diesem versorgen.
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Für die Reichshauptstadt Berlin ist der Zweite Weltkrieg seit ihrer bedingungslosen Kapitulation am 2. Mai 1945 beendet, für das Reich setzt er sich fort.

Großadmiral Karl Dönitz, von Hitler vor seinem Selbstmord zu seinem Nachfolger bestimmt, bildet eine „geschäftsführende Reichsregierung“ mit Sitz in Flensburg-Mürwik. Wie in seinen Rundfunkansprachen am 1. Mai angekündigt, führt er den Krieg im Osten weiter, mit der Begründung, so viele Deutsche wie nur möglich „vor der Vernichtung durch den vordrängenden bolschewistischen Feind zu retten“, und in der Hoffnung, doch noch einen Separatfrieden mit den Westalliierten zu schließen und danach mit ihnen die Rote Armee aus Deutschland zurückzudrängen.

So treffen sich am 3. Mai Generaladmiral Hans-Georg von Friedeburg und Feldmarschall Bernard Montgomery im britischen Hauptquartier in Wendisch Evern bei Lüneburg, um über eine Teilkapitulation der deutschen Streitkräfte in Nordwestdeutschland, den Niederlanden und Dänemark zu verhandeln. Am 4. Mai wird sie unterzeichnet, tags darauf tritt sie in Kraft.

Eine Delegation um Generaloberst Alfred Jodl betritt am 6. Mai das Hauptquartier von General Dwight D. Eisenhower, Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Nordwesteuropa, in Reims. Jodl soll über eine Teilkapitulation gegenüber den Westalliierten verhandeln. Eisenhower besteht jedoch auf einer bedingungslosen Gesamtkapitulation, gesteht aber zu, dass bis zu ihrem Inkrafttreten 48 Stunden verbleiben könnten.

Mit diesem Zugeständnis gelingt es der Regierung Dönitz, noch Tausende Soldaten und Zivilisten hinter die westalliierten Linien fliehen zu lassen.

Sowjetische Streitkräfte beginnen derweil eine Großoffensive gegen die Reste der deutschen Heeresgruppe Mitte in Böhmen.

An jenem 4. Mai, an dem Generaladmiral von Friedeburg gegenüber Feldmarschall Montgomery teilkapituliert, meldet das Oberkommando der Wehrmacht das Ende der Kampfhandlungen auch um Berlin. In den kommenden Tagen gibt es allerdings noch Scharmützel.

Generaloberst Nikolaj E. Bersarin leitet als Stadtkommandant von Berlin den Wiederaufbau der Stadt ein. Er stirbt am 16. Juni 1945 bei einem Motorradunfall.
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„Die Stadt ist ein öder, unheimlich wirkender Trümmerhaufen mit gespenstischen Formen ehemaliger Häuser, Straßen, Plätze und Stadtviertel“, schreibt ein Berliner in jenen Tagen in sein Tagebuch. „Wie von der Hand eines Riesen zerschmettert liegt das Trümmerfeld der 4½ Millionenstadt in der Sonne, umsäumt von dem grünen Kranz der nicht so schwer mitgenommenen Vororte.“

Andere deutsche Städte haben mehr Opfer durch Fliegerbomben zu beklagen. Aber keine Stadt ist, gemessen an ihren Straßen und Gebäuden, so total zerstört worden: ein Sechstel des Stadtgebiets, fast ein Drittel des Straßennetzes, jedes zehnte Gebäude, jeder dritte Wohnung.

Bis zu 90 Millionen Kubikmeter Schutt sollen in der Stadt liegen, angeblich etwa 15 Prozent der gesamten Trümmermenge in Deutschland.

Berlin soll schnell wieder auf die Beine kommen. Die sowjetische Stadtkommandantur unter Generaloberst Nikolaj E. Bersarin mit Sitz in Alt-Friedrichsfelde verordnet am 5. Mai eine provisorische Regelung der Lebensmittelversorgung. Die Rationen betragen für Erwachsene pro Tag: 200 g Brot, 10 g Zucker, 25 g Fleisch, 10 g Salz, 400 g Kartoffeln, 2 g Kaffee.

Derweil hat sich die Kommandantur mit Ärzten aus allen zwanzig Berliner Stadtbezirken über Sofortmaßnahmen beraten und der Schering AG den Befehl erteilt, die Produktion von Arzneimitteln wiederaufzunehmen.

Unterstützung bekommt Stadtkommandant Bersarin von der „Gruppe Ulbricht“. Die zehnköpfige Gruppe von KPD-Funktionären, geleitet von Walter Ulbricht, ist am 30. April aus Moskau eingeflogen und hat am 2. Mai ihre Arbeit aufgenommen. Ihr Auftrag ist, die Politische Hauptverwaltung der 1. Weißrussischen Front bei der Wiederingangsetzung des öffentlichen Lebens und der Verwaltung Berlins zu unterstützen und die Gründung von Parteien, Gewerkschaften und Organisationen vorzubereiten.

Die Reichshauptstadt steht vor einem Neuanfang, das Reich steht vor seinem Ende.

Die deutsche Kapitulation im Zweiten Weltkrieg. Die Unterzeichnung der entsprechenden Urkunde erfolgt zweimal, am 7. Mai in Reims und am 9. Mai in Berlin-Karlshorst.

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Es ist kurz vor Mitternacht des 8. Mai, als die deutsche Delegation unter Führung von Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel in das Offizierskasino der ehemaligen Festungspionierschule der deutschen Wehrmacht in Karlshorst gerufen wird.

Tags zuvor, am 7. Mai um 2.41 Uhr, hat Generaloberst Jodl im Auftrag von Dönitz in Reims die Urkunde zur bedingungslosen Gesamtkapitulation der deutschen Streitkräfte unterzeichnet. Sie ist am 8. Mai um 23.01 Uhr in Kraft getreten.

Am selben Tag haben britische Soldaten die Regierung Dönitz unter ihre Aufsicht gestellt, am 23. Mai 1945 werden sie alle Mitglieder verhaften.

Die deutsche Kapitulation in Reims ist ohne hochrangige sowjetische Offiziere erfolgt. Stalin will sie im sowjetischen Hauptquartier in Karlshorst wiederholen, Marschall Georgij K. Schukow soll sie entgegennehmen.

Nach wie vor fürchtet Stalin einen Separatfrieden zwischen Deutschland und den Westalliierten, zumal noch immer deutsche Einheiten gegen seine Truppen Widerstand leisten. Und: Die Sowjetunion hat die Hauptlast des Sieges über den Hitler-Faschismus getragen. Wem, wenn nicht zuallererst ihr, obliegt es, die Kapitulation Hitler-Deutschlands entgegenzunehmen?

Außer Frage steht, dass die Sowjetunion infolge des Krieges die meisten Toten zu beklagen hatte. Das prägte ihre Außenpolitik. Nie wieder sollte ein Überfall, wie Hitler-Deutschland ihn 1941 auf das Land verübte, möglich sein.

Es ist kurz nach Mitternacht des 9. Mai, 0.16 Uhr, als die Urkunde zur bedingungslosen Gesamtkapitulation in Karlshorst nochmals unterzeichnet wird.

Der Zweite Weltkrieg endet damit in Europa. Aber nicht im Pazifik. Japan wird  sich erst am 14. August – nachdem amerikanische Flugzeuge über Hiroshima und Nagasaki Atombomben abgeworfen haben – bereit erklären, bedingungslos zu kapitulieren. Eine entsprechende Urkunde wird am 2. September unterzeichnet.

Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel (rechts) unterzeichnet kurz nach Mitternacht des 9. Mai im sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst die Kapitulationsurkunde. Dieser Akt ist bereits am 7. Mai in Reims erfolgt, allerdings in Abwesenheit hochrangiger sowjetischer Offiziere.
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Millionen und Abermillionen Menschen fielen dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer, Soldaten und Zivilisten. Und viele, viele starben in seiner Folgezeit – an Verletzungen, Krankheiten, Auszehrung.

Keine Zahl kann die Opfer zweifelsfrei beziffern, zu unvollständig sind die Akten, zu uneinheitlich ist die Methodik der Materialauswertung, zu unbegreiflich sind Hochrechnungen, nicht selten von nationalen Interessen oder auch persönlichen Ansichten geleitet.

Keine Zahl kann unabhängig davon das Leid auch nur annähernd ermessen.

Allein die Verbrechen des NS-Regimes forderten Millionen Leben, vor allem  jüdisches Leben. Opfer wurden auch Zwangsarbeiter (370.000 sollen sich im Mai 1945 in Berlin befunden haben), Sinti und Roma, Oppositionelle, Regimegegner und Widerstandskämpfer, Behinderte, Deserteure, Homosexuelle.

Und die Tötungsmaschinerie in den Konzentrationslagern lief bis zuletzt. Tausende Häftlinge wurden vor ihrer Befreiung ermordet oder bei ihrer Evakuierung auf Todesmärsche geschickt.

Wir haben von nichts gewusst! Das sagen fast alle Deutschen im Frühjahr 1945. „Niemand ist Nazi“, notiert die amerikanische Journalistin Martha Gellhorn, bekannt geworden durch ihre Kriegsreportagen, nach der Befreiung des KZ Dachau durch amerikanische Soldaten Ende April 1945, „niemand ist je einer gewesen.“ Nur wenige zeigen Scham oder Reue, noch weniger bekennen eine Mitschuld.

Hans-Joachim Loll erlebt das Kriegsende in Reinickendorf, mit seinem Vater, dem der Erste Weltkrieg ein Bein nahm, und seiner Mutter, einer Hauswartsfrau. Der 7-Jährige hat Glück, dass beide Elternteile bei ihm sind.

Eine halbe Million Kinder leben im Mai 1945 in Berlin. Die meisten Väter sind kriegsgefangen, verschollen oder tot, die ältesten Söhne und Töchter müssen jetzt zum Familienunterhalt beitragen, sie müssen „hamstern“ gehen: müssen Essen und Brennholz und Kohle ranschaffen.

Auch Vater und Mutter Loll gehen hamstern. „Wir hatten zusätzlich einen Kleingarten. Dort wuchsen Kartoffeln, Kohl, Radieschen – das war auch gut zum Tauschen“, erzählt Hans-Joachim Loll. „Wir sind dann ganz gut über die Runden gekommen.“

Hunger quält die Menschen im Nachkriegs-Berlin. Diese offensichtlich obdachlose Familie bereitet sich auf einer Straße ein karges Mahl.
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Berlin kommt wieder auf die Beine – obwohl die sowjetische Besatzungsmacht Industrieanlagen demontiert und Züge konfisziert, um sie in die Heimat zu schicken. Das Gaswerk Lichtenberg nimmt am 7. Mai als erstes von acht seinen Betrieb wieder auf, das Gasleitungsnetz ist bis Oktober zu 81 Prozent repariert. Und: 77 der 87 Wasserpumpwerke nehmen bis November ihre Arbeit auf.

Unermüdlich treibt Generaloberst Bersarin die Stadt an: Am 10. Mai versammelt er alle eingesetzten Bezirksbürgermeister in seinem Quartier in Alt-Friedrichsfelde und verpflichtet sie mit Handschlag zur Ausübung ihrer Funktionen; am 12. Mai setzt er die ihm vorgeschlagenen Mitglieder des neuen Magistrats in ihre Ämter ein.

Auch der Verkehr nimmt wieder Fahrt auf. Sowjetische Soldaten, meist Frauen, regeln anfangs den Straßenverkehr, den Militärfahrzeuge, Kutschen und Fußgänger prägen. Die erste Bus-Linie verkehrt ab 13. Mai, die ersten U-Bahn-Züge pendeln ab 14. Mai, die ersten Straßenbahnen fahren ab 20. Mai, die erste S-Bahn rollt ab 6. Juni.

Öffentliche Verkehrsmittel helfen den Berlinern zu überleben. Sie müssen mobil sein auf ihrer Suche nach Lebensnotwendigem, sei es in der Stadt oder auf dem Land, wo sie bei Bauern Lebensmittel kaufen, ertauschen, erbetteln.

Im Sommer 1945 marschieren die Westalliierten in Berlin ein. Die Amerikaner machen den Anfang. Am 3. Juli rücken sie ein. Es gibt keine Parade, nur ein paar Grüppchen verloren winkender Zivilisten. Tags darauf folgen britische Einheiten und ein französisches Detachement (das Gros der Franzosen kommt im August, nach der Konferenz der drei Siegermächte in Potsdam).

Die Amerikaner übernehmen sechs Bezirke im Südwesten der Stadt, die Briten vier im Westen, die Franzosen zwei im Nordwesten und die Sowjets acht im Osten (mit 45,6 Prozent der Stadtfläche und 36,8 Prozent der Einwohner).

„Eines Tages hieß es: Die Engländer sind da!“, erinnert sich der 82-jährige Hans-Joachim Loll. „Und wir – das ganze kleine Volk – hin. Und da gab mir einer der Soldaten ein Sandwich: eine Scheibe Weißbrot, Käse, Weißbrot, Corned Beef, Weißbrot – so dick!“ Er hält Zeigefinger und Daumen mehrere Zentimeter auseinander. Und strahlt, als sehe er es wieder vor sich, um sogleich reinzubeißen.

Ein neuer Krieg zieht herauf, angetrieben von zunehmenden Differenzen zwischen den Siegermächten: der Kalte Krieg.

Woher sie kommen, wohin sie gehen? Auf die Fragen des sowjetischen Kriegsberichterstatters Jewgenij A. Chaldej wissen diese beiden Männer, die in den Trümmern der Französischen Straße sitzen, keine Antwort. Chaldej: „Sie waren am Ende der Welt angekommen.“ 
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Die Berliner – und nicht nur sie – haben noch genug zu tun mit dem alten Krieg. Der Alliierte Kontrollrat verpflichtet im Juli Männer von 14 bis 65 Jahren und Frauen von 15 bis 50 Jahren zu Aufräum- und Bauarbeiten. Kriegsbedingt leben nur wenige Männer in der Stadt. Also gehen überwiegend Frauen an die Arbeit.

Bis zu 60.000 „Trümmerfrauen“ tragen Ruinen ab, schaufeln Schutt und Asche in Eimer, klopfen und kratzen Mörtel von Steinen, schleppen und schaufeln sie auf Loren oder Pferdewagen, die sie nicht selten selber ziehen müssen. Eine gefährliche Knochenarbeit. Es gibt Verletzte und Tote durch herabfallende Steine, Holzbalken und Eisenträger, durch umstürzende Wände und explodierende Blindgänger.

Und dieser Hunger! Verbunden mit den schlechten hygienischen Bedingungen, begünstigt er Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, Diphterie, Typhus, Ruhr. Die Säuglingssterblichkeit ist 1945 fast so hoch wie um 1900: Jedes vierte Baby stirbt.

Das, was der Markt hergibt, reicht nicht zum Überleben. Was es für Lebensmittelkarten gibt (von 1300 Kilokalorien für Nichtberufstätige, genannt „Friedhofskarte“, bis 2600 Kilokalorien für Schwerstarbeiter), ebenfalls nicht.

Schwarzmärkte etablieren sich. Regelmäßig führen die Besatzungsmächte Razzien durch, auch weil es auf den Märkten Ware gibt, die es nicht geben darf, zum Beispiel gefälschte Papiere.

Der „Graue Mark“ hingegen, der von Kompensationsgeschäften lebt, wird geduldet. Ein gutes Geschäft läuft so: Für 320 Reichsmark gibt es ein Pfund Butter. Ein halbes Pfund ist für den eigenen Verbrauch. Für die andere Hälfte gibt es 50 Zigaretten. Zehn Zigaretten sind für den eigenen Verbrauch. Für 40 Zigaretten gibt es eine Flasche Schnaps und eine Flasche Wein. Der Wein ist für den eigenen Verbrauch. Für den Schnaps gibt ein Bauer auf dem Land zwei Pfund Butter.

Ein unbändiger Wille, „das nackte Überleben zu Leben zu machen“ (Schriftsteller Heinrich Böll), treibt die Menschen an. In kleinen Dingen finden sie großes Glück: in einer Tomate, die sie auf ihrem Balkon ernten, in einer Zigarette, die sie sich aus selbst gezogenen Tabakpflanzen drehen.

Wie sagte einst eine Zeitzeugin? „Wir sind nicht verzagt, wir haben uns gegenseitig Mut gemacht. Wir haben es einfach genossen: zu leben!“

Und zu lieben: Am 8. Mai, dem Tag, an dem durch Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde alle Kampfhandlungen in Europa enden, schließt das Standesamt Charlottenburg die erste Ehe nach Kriegsende. Das Brautpaar hat zuvor nicht heiraten dürfen – wegen der „Nürnberger Rassengesetze“.