Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier legt in Yad Vashem einen Kranz nieder.
Foto: AFP/Ronen Zvulun

Yad VashemDie Überlebenden sitzen in Raum 205, ganz am Ende des Ganges. Mehr Frauen als Männer, mit Tee- und Kaffeebechern in der Hand, die Jacken an Haken, die Handys auf dem Tisch, die Rollatoren an der Wand. Sie tragen Akkreditierungskarten um den Hals wie Konferenzteilnehmer. Es ist der 23. Januar 2020. In der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem werden 50 Delegationen aus der ganzen Welt erwartet, um der Befreiung von Auschwitz vor 75 Jahren zu gedenken, dazu zählen Hunderte von Journalisten. Die dürfen – aus Platzmangel - zwar nicht an der Veranstaltung selbst teilnehmen, aber im Pressezentrum der Gedenkstätte wird ihnen einiges geboten: Leinwände, Häppchen, und nun ja, Holocaustüberlebende.

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Die Gedenkstätte Yad Vashem hat sie gefragt, ob sie Interviews geben wollen. 15 haben zugesagt. Ein Journalistenkollege schwört, dass er diese Geschmacklosigkeit nicht mitmacht. Die Überlebenden selbst scheinen damit kein Problem zu haben, sie wollen reden über das, was sie erlebt haben, ihre Botschaft in die Welt tragen. Seit halb acht sind sie hier, jetzt ist es um zehn, der Ablauf bekannt.

„Wir brauchen jemanden für Englisch“, ruft eine der Organisatorinnen. Zwei Hände gehen hoch. Auch Deutsch wird angeboten, Polnisch, Tschechisch, Russisch. Namen von ehemaligen Konzentrationslagern sind zu hören: Auschwitz, Buchenwald, Treblinka. „Ich bin in der BBC“, ruft eine Frau. Ein Mann zeigt Fotos auf seinem Handy mit Angela Merkel. Er kommt gerade aus Essen zurück, wo Martin Schoellers Fotoausstellung eröffnet wurde.

Die Geschichte von Rena Quint 

Rena Quint sitzt ganz alleine an einem weiß gedeckten Tisch. Sie ist 84 und hat sich schick gemacht für diesen Tag: die Haare frisch frisiert, die Lippen rot angemalt, eine Perlenkette um den Hals.

„Wie viel Zeit haben Sie“, fragt sie. Rena Quint kommt aus Piotrkow, einer Stadt in Polen, Rena ist nur einer der vielen Namen in ihrem Leben. Fredel wurde sie von ihrer Mutter genannt, die in Treblinka vergast wurde, Froim von ihrem Vater, der ihr die Haare schnitt wie einem Jungen, weil er glaubte, Jungen hätten bessere Überlebenschancen. Nach dem Krieg war sie Fanny, eine schwedische KZ-Überlebende gab ihr den Namen und die Papiere ihrer toten Tochter und nahm sie mit nach Amerika. Als die Schwedin starb, wurde sie von einem Ehepaar aus Brooklyn adoptiert und Francis genannt, bevor sie Mitte der 80er-Jahre, als sie nach Israel zog, Rena wurde. Rena bedeutet Freude, sagt sie und lächelt.

Rena Quint
Foto: Felix Rettberg

Es ist eine der vielen Geschichten, die an diesem Tag in diesem Klassenzimmer in den Bergen von Jerusalem erzählt werden, während die Vorbereitungen für das große Staatsereignis im Gange sind. Abgesperrte Straßen, Sicherheitskontrollen, Sondereinheiten von Polizei und Armee. Vormittags ist Wladimir Putin auf dem Ben-Gurion-Flughafen gelandet, als letzter der Gäste, kommt aber nicht direkt nach Yad Vashem, sondern weiht erst einmal in Jerusalem ein Denkmal für die Leningrader Blockade ein.

Es geht um die Deutung der Geschichte

Putin, hieß es im Vorfeld in israelischen Medien, bestimme alles, er sei ein guter Freund des Organisators Moshe Kantor und mit dafür verantwortlich, dass Polens Staatspräsident Andrzej Duda keine Rede halten darf und deshalb gar nicht erst gekommen ist. Hintergrund ist ein Streit zwischen den Staatsführern. Putin wirft Polen vor, für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mitverantwortlich zu sein. Duda weist darauf hin, dass Russland am Überfall auf Polen beteiligt war.

Es geht um die Deutung der eigenen Geschichte, 75 Jahre danach, aber auch um die Rolle in der Welt heute. Wer darf sagen, wie es war, wer hat die Deutungshoheit? „Es wäre gut, wenn Polen und Russland die Fakten den Historikern überlassen würden“, sagt Avner Shalev, Vorsitzender der Gedenkstätte Yad Vashem auf einer Pressekonferenz, und dass er Dudas Absage sehr bedauere. Normalerweise hätten sie sehr gute Beziehungen. Neben ihm sitzt Moshe Kantor. Er sagt, nur die Organisatoren hätten Einfluss auf die Veranstaltung gehabt, niemand sonst.

Nicht genug Plätze für ehemalige Häftlinge auf der Veranstaltung

Rena Quint und die anderen Holocaust-Überlebenden sitzen in der ersten Reihe und klatschen. Sie klatschen fast immer, wenn die Männer auf der Bühne etwas sagen. Es ist nicht so richtig klar, ob sie wissen, worum es geht, ob sie verstehen, warum sich an so einem Gedenktag zwei Staatschefs streiten. Er dachte, es gehe hier um sie, sagt Naftali Furst, der ehemalige Auschwitz-Häftling, der Angela Merkel in Essen getroffen hat.

Er habe sich erkundigt, warum er nur ins Pressezentrum eingeladen werde. Bei der Gedenkfeier gebe es nicht so viele Plätze, sei die Antwort gewesen. Nicht nur Furst ärgert das. Ein israelischer Minister hat seinen Platz einem ehemaligen KZ-Häftling überlassen, genauso wie der litauische Präsident. Furst und Quint sehen die Gedenkfeier auf der Leinwand im Klassenzimmer.

Es ist 13 Uhr, die Gäste kommen an. Premierminister Benjamin Netanjahu, Emmanuel Macron, Prinz Charles, Frank-Walter Steinmeier, Argentinien, Spanien, Bosnien-Herzegowina, Kanada, die USA, Belgien, Schweden, Kroatien, viele von ihnen sind das erste Mal in Israel.

Israels Präsident Reuven Rivli begrüßt Holocaust-Überlebende.
Foto: Getty Images

Putin kommt zu spät, die Feier beginnt ohne ihn

Nur einer fehlt: Wladimir Putin. Fast eine Stunde warten die Gäste auf ihn, dann fangen sie ohne ihn an. Staatspräsident Rivlin tritt ans Mikrofon. Er bedankt sich bei den Gästen, dass sie gekommen sind, um „meiner Leute und den vielen Millionen Menschen zu gedenken, die in der Schoah umgekommen sind“.

Er dankt den Alliierten und fragt: „Was wäre passiert, wenn heute in diesem Staat die Rassengesetze die Oberhand hätten?“ Zum Schluss wendet er sich direkt an die Überlebenden im Saal. „Ich habe gesehen, wie ihr als Kinder hergekommen seid, wie ihr Familien gegründet habt“, und verspricht: „Es wird keinen jüdischen Staat geben, der nicht demokratisch ist, wir können nicht in einem undemokratischen Land leben.“

Rivlins Worte sind deutlich und bewegend, auch die anderen Staatsmänner finden Worte, um an das zu erinnern, „was bis heute kein Mensch versteht“. So formuliert es Prinz Charles und erinnert daran, dass seine Urgroßmutter 1943 Juden bei sich zu Hause versteckt habe und hier in Yad Vashem geehrt worden sei. „Darauf bin ich stolz.“ Emmanuel Macron sagt, 240.000 Juden seien in Frankreich versteckt, aber auch 11.000 aus dem Land geworfen worden. „Wir haben alle unseren Anteil daran.“

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Steinmeier spricht als letzter 

Steinmeier ist der letzte Staatsmann, der spricht, er beginnt seine Rede auf Hebräisch: „Gepriesen sei der Herr, dass er mich heute hier sein lässt.“ Dann wechselt er ins Englische, erinnert an Juden, die ermordet wurden: „Samuel und Rega, Ida und Vili“, spricht über „die Mörder, die Wachleute, die Helfershelfer, die Mitläufer: Sie waren Deutsche“, und endet mit einem Zitat eines Auschwitz-Häftlings, dem es gelang, vor seiner Ermordung eine Blechbüchse mit einem Zettel unter einem Krematorium zu vergraben. Der Mann hieß Salmen Gradowski.

Auf seinem Zettel stand: „Wer weiß, ob wir noch einmal den zauberhaften Klang des Lebens werden hören können? Wer weiß, ob wir uns in die Ewigkeit werden einweben können – wer weiß.“

Als Steinmeier zu seinem Platz zurückgeht, umarmt ihn Rivlin so lange, als müsste er ihn, den Deutschen, trösten, und nicht umgekehrt. Vielleicht ist er auch einfach nur froh, dass es keine politischen Skandale gab und bis auf Netanjahu und Pence, die Iran als den antisemitischsten Staat der Welt und Holocaust-Leugner bezeichneten, niemand die Bühne von Yad Vashem für seine politischen Zwecke benutzte.

Staats- und Regierungschefs bei der Veranstaltung zum Gedenken an die Befreiung von Auschwitz. 
Foto: Imago Images

Erleichterung über die ausgeblieben Ausnutzung durch die Politik

Nicht einmal Wladimir Putin. Nun ja, fast nicht. Er ist dann doch noch gekommen. Platzte mitten in die Veranstaltung hinein, sagte, dass 40 Prozent der Opfer Sowjetbürger waren, dass Russen und Polen den Nazis als Untermenschen galten und die slawischen Völker als kulturlos. Und dann sagte er noch, dass die Kollaborateure der Nazis oft grausamer als die Nazis selbst waren. Eine Anspielung, bestimmt.

Rena Quint und Naftali Furst haben davon nichts mehr mitbekommen. Der Raum, in dem sie und die anderen KZ-Überlebenden saßen, ist zu dieser Zeit lange leer. Sie sind nach Hause gefahren, als die Politikerreden begannen und sich die Journalisten in ihre Presseräume zurückzogen. Sie hatten hier nichts mehr zu tun.