Joachim Gauck hat nichts an geistiger Frische oder politischem Engagement verloren.
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

BerlinAls Joachim Gauck im Sommer 2016 seine Entscheidung verkündete, er werde nicht für eine zweite Amtszeit als Bundespräsident zur Verfügung stehen, begründete er dies mit seinem Alter. Er könne für die nächsten fünf Jahre nicht dieselbe Energie und Vitalität voraussetzen wie für die vergangenen fünf. Wer Joachim Gauck heute erlebt, stellt fest: Das war eine sicher berechtigte Sorge, die sich im Nachhinein nicht bestätigt hat.

An diesem Freitag wird er 80 Jahre alt, und er hat nichts an geistiger Frische oder politischem Engagement verloren. Gerade erst hat er dabei geholfen, die Blockade der Thüringer CDU gegenüber der Linkspartei mit ihrem Ministerpräsidenten Bodo Ramelow zu lockern. Er lud Ramelow und den CDU-Landesvorsitzenden Mike Mohring zu einem Abendessen ein, bei dem es um die Möglichkeiten ging, Stabilität in der Landespolitik auch unter einer rot-rot-grünen Minderheitsregierung zu sichern.

Er ist noch immer eine bedeutende Stimme

Gauck ist in der politischen Debatte präsent, derzeit vor allem mit seinem neuen Buch über Toleranz, das ihn zu Lesungen und Diskussionen überall im Land führt. Kritiker warfen ihm vor, er plädiere darin für eine erweiterte Toleranz nach rechts, doch ist das ein Vorwurf, der ihn nach seiner Intervention zu Gunsten der Linken in Thüringen jetzt genauso von der anderen Seite trifft. Damit kann er leben.

Und natürlich ist er immer noch und immer wieder eine bedeutende Stimme in der andauernden Debatte über das Verhältnis der Ostdeutschen und der Westdeutschen zueinander. Jüngst erregte er Aufmerksamkeit mit seiner Feststellung, sehr vielen Ostdeutschen fehle „dieser absolute Durchsetzungswille“. Sie hätten sich eine Wettbewerbsmentalität wie ihre Landsleute im Westen nicht auf natürlichem Wege antrainieren können, und das benachteilige sie bis heute.

Sympathie und Skepsis

Als Joachim Gauck 2012 ins Schloss Bellevue einzog, begleitete ihn viel Sympathie, aber auch viel Skepsis. Brauchte es überhaupt noch einen Bundespräsidenten, fragten die einen. Andere bezweifelten, dass ein Seiteneinsteiger den politischen Herausforderungen gewachsen wäre, schließlich war der ähnlich unerfahrene Horst Köhler gerade erst gescheitert. Und nun sollte ein Amateur richten, was die Berufspolitiker, namentlich Angela Merkel, mit ihrer unglücklichen Kandidatenauswahl, nicht bewerkstelligen konnten?

Heute wissen wir: Joachim Gauck hat seine Aufgaben mit Bravour bewältigt. Das begann schon damit, dass er der Normalität im höchsten Amt des Staates wieder Geltung verschafft hat. Seine beiden Vorgänger – Köhler und dann Christian Wulff – hatten es mit ihrem Gebaren gehörig ramponiert. 84 Prozent der Bundesbürger sagten in einer Umfrage zum Ende seiner Amtszeit, dass er ein guter Präsident war. Wer solch eine Bewertung erfährt, kann nicht viel falsch gemacht haben.

Kämpferisch im Ton: Alt-Bundespräsident Joachim Gauck.
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Das neue Wir-Gefühl

Joachim Gauck war ein politischer Präsident im besten Sinne, der sich einmischt und Position bezieht. Das wird sein Vermächtnis sein, nicht die eine Rede oder das eine Zitat. Von Anfang an hat er sich den Gegnern der Demokratie gestellt, als die von ihnen ausgehende Gefahr noch gar nicht so sichtbar war wie heute. Er fand dazu einen kämpferischen Ton, der nichts mit präsidialen Sonntagsansprachen früherer Zeiten zu tun hat.

Schon in seiner Antrittsrede wandte er sich an die rechtsextremen Verächter der liberalen Ordnung der Bundesrepublik „mit aller Deutlichkeit: Euer Hass ist unser Ansporn. Wir lassen unser Land nicht im Stich. Wir schenken Euch auch nicht unsere Angst. Ihr werdet Vergangenheit sein und unsere Demokratie wird leben.“ Das war ein neues Wir-Gefühl, das Gauck dort formuliert hat, eines, das die Demokraten aufrütteln und mobilisieren soll, mehr zu tun, um unsere Werte und unsere Form zu leben zu verteidigen.

Euer Hass ist unser Ansporn. Wir lassen unser Land nicht im Stich. Wir schenken Euch auch nicht unsere Angst. Ihr werdet Vergangenheit sein und unsere Demokratie wird leben.

Joachim Gauck, in seiner Antrittsrede an die rechtsextremen Verächter der liberalen Ordnung gewandt

Wie nötig das ist, wird heute erst richtig deutlich, da die liberale Demokratie und das Projekt des Westens unter Beschuss stehen, wie er vor ein paar Wochen formuliert hat. In dieser Rede findet sich auch ein anderes Vermächtnis angesichts der Debatten um Zuwanderung und deutsche Identitäten: Die entscheidende Trennlinie verlaufe nicht zwischen Alteingesessenen und Neubürgern oder Angehörigen verschiedener Religionen, stellte er fest. „Die entscheidende Trennlinie verläuft zwischen Demokraten und Nicht-Demokraten. Es zählt nicht die Herkunft, es zählt die Haltung.“

Gauck wäre heute wohl ein genauso guter Bundespräsident wie in seiner ersten Amtszeit. Dennoch hat er 2016 eine kluge Entscheidung getroffen. Er hat sich und seiner Partnerin Daniela Schadt die Freiheit von den Pflichten des Amtes geschenkt, ohne sich aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen. So spielt Joachim Gauck weiter eine Rolle, etwas, das er Zeit seines Lebens gern getan hat.