Kontra 9-Euro-Ticket: Ein Sommermärchen geht zu Ende – und das ist auch gut so

Das einzigartige Sonderangebot hat die Deutschen einander nähergebracht. Doch es bescherte uns auch eine Erkenntnis, die für unser Land peinlich ist.

Fahrgäste mit Fahrrädern steigen im Berliner Hauptbahnhof in den Regionalexpress RE5 nach Rostock. Auf der Route ans Meer war schon immer viel los, aber bisher hat das kaum interessiert.
Fahrgäste mit Fahrrädern steigen im Berliner Hauptbahnhof in den Regionalexpress RE5 nach Rostock. Auf der Route ans Meer war schon immer viel los, aber bisher hat das kaum interessiert.Peter Neumann/Berliner Zeitung

Das 9-Euro-Monatsticket ist ein grandioser Erfolg. Seit dem Verkaufsstart Ende Mai ist es mehr als 40 Millionen Mal verkauft worden. Über zehn Millionen Abonnenten dürfen die Vorteile ebenfalls nutzen. Das Ticket ist ein gelungener Marketingcoup, der die Deutschen einander nähergebracht hat. Autofahrer, die lange keinen Zug mehr von innen gesehen haben, treffen auf Entdeckernaturen, die ihr Land kennenlernen wollen, und auf Menschen mit wenig Geld, die sich über eine billige Reisemöglichkeit freuen.

Die kundenunfreundliche Kleinstaaterei aus mehr als 70 Verkehrsverbünden und fast 50 Tarifgemeinschaften spielt drei Monate lang keine Rolle mehr. In Rekordzeit hat die sonst ziemlich auf sich selbst bezogene Nahverkehrsbranche einen einfachen nationalen Verbundtarif auf die Beine gestellt, wie man ihn bislang für nicht möglich gehalten hatte.

Eine Sucht gibt man auch nicht innerhalb von wenigen Tagen auf

Als Gegenstück zum Tankrabatt ist das 9-Euro-Ticket vor allem ein sozialpolitisches Vorhaben. Es soll Bürger entlasten, und das funktioniert. Versuche von Kritikern, das Projekt mit weitergehenden Erwartungen zu überfrachten, laufen dagegen in die Irre. Dass das Ticket vor allem in der Freizeit und für Fahrten genutzt wird, die sonst nicht stattfinden würden, sollte keine Überraschung sein. Schließlich finden auch Schnupperfahrten, bei denen ein Auto vor dem Kauf getestet wird, in der Freizeit statt.

Dass Auto-Pendler nicht in Scharen dauerhaft auf den öffentlichen Verkehr umgestiegen sind, dürfte ebenfalls kaum verwundern. Eine so einschneidende, das Alltagsleben verändernde Entscheidung, die dem Aufgeben einer Sucht entspricht, trifft man auch nicht in einer derart kurzen Zeit.

Aber damit sind wir schon bei den Gründen, warum das 9-Euro-Ticket nicht weitergeführt werden darf. Die Zustände, die es erzeugt oder verschärft hat, haben viele Menschen abgeschreckt, Busse und Bahnen auch künftig zu nutzen.

So wünschenswert der Ansturm mobilitätspolitisch sein mag: Das Ticket hat den öffentlichen Verkehr zu einem Offenbarungseid gezwungen, der für ein reiches Industrieland peinlich ist und Sonntagsreden Hohn spricht. In grellen Schlaglichtern zeigt sich, wie ein unterdimensioniertes und im Zeichen falsch verstandener Wirtschaftlichkeit kaputtgespartes System unter dem Andrang gutwilliger, neugieriger Bürger beinahe kollabiert.

Dass auf Strecken mit viel Freizeitverkehr bei gutem Wetter schon immer viel los ist, hatte bis dahin kaum jemand interessiert. Nun waren die überfüllten Züge sowie die menschenunwürdigen Bedingungen, denen Fahrgäste und Bahnmitarbeiter darin ausgesetzt sind, endlich auch mal im Fernsehen zu sehen.

29 Euro, 49 Euro, selbst 69 Euro pro Monat: Das ist zu wenig

Doch so traurig es ist: Der Schienenverkehr in Deutschland ist einer solchen Belastung auf Dauer nicht gewachsen. Die Nachfrage muss wieder sinken, und das gelingt mithilfe des Fahrpreises. Auch wenn sich Parteien und Verbände mit Forderungen nach neuen Billigtarifen zu profilieren versuchen: Der öffentliche Verkehr ist ein komplexes, mit viel Personal betriebenes System, das realistische, leistungsgerechte Preise verdient – abgesehen davon, dass auch er Kohlendioxid erzeugt. 29 Euro, 49 Euro, selbst 69 Euro bundesweit pro Monat: Das ist zu wenig.

Die nun gewonnenen Erfahrungen zeigen zudem, dass Niedrigpreise allein kein Mittel sind, um Kraftfahrer nachhaltig aus ihren Autos zu locken. Neben einem besseren Nahverkehrsangebot und einer generellen Bevorzugung klimafreundlicher Fortbewegungsarten wird es auch Elemente des sanften Zwangs geben müssen.

Das heißt nicht, dass die Politik und die Branche jetzt nicht gemeinsam den Schwung nutzen sollten, um Fahrpreissysteme zu entrümpeln, einen nationalen Nahverkehrstarif zu schaffen und rasch neue preiswerte Angebote zu konzipieren. Aber ein neues 9-Euro-Ticket sollte es nicht geben. Dieses Sommermärchen ist vorbei, und das ist gut so.