Eine Fahrkarte für das ganze Land: Dieses Angebot kommt offenbar gut an. Innerhalb der ersten drei Wochen seit dem Verkaufsstart sind rund 16 Millionen 9-Euro-Tickets verkauft worden. Hinzu kommen mindestens zehn Millionen Jahreskarten- und Abo-Inhaber, deren Tickets im Juni, Juli und August ebenfalls bundesweit im gesamten Nahverkehr gelten. Diese Zahlen teilte der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) am Dienstag mit. Allerdings ist zu erwarten, dass das Reisen von Berlin an die Ostsee auch am nächsten Wochenende zum Teil wieder beschwerlich werden könnte.

Für neun Euro pro Monat alle Bahnen und Busse des Nahverkehrs in Deutschland nutzen, von Berchtesgaden bis Flensburg, von Frankfurt (Oder) bis Aachen: Das 9-Euro-Ticket macht es möglich. Der temporäre nationale Verbundtarif, der vom Bund mit 2,5 Milliarden Euro subventioniert wird, soll die Bundesbürger angesichts steigender Mobilitätskosten entlasten. Und anders als beim Tankrabatt kommt das Geld auch bei den Nutzern an. Die Nachfrage steigt, heißt es beim VDV.

Viele Nutzer des 9-Euro-Tickets verzichten auf Autofahrten

Insgesamt nutzen aktuell weit über 25 Millionen Menschen die Vorteile des 9-Euro-Tickets, sagte VDV-Präsident Ingo Wortmann am Dienstag. „Damit sind wir bereits Mitte Juni auf einem guten Weg, die von uns prognostizierte Zahl von monatlich bis zu 30 Millionen Nutzerinnen und Nutzern zu erreichen.“

Der Verband stellte erste Eindrücke und Ergebnisse aus der bundesweit repräsentativen Marktforschung vor. Demnach hat das Sonderangebot einen sehr hohen Bekanntheitsgrad. Rund 99 Prozent der Befragten gaben an, das 9-Euro-Ticket zu kennen, rund zwei Drittel kennen es nach eigenen Angaben sehr gut. Über 70 Prozent der Befragten nannten als Kernargument für den Kauf des Tickets den günstigen Preis. Mehr als die Hälfte der Befragten nannte als Hauptgrund, dass sie dank des Tickets auf Autofahrten verzichten könnte. Knapp die Hälfte gab „Umweltschutz“ als hauptsächlichen Kaufgrund an. Für immerhin zwölf Prozent ist das Kaufargument, „einfach mal den ÖPNV auszuprobieren“.

Einfach mal Bahn und Bus ausprobieren – für wenig Geld

„Die Umfrage bestätigt das, was wir im täglichen Betrieb aktuell wahrnehmen“, kommentierte VDV-Präsident Wortmann. „Neben den Abokunden gibt es zahlreiche Fahrgäste, die das Ticket nutzen, um den Nahverkehr erstmals auszuprobieren oder wieder mal mit Bus und Bahn zu fahren.“

Beobachter zeigten sich allerdings skeptisch, ob Pendler in Größenordnungen zum Umsteigen auf Bahn und Bus bewegt werden können. Die ersten Erkenntnisse zeigten, dass das 9-Euro-Ticket vor allem während der Freizeit für Fahrten genutzt wird, sagte Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) der Berliner Zeitung.

Als wesentliches Resultat des Experiments könnte sich erweisen, dass der öffentliche Verkehr für viele Menschen ins Blickfeld geraten ist und breiter als bisher über notwendige Verbesserungen diskutiert wird. „Vielen Menschen ist erstmals bewusst geworden, dass Alternativen zum Auto existieren.“

Arbeitsethos bei der DB lässt zu wünschen übrig

Wichtig sei, dass die Verkehrsunternehmen und deren Beschäftigte die Herausforderung annehmen, sagte Knie. Leider habe er bei seinen Fahrten mit der Deutschen Bahn (DB) erfahren, dass das Personal den erhöhten Zuspruch vor allem als Last empfindet – und nicht als Chance, dauerhaft neue Kunden zu gewinnen. Hinzu komme, dass Fahrzeuge nicht immer in gutem Zustand sind.

Wie überfordert das System ist, zeigte sich am vergangenen Wochenende. Zwischen Berlin und Oranienburg fielen beide direkten Schienenverbindungen aus, weil sowohl die S-Bahn-Linie S1 als auch die Regionalexpresslinie RE5 nach Rostock wegen Bauarbeiten unterbrochen waren. Der Schienenersatzverkehr (SEV) klappte oft nicht, weil zu wenig Busse zur Verfügung standen und eine Demonstration sowie Staus den Straßenverkehr beeinträchtigten. Viele Fahrgäste mussten lange warten, es gab Gedränge und Verärgerung. Zugbegleiter informierten die Fahrgäste nicht.

Berliner Zeitung/Peter Neumann
Wo bleibt denn der Schienenersatzverkehr? Vor dem Bahnhof Oranienburg warten am 12. Juni mehrere Hundert Fahrgäste auf die Busse, die sie nach Berlin bringen sollen. Gerade ist der RE5 aus Rostock eingetroffen.

„Aufgrund der erwarteten hohen Reisendenzahlen wurden am Wochenende bereits Reserven eingesetzt, unter anderem ein Doppeldeckerbus“, erklärte ein Bahnsprecher. „Durch zwei parallele SEV-Verkehre für S-Bahn und Regio kam es leider immer wieder zu Verwechslungen der Abfahrtspunkte. Die Busse warteten deshalb öfter auf Fahrgäste, kamen aber in der Folge aus dem Takt. Diskussionen über Fahrradmitnahmen, ein hohes Reisendenaufkommen und dadurch längere Ein- und Ausstiege sowie am Sonntag Verkehrsbehinderungen durch die Fahrradsternfahrt führten zu weiteren Verzögerungen.“

Krankmeldungen dünnten auch den Regionalzugverkehr aus – unter anderem ebenfalls auf der Linie RE5. „Einige Verbindungen fielen am Wochenende leider wegen kurzfristiger Krankmeldungen aus“, erklärte der Sprecher. Weil Lokführer meist für mehrere Fahrten eingeteilt sind, fallen in der Regel mehrere Züge aus, bis eine Bereitschaft angereist ist und einspringen kann.

Bahn schließt nicht aus, dass es erneut zu Problemen kommt

Die S1 ist noch bis 6. Juli zwischen Birkenwerder und Oranienburg unterbrochen. Am kommenden Wochenende ist zudem auch die Linie RE5 zwischen Berlin und Oranienburg wieder nicht in Betrieb. Drohen erneut Überlastungen und Zugausfälle? Dazu der Bahnsprecher: „Wir geben unser Möglichstes, dass es nicht dazu kommt. Wir können aber nicht alle Faktoren, die zu Zugausfällen führen können, selbst beeinflussen.“