9. November, der deutscheste aller Tage: Ein Feiertag ist er nicht

In Stalingrad begann vor 80 Jahren die letzte Offensive: Erinnerung an ein verdrängtes Ereignis, andere Schicksalswendungen und blinde Flecken der Geschichte.

Ein Bild aus der Schlacht um Stalingrad. Da war der Winter 1942 gerade vorbei. 
Ein Bild aus der Schlacht um Stalingrad. Da war der Winter 1942 gerade vorbei. imago/KHARBINE-TAPABOR

Der 3. Oktober 2022 ging reizarm vorüber. Am 7. Oktober tauschten Ostdeutsche ironisch gemeinte Grüße zum Republikgeburtstag aus. Da ist der 9. November von ganz anderem Kaliber: Dieser Tag erlaubt weder Gleichgültigkeit (wie das bürokratisch festgelegte Datum zum Feiern deutscher Einheit) noch ostalgisches Gespöttel. Der 9. November, übervoll mit Geschichte, ist und bleibt der deutscheste aller 365 Tage im Jahr. Genau aus diesem Grund darf er kein Feiertag sein, schon gar kein Nationalfeiertag, aber der wichtigste Gedenktag ist er ohne Frage.

Am 9. November 1918 proklamierten im Abstand von zwei Stunden der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann und der Kommunist Karl Liebknecht in Berlin die Republik. 500 Jahre Hohenzollernherrschaft waren am Ende. Am selben Tag erreichten die antijüdischen Pogrome 1938 ihren Scheitelpunkt.

Am liebsten erinnern sich die Deutschen an die Nacht vom 9. zum 10. November 1989, als DDR-Bürger die Öffnung der Grenze zwischen Ost- und Westberlin erzwangen – gemeinhin Mauerfall genannt. Die Mauer stand zwar noch, aber Schlagbäume waren hochgegangen. Von der Westseite her bestiegen Menschen die Mauer am Brandenburger Tor, und heute denkt die ganze Welt, DDR-Bürger hätten am symbolträchtigen Ort die Grenzanlagen erobert. Bilder haben sich über die wahren Ereignisse geschoben und die Erinnerung umgestaltet. Ein Grenzübergang am Brandenburger Tor öffnete erst am 22. Dezember.

Verdrängt, gleichwohl schicksalhaft ist der 9. November 1942: Vor 80 Jahren begannen deutsche Truppen der 6. Armee in Stalingrad, heute Wolgograd, die Operation Hubertus zur Eroberung wichtiger Brückenköpfe – ihre letzte Offensive. Sie scheiterte rasch. Zehn Tage später begann die sowjetische Armee einen zangenförmigen Großangriff, nach drei Tagen saßen 250.000 deutsche Soldaten im Kessel. Die Kriegswende. Am 9. November 1942 war in Stalingrad der erste Schnee gefallen.

Hitler hatte seinen eigenen 9. November: Jedes Jahr gedachte er des Putschversuchs von 1923, als seine Bewegung von München aus ansetzte, die Regierung der Weimarer Republik zu stürzen. Das misslang. 1942 redete Hitler aus diesem Anlass im Münchner Löwenbräukeller.

Dort versprach er den baldigen Sieg im Osten und berichtete seinen Volksgenossen und -genossinnen von den Massenmorden: Von den Juden „lachen unzählige nicht mehr“, rief er seinem Publikum zu. Die Rede wurde im Reichsrundfunk übertragen und in den Zeitungen gedruckt.

Wie nah dieser Osten ist, macht ein Blick auf die Europastraße E40 klar: Sie kreuzt in Görlitz die Grenze, führt über Breslau, Krakau, Lemberg, Kiew und Donezk direkt nach Wolgograd. Von diesem alten europäischen Weg aus begingen Deutsche massivste Verbrechen – in Polen, in der Ukraine, in Russland.

Blasses Gedenken

Als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im März 2021 die Ukraine besuchte und an den Feiern zum 80. Jahrestag des Massakers von Babyn Jar teilnahm, sagte er, das Gedenken an diese Gräueltaten sei „viel zu blass, viel zu schemenhaft verzeichnet“.

In der Tat: Die ukrainischen Opfer wie auch die ukrainische Kollaboration mit den Deutschen sind jahrzehntelang übersehen worden – wie generell die östlichen Weiten nur am Rande der politischen Radarschirme flackerten. Dabei hatte es das nationalsozialistische Deutschland auf die Ukraine besonders abgesehen, sie sollte als riesige fruchtbare Kolonie deutsche Siedler aufnehmen und das Reich versorgen.

Verschiebung der Koordinaten nach Osten

So kam es nicht, doch lieferte der „Ergänzungsraum Ost“ jahrzehntelang günstige Rohstoffe für das komfortable Leben hierzulande. Ansonsten begriffen Westdeutsche, selbst solche, die seit 30 Jahren in Berlin wohnten, erst am 24. Februar 2022, dass sie im Osten leben, dass die Ukraine nur 635 Kilometer entfernt von der deutschen Grenze liegt. Die Bundesrepublik ruhte in all der Zeit in der Westbindung aus.

Mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine haben sich die Koordinaten der deutschen Politik dramatisch und ruckartig Richtung Osten verschoben. Die Beziehungen zwischen Berlin und Kiew sind spannungsreich. Die nur vage aufgeklärte Vergangenheit lauert störend im Untergrund.

Bahnhof Wolgograd 2022: Ein russischer Rekrut spricht mit seinem Sohn, bevor er einen Zug steigt, um auf Befehl Wladimir Putins in den Krieg gegen die Ukraine zu ziehen.
Bahnhof Wolgograd 2022: Ein russischer Rekrut spricht mit seinem Sohn, bevor er einen Zug steigt, um auf Befehl Wladimir Putins in den Krieg gegen die Ukraine zu ziehen.AP

Kriegszeiten mögen schlecht für die Lösung verschleppter Konflikte taugen, aber man muss auch jetzt schon an die Zeit danach denken: an den Wiederaufbau der Ukraine – unter besonderer deutscher Verantwortung und mit historisch angemessen geweitetem Blick auf Russland. Ohne „neuen Völkerhass“, wie der Schriftsteller Eugen Ruge dieser Tage in der FAZ mahnte.

Der 9. November sollte gerade in Deutschland vor allem ein Tag des Dankes sein – dafür, dass Deutschland trotz seiner einzigartig monströsen Verbrechen wieder aufgenommen wurde in die Gemeinschaft der Völker.