BerlinNeulich hatte ich eine Zoom-Lesung mit einem Hamburger Gymnasium. Das Hamburger Gymnasium hat kein Wlan, die Schüler des Kurses saßen zu Hause in ihren Zimmern, ich stand im Schlafzimmer. Ich trug Hausschuhe und Lippenstift und hielt den Rechner so, dass man den Wäscheständer nicht sah. Ich las aus „Eisenkinder“ vor, meinem Buch über die Wendezeit. Während ich las, stellte sich ein seltsames Gefühl ein, das ich sonst von Lesungen nicht kannte. Die meisten Schüler hatten ihre Kameras abgeschaltet, ich sah keine Gesichter. Ich hatte kein Gefühl für die Atmosphäre im Raum. Es gab keinen gemeinsamen Raum. War noch jemand da? Oder hatten die Schüler alles abgeschaltet und schauten stattdessen Rezo auf Youtube?

Ich las eine Stelle vor, an der es um den 9.November 1989 ging. Ich habe den 9. November verschlafen. Und ich merkte, dass ich mich ein wenig schämte, dies den 15- und 16-Jährigen so zu sagen. Es klingt ein bisschen, als hätte ich vergessen, wann ich Geburtstag habe.

Jeder Ostdeutsche ist in den vergangenen dreißig Jahren bestimmt tausendmal gefragt worden, was er am 9. November 1989 gemacht hat. Und nach all den Jahren, all den Fragen, den Bildern, den Serien und Fernsehfilmen habe ich das Gefühl, dass alle Ostdeutschen sich am 9. November am Grenzübergang Bornholmer Straße drängten, auf der Mauer tanzten, Volkspolizisten umarmten und „Wahnsinn“ riefen. Wenn ich sage, dass ich den 9. November verschlafen habe, kommt es mir vor, als stimme etwas mit meiner Erinnerung nicht.

Wenn ich mit meiner Familie heute über die Bornholmer Brücke von Prenzlauer Berg nach Wedding fahre, dann rufe ich laut aus: „Guckt Kinder, hier war früher die Grenze! Hier war die Mauer, die haben die Ost-Berliner eingetreten.“ Und es klingt, als sei ich selbst dabei gewesen. Ich war aber nicht dabei. Ich war in Eisenhüttenstadt, in einem Internat, und lag im Bett. Mein letzter Gedanke am 9. November galt, wenn ich meinen Aufzeichnungen trauen darf, nicht der Oppositionsbewegung der DDR oder der Befreiung vom Kommunismus, sondern dem Mohnkuchen meiner Mutter. Ich war 15 Jahre alt, ungefähr so alt wie die Schüler beim Zoom-Meeting. Der 9. November war kein besonderer Tag für mich, auch wenn ich mir das noch so sehr wünschen würde. Wenn ich mir etwas wünschen könnte.

Und vielleicht war er für viele Menschen gar nicht der besondere Tag, zu dem er später gemacht wurde. Ich kenne Westdeutsche, die sich entschuldigen, dass sie den 9. November verschlafen haben. Dass der 9. November ein Tag der Befreiung der DDR-Bürger war, ist eine Erzählung, die hinterher erfunden wurde. Auch um zu zeigen, dass das, was davor war, kein „richtiges“ Leben war. Das richtige Leben begann erst am 9. November 1989. Es war der Geburtstag der Ostdeutschen, die es vor 1989 gar nicht gab. Man war DDR-Bürger, aber kein Ostdeutscher. Ich versuche das den Schülern zu erklären, oder zumindest teilweise. Und ich merke, wie sehr ich daran gewöhnt bin, die Gesichter und die Körper der Zuhörer nicht nur zu sehen, sondern auch ihre physische Anwesenheit zu spüren. Ein Schüler steht auf und stellt seine Frage: „Wünschen Sie sich die DDR zurück?“, sagt er. Es ist die zweite Frage, die Ostdeutsche in den vergangenen dreißig Jahren oft gehört haben.

Ich schaue auf das rote Feld am Rand, „Meeting verlassen“ steht darauf. Es wäre ganz einfach, da jetzt drauf zu klicken.