„A Star is Born”-Darstellerin Lady Gaga im Interview: „Berühmt zu sein, ist völlig unnatürlich”

Sie ist der wohl größte Popstar unserer Zeit, schrill, unendlich talentiert, immer eigenwillig. Aber jetzt will Lady Gaga auch die Kinoleinwände erobern – und dass sie das schafft, hat sie schon bewiesen. „A Star is Born“ (seit 4.10. im Kino) wurde vor den strengsten Filmkritikern bei den Filmfestivals Venedig und Toronto aufgeführt, und das Publikum war jedes Mal hingerissen. Es sind eigentlich drei Debüts in einem: 

Lady Gaga spielt, und Schauspieler Bradley Cooper gibt sein Regie- und Gesangsdebüt. In dem Film spielt Gaga die junge, von Selbstzweifeln und Lampenfieber geplagte Sängerin Ally, die von dem Countrystar Jack (Cooper) entdeckt wird, dessen Karriere sich alkoholbedingt dem Ende zuneigt. Ally überwindet ihre Bühnenangst und wird zum Star.

Lady Gaga, in diesem Film sind Sie mal nicht die extrovertierte Popikone mit den schrillen Outfits. So „normal“ hat man Sie noch nie gesehen. Wie war das für Sie?

Eins ist klar: Ich liebe Make-up! (lacht) Ich mag ausgefallene Mode und extravagante Kostüme. Es ist Teil meiner Kunst, Teil meiner Musik. Aber für diese Rolle war all das nicht nötig, das machte mir Bradley klar. Er wollte mich ganz pur haben. Ich erinnere mich sehr gut, ich ging die Treppe von meinem Haus hinunter, bevor wir die Probeaufnahmen drehten. Ich hatte nur ein ganz leichtes Make-up auf dem Gesicht, so eins, das aussieht, als wäre ich nicht geschminkt. Aber Bradley konnte ich nicht täuschen. Er ging mir mit einem Taschentuch übers Gesicht und sagte: „Ich will kein Make-up auf deinem Gesicht.“

Waren Sie bereit, sich mal im wahrsten Sinn des Wortes ungeschminkt zu geben?

Zuerst war das eine echte Herausforderung, dadurch fühlte ich mich erst noch verwundbarer und unsicherer. Aber dann war es auch unglaublich befreiend, mich nicht mehr verstecken zu können. Ich war bereit, für diese Rolle wirklich alles zu geben, meine ganze Leidenschaft, bis aufs Blut. All meine Angst und mein Schmerz sollten in diesem Film zu sehen sein. Und viel Liebe! Ich habe mich auch mit allen Kollegen am Set sehr verbunden gefühlt, wir waren wie eine große Familie. Jeder Tag war wundervoll. Ich bin sehr froh, diese Chance bekommen zu haben.

Warum reizte Sie die Schauspielerei überhaupt?

Ich wollte schon immer Schauspielerin sein. Wenn man in einem Raum mit hundert Leuten nur einen einzigen von sich überzeugen kann, einen einzigen, der einem ermöglicht, einen Traum wahr werden zu lassen, dann ist das alles, was man braucht. Dieser Mensch war für mich Bradley Cooper. Er hat an mich geglaubt.

Haben Sie sich auf Anhieb verstanden? Er nennt sie immer Stefani, sonst keiner…

Ja, ab dem ersten Moment, als er vor meiner Tür stand, um mich kennenzulernen, spürte ich eine tiefe Verbindung zu ihm. Wir kommen beide von der Ostküste, haben beide italienische Wurzeln, also habe ich erst mal ein paar Nudeln aus dem Kühlschrank aufgewärmt und wir haben zusammen gegessen. Danach bat er mich, den Song „Midnight Special“ zu singen. Ich habe mir schnell die Noten ausgedruckt und habe mich mit ihm an mein Klavier gesetzt. Ich war wahnsinnig nervös, weil ich den Song nicht gut kannte. Plötzlich fing er an zu singen! Ich habe sofort aufgehört Klavier zu spielen. Denn seine Stimme ist unglaublich!

Die von Ihnen gespielte Ally spielt zum ersten Mal ihren eigenen Song vor dem Publikum. Das ist sicher ein unvergesslicher Moment für jeden Künstler. Wie erging es Ihnen bei dieser Szene?

Ally kippt in der Szene noch einen Schnaps runter, bevor sie auf die Bühne geht. Beim letzten Take sagte Bradley: „So, jetzt machen wir noch einen Take, bei dem es nur um eins geht: Dass du Spaß hast.“ Und den Moment werde ich nie vergessen: Es fühlte sich wirklich so an, als würde ich meinen Song zum allerersten Mal spielen. Den Take haben wir dann auch genommen!

Warum hat Sie „A Star is Born“ angesprochen? Haben Sie die Story selbst so ähnlich erlebt?

Nein, bei mir war es ganz anders. Als ich mich entschied, Sängerin zu werden, und es professionell angehen wollte, war ich etwa 19 Jahre alt und habe alles getan, damit es klappt. Ich zog von Bar zu Bar und versuchte, einen Job zu bekommen. Ich wollte für die Leute singen und auftreten. Ich glaubte an mich selbst! Ally aber hat längst ihren Traum aufgegeben. Erst der von Bradley gespielte Jack und ihre Liebe zueinander erweckt sie überhaupt wieder zum Leben.

Sie müssen am Anfang Ihrer Karriere auch Unterstützung gehabt haben. Wer war der Mensch in Ihrem Leben, der fest an Sie geglaubt hat?

Mein erster Fan war sicher mein Vater! Ich weiß noch, wie ich als Kind am Klavier saß und mein Vater sich zurücklehnte, um mir zuzuhören. Ich habe ihm meine ersten eigenen Songs vorgespielt und er war immer ganz begeistert. Er war sehr liebevoll und hat mich unterstützt. Ohne ihn hätte ich nie das Selbstvertrauen entwickelt, Musikerin zu werden.

Der Film handelt auch von Alkohol- und Drogenmissbrauch. Sind Sie in Ihrem privaten und beruflichen Umfeld auch damit konfrontiert?

Natürlich. Und ich würde mir wünschen, dass wir lernten, schon früher die Anzeichen einer Suchterkrankung bei den Menschen zu erkennen, die uns wichtig sind. Je früher wir helfen können, desto besser! In meinem Arbeitsumfeld gibt es viele Leute mit ernsten Problemen. Das liegt daran, dass es eine völlig unnatürliche Sache ist, berühmt zu sein. Darauf kann man nicht vorbereitet werden. Es passiert, und es stellt das Leben auf den Kopf. Meine Figur Ally leidet in dem Film unter Depressionen, auch diese Krankheit ist im Showbusiness weit verbreitet.

Was könnte man dagegen tun?

Ich bin überzeugt, dass junge Künstler dringend einen Psychologen an ihrer Seite brauchen, wenn sie plötzlich im Rampenlicht stehen. Wenn sich deine ganze Welt auf einen Schlag verändert, brauchst du Hilfe, sonst verlierst du dich. Wir müssen liebevoll auf die Seelen der Menschen achten – nicht nur bei Künstlern, sondern bei allen Menschen. Mitgefühl ist wichtig. Wir müssen lernen, besser auf uns und andere zu achten. Ich finde es wunderbar, dass unser Film dieses Thema anspricht.

Im Film treten Sie in einem Drag-Queen-Club auf …

Der Drehtag war ein Traum! Ich sage immer, dass hinter jeder großen Künstlerin im Showbiz ein talentierter schwuler Mann steht. Ohne die LGBTQ-Community wäre ich jetzt nicht hier. Sie haben mich immer unterstützt. Und mir viel über Liebe, Mut und Verständnis beigebracht.

War das ein einmaliger Ausflug oder werden wir Sie in Zukunft öfter auf der Leinwand sehen?

Dieser Film war die erfüllendste Erfahrung, die ich in meinem Leben je machen durfte. Natürlich würde ich gerne wieder so eine Erfahrung machen können. Aber es wird nicht leicht sein, ein Projekt zu finden, bei dem jeder mit so viel Leidenschaft und Liebe arbeitet.