Jürgen Kolk ist Hallig-Quereinsteiger.
Foto: Privat

BerlinSchöneberg war früher das Zuhause von Jürgen Kolk und seiner Familie. Der promovierte Historiker lebte mehrere Jahre lang in Berlin, der größten Stadt Deutschlands. Jetzt steht der 56-Jährige der Gemeinde Gröde auf der gleichnamigen Hallig in Nordfriesland vor – die gerade mal zehn Einwohner hat. Ein Gespräch über Einsamkeit, Zusammenhalt und das stürmische Leben auf einer kleinen Hallig im Wattenmeer.

Berliner Zeitung: Herr Kolk, jahrzehntelang war Gröde die kleinste Gemeinde Deutschlands. Doch wegen des Zuzugs einer dreiköpfigen Familie kann die Nordsee-Hallig den Titel nun nicht mehr allein für sich beanspruchen, sondern muss ihn sich mit dem rheinland-pfälzischen Dierfeld teilen. Waren Sie sauer, als Sie in der vergangenen Woche diese Nachricht vom Statistischen Bundesamt hörten?

Jürgen Kolk: Nein, überhaupt nicht. Es geht ja hier nicht um eine Titeljagd. Es ist toll, dass wir neue Bewohner auf der Hallig haben und nun nicht mehr sieben, sondern zehn Einwohner zählen. Also genau genommen sind wir zu neunt, denn der 16-jährige Sohn der neuen Familie wohnt auf dem Festland. Er ist aber auf Gröde gemeldet.

Grafik: BLZ/Galanty

Die Familie, die Ihrer Gemeinde ein Bevölkerungswachstum von fast 42 Prozent bescherte, hat also nichts zu befürchten?

Natürlich nicht. Die Familie lebt jetzt seit einem Jahr auf Gröde, sie haben ein leer stehendes Haus für sich entdeckt und sich entschlossen, hierherzuziehen. Nun ist das Leben gerade nicht so einfach, der Onlineshop, den sie aufgebaut hatten, funktionierte mit unseren eingeschränkten Postverbindungen nicht, aber wir versuchen jetzt, dass wir sie im Landesamt für Küstenschutz beschäftigt bekommen.

Die Luftaufnahme zeigt die Hallig Gröde vor der Nordseeküste in Nordfriesland.
Foto: Carsten Rehder/dpa

Wovon leben denn die anderen Hallig-Bewohner?

Drei von uns, auch ich, arbeiten beim Küstenschutz. Wir bessern die Lahnungen aus, das sind Pfahlreihen mit Buschwerk darin, und halten die Steinkante instand, die die Hallig bei Sturmfluten vor Landverlust schützen soll. Außerdem betreiben wir Landwirtschaft, halten Schafe und lassen bei uns sogenannte Pensionsrinder weiden, die den Sommer über vom Festland hierher übersetzen und unsere saftigen Salzwiesen genießen dürfen. Und schließlich gibt es auf Gröde noch sechs Ferienwohnungen für unsere Sommerurlauber.

Sie selbst sind auch ein Hallig-Quereinsteiger. Was hat Ihre Familie dorthin verschlagen?

Ich bin mit meiner Frau und unseren beiden Kindern vor 15 Jahren nach Gröde gezogen, als das ehemalige Haus meines Onkels wieder zum Verkauf stand. Wir kannten die Hallig schon von diversen Urlauben und hatten Lust, dort zu leben. Ich wollte das gleich, und als meine Frau sagte: „Komm, wir machen das gemeinsam!“, war der Schritt besiegelt. Einzig unsere damals achtjährige Tochter war nicht begeistert, weil sie fürchtete, keine Freunde zu finden.

Und, haben sich ihre Befürchtungen bewahrheitet?

Damals hatte Gröde noch 18 Einwohner, darunter sechs Kinder. Die Hallig-Schule war noch in Betrieb und unsere Tochter fand dann auch schnell Anschluss. Aber im Jahr 2011 verließen die letzten Kinder die Schule, seither ruht der Schulbetrieb und das Haus steht leer. Es ist aktuell nicht bewohnbar.

Sie haben einen Doktortitel, auch Ihre Frau hat studiert. Wie wurden Sie als Zugereiste von den Alteingesessenen aufgenommen?

Eigentlich ganz gut, der akademische Titel interessiert hier doch keinen. Man muss sich verstehen und miteinander können – die Chemie muss stimmen. Wir kannten die Bewohner bereits von unseren Ferienaufenthalten und haben uns natürlich mit ihnen besprochen, bevor wir auf die Hallig zogen. Das muss man hier schon machen.

Und als vor zwei Jahren ein neuer Bürgermeister gesucht wurde, haben Sie gleich Ja gesagt?

Mein Vorgänger hatte das Amt 30 Jahre lang inne, klar, dass da mal Schluss sein würde. Ich habe lange überlegt, denn schließlich ist der Posten mit allerhand Arbeit verbunden.

Viele Schafe, wenig Menschen: Das ist das Leben auf Gröde.
Foto: Imago Images

Was sind die größten Probleme, mit denen Sie sich herumschlagen müssen?

Zum einen gibt es interne Konflikte, auf der Hallig ist man sich nicht immer ganz einig. Auch bei Behörden muss man immer wieder an die Türen klopfen, damit sich was bewegt. Die Mühlen auf Gröde mahlen sehr langsam, manchmal dauert es Jahre, bis ein Projekt umgesetzt wird. Finden Sie mal eine Baufirma, die in unsere Abgeschiedenheit kommt! Allein schon die Baumaschinen und Bagger hierher zu kriegen, ist mit enormem Aufwand und Kosten verbunden. Wir bräuchten zum Beispiel dringend ein neues Gemeindehaus – die Versammlungen finden zurzeit bei mir im Wohnzimmer statt. Und dann benötigen wir eine Schule, damit wir wieder Kinder unterrichten könnten, wenn welche kommen.

Woran scheitern solche Vorhaben?

Das Schul- und Gemeindehaus müsste neu gebaut werden. Dafür braucht es öffentliche Fördergelder, die wir nur bekommen, wenn wir die neuen Hochwasserrichtlinien einhalten. Das hieße, dass wir die Kirchwarft, also den Hügel, auf dem unser altes Schulhaus samt Kirche steht, um knapp zwei Meter erhöhen müssten.

Und das möchte nicht jeder?

Wie gesagt, die Mühlen mahlen langsam. Viele Entscheidungen in der Gemeindeversammlung müssen einstimmig fallen, da ist die Kunst der Kompromiss, auch und gerade mit wenigen Einwohnern. Alle mitzunehmen, das erfordert Zeit und manchmal einfach auch Abwarten.

Wie sieht der Alltag aus auf einer kleinen Hallig im Wattenmeer, die 20- bis 30-mal im Jahr überflutet wird und die eine halbe Stunde vom Festland entfernt liegt?

Es gibt eine Linienverbindung, die im Sommer drei- bis viermal pro Woche nach Schlüttsiel übersetzt, im Winter deutlich seltener. Lebensmittel bestellen wir bei Edeka auf dem Festland, die werden dann auch von unserem Linienschiff gebracht. Wenn es einen Notfall gibt, müssen wir den Kapitän anrufen oder einen Rettungshubschrauber.

Versuchen Sie aktiv, neue Einwohner zu gewinnen?

Nein, momentan haben wir auch gar keine freien Immobilien. Und wenn etwas zum Verkauf steht, achten wir sehr genau darauf, wer zu uns zieht. Wir haben hier ein Allmende-System, das heißt, wir bewirtschaften die Salzwiesen gemeinschaftlich. Daher haben wir wenig Interesse daran, dass ein reicher Städter einen Hof auf Gröde kauft, dann nur im Sommer hier ist und ansonsten an Feriengäste vermietet. Wer hier leben will, sollte auch unseren Alltag teilen.

Sie haben früher mal einige Jahre lang in Berlin gelebt, der Stadt mit den meisten Einwohnern Deutschlands. Träumen Sie manchmal davon, zurückzugehen?

Nein, das ist für mich nicht mehr vorstellbar – Berlin wäre mir viel zu groß und zu hektisch. Aber ich fahre gern in die Hauptstadt, um Freunde zu besuchen und dort ein paar Tage Urlaub zu machen.