Abgeschiedenheit auf Wangerooge: Ein Mann spaziert über den Strand.
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WangeroogeAbgeschiedener geht es kaum: Auf Wangerooge sind die Bewohner gerade im Winter unter sich. Von der Nordseeinsel mit rund 1300 Einwohnern startet mitunter nur eine Fähre pro Tag, wenn sie bei Stürmen nicht sogar ausfällt. Jetzt, in Zeiten von Corona, wird die Abgeschiedenheit wohl noch größer ausfallen – auf unbestimmte Zeit (siehe Kasten unten).

Die Berlinerin Emily Knothe hat es eher zufällig auf die Insel verschlagen. Eine Freundin hatte sie eingeladen, weil Knothe nach dem Master „die Decke auf den Kopf gefallen ist“. Über die Freundin bekommt die 33-Jährige einen Job in einer Strandbar, Blick auf die Nordsee. „Ich dachte, ich bleibe zwei, drei Monate.“ Daraus ist jetzt fast ein Jahr geworden.

Die Berliner Barkeeperin Emily Knothe arbeitet jetzt in einer Strandbar im hohen Norden.
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Was die Berlinerin schätzt: die kurzen Wege und mehr Zeit für Freunde. Sogar die ruhigen Monate ohne Touristen hat die Barkeeperin genossen: „Es heißt immer: Im Winter rücken die Insulaner näher zusammen.“ Dann bekomme Knothe am Tresen viele Geschichten zu hören: von vergangenen Stürmen ebenso wie vom Problem mit bezahlbarem Wohnraum.

Die 26-jährige Annabel Thomas ist aus Hannover in die Abgeschiedenheit gezogen. Die Lehrerin unterrichtet seit einigen Wochen an der Inselschule. „Ich bin einmal auf die Insel gekommen, um mich zu bewerben. Das zweite Mal dann zur Wohnungssuche, da wurde ich schon erkannt: ,Ah, Sie sind die neue Lehrerin.‘“

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Für Wangerooge ist Annabel Thomas ein Glücksgriff, denn junge Menschen zieht es eigentlich eher aufs Festland: Wer Abi machen will, muss aufs Internat und auch für die Ausbildung gehen viele – vielleicht auch für ein bisschen Abwechslung. Denn ohne Touristen geht es beschaulich zu. Im Winter ist etwa das Kino die meiste Zeit dicht. „Meine Schüler haben mir gleich am Anfang gesagt, dass ich Netflix brauche“, erzählt Thomas.

Sie kam aus Hannover nach Wangerooge: Lehrerin Annabel Thomas.
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Warum sie sich ausgerechnet hierhin beworben hat, darüber kommt die Lehrerin aber nur kurz ins Grübeln: „Ich bin eh ein Meermensch. Geprägt durch Herbsturlaube in Dänemark, wo nur kaltes, nasses Wetter und Steilküste waren. Da haben wir uns immer wohlgefühlt, wir hatten Zeit als Familie.“ Die Inselkinder findet Thomas erstaunlich offen. „Die sagen: ,Heute ist nicht mein Tag. Die Stunde war überhaupt nichts, ich hab nichts verstanden.‘ Das würde auf dem Festland kaum jemand ehrlich zurückmelden.“ Außerdem arbeiteten die Schüler miteinander statt gegeneinander – „und das jahrgangsübergreifend. In der Großstadt hat man ja eher Grüppchenbildung.“

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Corona: Alles anders auch auf den norddeutschen Inseln

Gesperrte Inseln: Ob Sylt, Amrum, Föhr, Nordstrand, ob Fehmarn oder Rügen, Usedom, Hiddensee und Poel oder Wangerooge, Spiekeroog und Baltrum: Urlaub auf den norddeutschen Inseln ist seit Montag für unbestimmte Zeit nicht mehr möglich. Alle norddeutschen Küstenländer haben wegen der Ausbreitung des Coronavirus ihre Inseln in der Nord- und Ostsee für Touristen gesperrt. In Mecklenburg-Vorpommern werden die Maßnahmen auf Rügen, Usedom, Hiddensee und Poel schrittweise eingeführt; wegen der Größe der Inseln und der zahlreichen direkten Verbindungen aufs Festland.

Belastung für den Tourismus: Der Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus dürfte den Tourismus auf den Inseln der Nord- und Ostsee massiv belasten. Die Ministerpräsidenten der Bundesländer Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein hatten sich darauf verständigt, die Inseln für Gäste zu sperren. „Aus gesundheitlicher Sicht ist das die richtige Entscheidung, aus touristischer der Super-Gau“, sagte Wangerooges Bürgermeister Marcel Fangohr (parteilos) am Montag der Deutschen Presse-Agentur. „Mit dem Ostergeschäft rechnet keiner mehr.“

Nur zwei Ärzte: Dennoch rief Fangohr dazu auf, das Beste aus der Lage zu machen, die Gesundheit gehe vor. Auf Wangerooge gebe es nur einen beziehungsweise vom kommenden Monat an zwei Ärzte. „Für 10.000 Gäste ist das zu wenig.“ Im Falle gehäufter Infektionen „werden wir das nicht stemmen können“. Als Grund für die Abriegelung wurde zuvor genannt, dass die Gesundheitssysteme der Inseln nicht auf eine größere Zahl von mit dem Coronavirus infizierten Menschen vorbereitet sind. Die Maßnahme dient damit sowohl dem Schutz der Inselbevölkerung als auch dem Schutz der Gäste.

Bürgermeister Marcel Fangohr (parteilos) sorgt sich etwas um die Inselgemeinschaft. Auch wenn die Einwohnerzahl über die Jahre relativ konstant bleibe, würden die Bewohner im Schnitt älter. „Wir brauchen junge Leute“, sagt er. Solche, die Familien gründen. „Wichtig ist, dass das dörfliche Gemeinschaftsgefühl erhalten bleibt, dass man miteinander was macht, sich Menschen im Verein engagieren.“ Erst recht, da die Bewohner nicht einfach ins Nachbardorf fahren können. Auf der Insel ist man gezwungen, miteinander auszukommen. So nach dem Motto: Wir machen stets das Beste aus der Situation.

„Wenn die Urlauber weg sind, gibt es keinen Zumba-Kurs. Jeder muss sich selbst einbringen“, sagt Anja Höneise. Von Hamburg hat es die 36-Jährige nach Wangerooge verschlagen und dort bringt sie sich ein: Höneise bietet Mutter-Kind-Turnen an. Ihr Mann und sie übernahmen 2011 eine Bäckerei. Auf einer Insel ohne Autos beliefern sie Hotels mit dem Rad. „Wir arbeiten hier mit Urlaubern. Das ist entspannt. In der Stadt heißt es eher: ,Wie lange dauert das mit dem Kaffee noch?‘“

Anja Höneise in der Bäckerei, die sie mit ihrem Mann betreibt.
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Fachkräftemangel herrscht auf den Inseln dennoch. Norderney will diesen Frühling ein eigenes Jobportal starten. Dort braucht man einem Sprecher zufolge nicht nur Rettungsschwimmer und Zimmermädchen, sondern auch Verwaltungskräfte und Ordnungsbeamte. Spiekeroogs Bürgermeister Matthias Piszczan (CDU) erzählt: „Das Problem ist nicht, dass die Leute nicht kommen wollen, sondern wo sie wohnen können.“ Der Bürgermeister einer der kleinsten selbstständigen Kommunen in Niedersachsen sagt: „Wir haben Großstadtpreise.“

Hotelier Detlev Rickmers auf Helgoland (Schleswig-Holstein) hat kürzlich beklagt, die Insel werde zu einer Mischung aus Zufluchtsort für die Reichen, Ferienressort, Museumsinsel und Naturschutzreservat. Damit an Niedersachsens Küste das Inselleben nicht stirbt, plane man von Borkum bis Wangerooge ein Projekt mit der Jade-Hochschule in Wilhelmshaven, so Bürgermeister Fangohr: Auf diese Weise „wollen wir herausfinden, wie sich die sieben Inseln besser vermarkten können“. Nicht als Urlaubsziel, sondern als Lebensmittelpunkt. Er sucht Menschen, die zehn, 20 Jahre bleiben wollen, „die wissen, worauf sie sich einlassen“.