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BerlinIch rede wirklich gerne über meinen Beruf, nicht weil meine Hybris es braucht (sagt zumindest meine Therapeutin), sondern weil ich zutiefst davon überzeugt bin, dass über das Sterben zu reden etwas bewirkt. Hier einmal danke für all die tollen Zuschriften zur Kolumne und danke, dass die Berliner Zeitung meinen Senf hier zulässt. Nur die Charité hat noch nicht geantwortet.

Als ich mein kleines, charmantes Buch „The End: Das Buch vom Tod“ herausbringen durfte (nein, das muss niemand mehr kaufen, ich erzähle euch hier alles), gab es in diesem Kontext relativ viele Interviews, für ein sonst eher träges Thema, wie das Sterben.

Ich führe zwar kein Tagebuch, aber ich liebe Schmierzettel. Mein Schreibtisch zu Hause ist ein Chaoshaufen, aber ich finde alles wieder. Letzten Montag habe ich eben einer dieser Schmierzettel gefunden. „Warum immer nur Guinness-Rekorde?“ Das muss ich ein bisschen frustriert aufgeschrieben haben, als ich in einem Interview schon wieder einmal gefragt wurde: „Und erzählen Sie doch mal von Ihrer spannendsten Beerdigung?“ (Alternativ, aber hinter vorgehaltener Hand: „Haben Sie für unsere Hörer beziehungsweise Leser nicht eine so richtig krasse Geschichte auf Lager?“)

Natürlich lassen sich die „krassen“ Geschichten immer besser verkaufen. Pinke Flamingos, die auf Trauerfeiern tanzen. Die meisten Gäste auf einer Trauerfeier. Der absurdeste Tod, den wir erlebt haben.

Als ob ich Hollywood-Diva wäre, habe ich mir immer herausgenommen zu sagen, darauf antworte ich nicht. Weil ich es falsch finde nur die höchste, schlimmste und traurigste Geschichte zu erzählen. Weil es bewirkt, dass man es wieder so weit wegschieben kann. Das schafft wieder Distanz. Mein Kind verlieren? Zu absurd. Suizid in der Familie? Haben wir noch nicht erlebt.

Um so mehr habe ich mich gefreut, als ich auf diesem chaotischen Schreibtisch noch einen anderen Zettel gefunden habe. Ich notiere mir gerne Schlagworte, die ich dann in der Kolumne verarbeite. „Neu verlieben!“

Darüber hätte ich gerne unzählige Interviews gegeben. Wie ist eigentlich der gesellschaftliche Konsens, ab wann ein Hinterbliebener wieder einen neuen Menschen in sein Leben lassen darf? Klingt komisch. Aber das sind Fragen, die mich interessieren.

Ist es unmoralisch sich schon einen Partner an die Seite zu nehmen, während man die demente Frau noch pflegt? Wie schauen die Nachbarn, wenn Opa Wrede (hat er wirklich!) ein halbes Jahr nach dem Tod meiner Oma Kontaktannoncen in der Zeitung schaltet? Wieso hat meine andere Oma das Gefühl, ihren verstorbenen Mann zu betrügen, selbst wenn sie sich nur mit einem Bekannten auf einen Kaffee verabredet.

Wie so oft, habe ich, unter uns gesagt, keine schlauen Antworten. Ich sehe nur die Schwierigkeiten und frage mich und auch euch, als Leser der Kolumne, wo fängt man an?

Macht man es, wie mein Freund Marc, der seiner Frau klar sagt: Bitte, ich möchte, dass du glücklich bist. Suche dir jemanden.

Ist es Aufgabe des Sterbenden, seine Liebsten freizugeben?

Hätte mein Opa meiner Oma sagen sollen: Sei glücklich! Sei nicht einsam! Hätte das was verändert? Ist es eine falsche Verantwortung der Frau oder des Mannes gegenüber den Kindern?

Wir haben bei uns regelmäßig eine „Trauergruppe“ (doofes Wort) von Müttern und Vätern junger Kinder, die ihren Partner verloren haben. Und dort ist es ein regelmäßiges Thema, ab wann man wieder Dates haben darf, ab wann man wieder in jemanden verknallt oder verliebt sein darf. Und meine leise Frage ist dann immer, warum habt ihr so viel Angst davor?

Ist es eine posthume Untreue? Besteht die Gefahr, dass meine Kinder mich verurteilen, wenn ich mich mit jemanden treffe?

Ich glaube, es braucht einen gesellschaftlichen Diskurs (Gott klingt das wichtig). Natürlich einen Diskurs über Trauer. Wie oft habe ich das Gefühl, Menschen in den Arm nehmen zu wollen. Wie oft habe ich das Gefühl, Menschen sagen zu wollen: Los trau dich. Du hast nur noch wenige Jahre, nutze die! Liebe heißt: den anderen glücklich sehen zu wollen?