Berlin - Das Bild ist eindeutig. Und es ist grün. Das Umfrageinstitut Wahlkreisprognose.de hat in der ersten Maiwoche 2134 Personen in Berlin befragt und daraus eine repräsentative Prognose für die Abgeordnetenhauswahlen im Herbst gefertigt - Wahlkreis für Wahlkreis. Besonders interessant ist dabei der Trend für die Wahlen zu den zwölf Bezirksverordnetenversammlungen. Schließlich ist der Zuschnitt der zwölf Bezirke annähernd identisch mit dem der zwölf Berliner Wahlkreise bei der gleichzeitig stattfindenden Bundestagswahl. 

Natürlich kann man das Wahlverhalten bei einer Kommunalwahl nicht mit dem bei einer Bundestagswahl gleichsetzen. Da spielt einerseits hinein, ob die eine oder andere Partei im Bezirk, im Kiez, gute Arbeit leistet - und andererseits, ob man lieber Armin Laschet, Olaf Scholz oder Annalena Baerbock im Kanzleramt sehen möchte. Aber es ist völlig offen, wie viele Wählerinnen und Wähler wirklich differenzieren werden, wenn sie am 26. September gleich fünf Stimmen abgeben können: Erst- und Zweitstimme für den Bundestag, Erst- und Zweitstimme für das Berliner Abgeordnetenhaus sowie eine Stimme für die heimische BVV.

In jedem Fall aber ist das Zwischenergebnis, das Wahlkreisprognose.de ermittelt hat, für die einen höchst beglückend, für die anderen höchst bedrückend: Demnach werden sieben der zwölf Berliner Bezirke im September grün - und kein einziger schwarz. Wenn man das für die Bundestagswahl gleichsetzt, würde die CDU in Berlin kein Direktmandat gewinnen. Das ist ihr das letzte Mal 1998 widerfahren, als im Bund am Ende Rot-Grün vorne lag. 

Nun darf man sich bei der CDU ziemlich sicher sein, dass Bezirke wie Reinickendorf oder Steglitz-Zehlendorf am Ende eben doch gewonnen werden, schließlich sind es noch vier Monate bis zum Urnengang. Außerdem wurden die 2134 Menschen befragt, bevor sie vom Abbremsen des Grünen-Höhenflugs spätestens nach Annalena Baerbocks Gedächtnislücke bei der Veröffentlichung von Nebeneinkünften erfuhren.

Tempelhof-Schöneberg zum Beispiel oder auch Mitte können auch noch schwarz werden. Viele Bürgerliche werden sich bis kurz vor ihrem Gang in die Wahlkabine überlegen, ob sie nicht der immer grüner werdenden CDU doch noch eine Chance geben wollen. Nach dem Motto: Auch wir wollen eine ökologische Wende, aber...

Mario Czaja in Marzahn von CDU allein gelassen

Nun liegen die Schauplätze dieser Überlegungen alle mehr oder weniger tief im Westen der Stadt. Im ehemaligen Ostteil der Stadt hat die CDU traditionsgemäß wenige Chancen. Die Parteistrukturen sind schwach, ein Abo auf Niederlagen macht sie wenig attraktiv für Neueinsteiger, aber auch für Wählerinnen und Wähler. Noch nie hat die CDU im Osten ein Direktmandat geholt. Immerhin zauberte die CDU in Treptow-Köpenick neulich Eisschnellläuferin Claudia Pechstein, eine Quereisteigerin mit Überraschungspotenzial, aus dem Hut. Aber ansonsten?

Aus der Reihe der Ostbezirke sticht einer noch besonders heraus: In Marzahn-Hellersdorf ist die AfD Wahlprognose.de zufolge drauf und dran, das Rathaus zu erobern. Und auch das Direktmandat für den Bundestag scheint für die AfD in Reichweite. Wie es aussieht, verliert in Marzahn-Hellersdorf die Dauergewinnerin Linkspartei immer mehr an Boden, auch weil junge Revolutionäre die alten Pragmatiker nach und nach ablösen. Außerdem hat sich ein offenbar stabiles Protestpotenzial längst von Dunkelrot zu Blau umorientiert.

Und ausgerechnet in diesem Wahlkreis hätte die CDU möglicherweise sogar Chancen, in den Zweikampf zwischen links und rechts einzugreifen. Mario Czaja, erfolgreicher Lokalmatador gegen vermeintlich übermächtige Konkurrenz in zahlreichen Abgeordnetenhauswahlen, tritt für die Christdemokraten zwischen den Hochhäusern von Marzahn-Nord und den Siedlungsgebieten von Mahlsdorf-Süd an.

Doch gerade ihn lässt seine Partei allein. Sie sichert ihn nicht auf der Landesliste für die Zweitstimmen ab, so wie übrigens keine(n) Kandidatin oder Kandidaten in den Ostbezirken. Es dominiert auf der Liste - und in der Perspektive der Partei - der Westen, obwohl doch dort ohnehin die besten Chancen bestehen, noch eines oder mehrere Direktmandate für den Bundestag zu erringen.

Der ehemalige Sozialsenator Czaja, dem im Westen seit dem Flüchtlingskrisendebakel 2016 gerne ein Verliererimage angeheftet wird, hat sich mehr als einmal über einen Rückfall der Berliner CDU zu einer „Insulaner-Partei“ des alten West-Berlin beklagt. Einer Partei, die weit hinter die Errungenschaften des Regierenden Bürgermeisters der Einheit, Eberhard Diepgen, zurückfalle. Czajas Analyse trifft - und das ist ein beklagenswerter Zustand, vier Monate vor den Wahlen.