„Achtung, Achtung, hier spricht Ihre hannoversche Polizei!“ Als gestern gegen 19.15 Uhr diese Durchsage zu hören war, wussten die meisten Menschen, die vor den Nordtoren des Stadions am Maschsee auf Einlass zum Länderspiel Deutschland gegen die Niederlande warteten, was die Stunde geschlagen hatte. Dabei wurde zunächst nur dazu aufgefordert, dort zu bleiben, wo man war, und nicht das Stadiongelände zu betreten. Erst wenige Minuten vorher war hier der Eingang freigegeben worden, die ersten Fußballfans hatten gerade die Leibesvisitation hinter sich gebracht, die aus gegebenem Anlass etwas gründlicher ausfiel als sonst üblich. Einige Minuten nach der ersten Durchsage dann die Gewissheit. Noch einmal die hannoversche Polizei: „Das Spiel ist abgesagt.“

Ruhig und geordnet

Ein paar Buhrufe, ein paar ungläubige Gesichter, vor allem aber gab es Schulterzucken, so als habe man eigentlich nichts anderes erwartet. Trotz der Aufforderung, den Umkreis des Stadions zügig zu verlassen, blieben viele Menschen noch stehen und debattierten, von Panik keine Spur.

Erst als Polizisten umhergingen und etwas nachdrücklicher zum Verlassen des Gebiets aufforderten, setzte sich die Menge Richtung Innenstadt in Bewegung. Kurze Zeit später wurden die Betreiber der vielen Imbissbuden, die vor der Arena Bratwürste, Fischbrötchen und vor allem diverse Getränke anbieten, per Lautsprecher angehalten, den Verkauf ihrer Produkte unverzüglich einzustellen. In der Nähe des U-Bahnhofs Waterloo meldete sich dann noch einmal „Ihre hannoversche Polizei“ und teilte mit, dass die Station geschlossen sei und die Leute zu Fuß weitergehen sollten. Auch das verlief ruhig und geordnet. Die beiden Mannschaften waren zum Zeitpunkt der Absage noch nicht an der Arena angekommen.

Ernsthafte Hinweise auf einen Sprengstoffanschlag im Stadion habe es gegeben, teilte Hannovers Polizeipräsident Volker Kluwe mit, zuvor habe bereits „ein verdächtiger Gegenstand“ für Aufregung gesorgt, der sich aber als harmlos erwies. Die Entscheidung, dieses Spiel trotz der Anschläge in Paris durchzuführen, weniger als sportlichen Wettstreit denn als Demonstration für Freiheit und Demokratie, hatte sich jedoch endgültig als zu ehrgeizig erwiesen.

„Wachsam sein, aber dafür sorgen, dass man keine Panik macht.“

Die Nervosität schon im Vorfeld war riesig, das war auch am Mittag zu spüren, als der Sicherheitsbeauftragte des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Hendrik Große Lefert, am Rande der Tagung der DFB-Landesverbände noch einmal Stellung zu den Maßnahmen rund um diese Partie nahm. Der DFB arbeite eng mit der Bundespolizei und der örtlichen Polizei zusammen, sagte Große Lefert, und natürlich sei klar, dass man ein solches Spiel absagen müsse, wenn das Risiko zu groß erscheine. Die Richtschnur für die notwendigen Sicherheitsvorkehrungen sei: „Wachsam sein, aber dafür sorgen, dass man keine Panik macht.“

Ein schwieriger Spagat, der zum Beispiel die Frage aufwarf, was der Anblick von Maschinenpistolen auslöst. Tragen sie in Händen von Polizisten zur Beruhigung bei, weil sie Schutz im Ernstfall versprechen, oder wirken sie erschreckend, weil sie eine Gefährdung signalisieren? Offenbar hatte man eher Letzteres befürchtet, die angekündigte Präsenz von Polizisten mit Maschinenpistolen im Stadionumfeld war nur vereinzelt an den Zugangswegen zu beobachten. Auch war zwar deutlich mehr Polizei im Einsatz als bei normalen Spielen, doch die hielt sich weitgehend im Hintergrund, direkt am Stadion beschränkte man sich auf das Postieren kleiner Grüppchen. Der größte Teil der verschärften Sicherheitsvorkehrungen dürfte so angelegt gewesen sein, dass die Zuschauer davon nichts mitbekamen.

Spiel bei Weitem nicht ausverkauft gewesen

Ohnehin wäre das Stadion wohl längst nicht gefüllt gewesen. Zum Zeitpunkt der Absage war die Masse der wartenden Zuschauer durchaus noch überschaubar. Auch vor den Ereignissen von Paris war dieses Testspiel gegen die nicht für die EM qualifizierten Niederlande bei Weitem nicht ausverkauft gewesen. Nachdem dann im Vorfeld immer wieder betont wurde, dass die Partie sportlich ohne Wert sei, auch am Montag vom Bundestrainer Joachim Löw, zogen es viele Kartenbesitzer wohl vor, zu Hause zu bleiben. Bei ekligem Regenwetter einer Mixtur aus Demonstration und Trauerfeier in einem zugigen Stadion beizuwohnen, ist nicht jedermanns Sache, auch wenn es einem guten Zweck dient. Zwar hatte der Vorverkauf nach den Ereignissen von Paris noch einmal angezogen, doch die Diskussionen um den Sinn dieses Spiels und vor allem die zunehmende Fokussierung auf die Sicherheitsproblematik dämpften den Enthusiasmus wieder.

Die Menschen, die sich auf den Weg zum Stadion gemacht hatten, kamen eindeutig nicht, um ein spannendes Fußballspiel zu sehen. Nur sehr wenige trugen Trikots der Nationalmannschaft, die übliche Fankleidung war kaum zu sehen, keine geschminkten Gesichter, sehr wenig Schwarzrotgold für ein Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft. Sie kamen, um ein Zeichen für Toleranz und Solidarität zu setzen. Das hat an diesem Abend nicht funktioniert.