Indianer? So nennt man Sônia Guajajar besser nicht. In ihrer Heimat Brasilien greifen Politiker gern zu dem Begriff, klagt sie, um die Eingeborenen kleinzureden. Guajajar, 41, eine energische Frau mit langem schwarzen Haar, kann leidenschaftlich schimpfen. Zu lange kämpften die 305 Völker, deren Ahnen vor Kolonialisten und Einwanderern in Brasilien lebten, für ihre Rechte als Indigene und um ihre Gebiete.

Nun sind diese Gebiete wieder in Gefahr, und mit ihnen der Regenwald. Deshalb ist Guajajar nach Berlin gekommen. Der Umweltverband WWF hat sie eingeladen. Am Donnerstag war sie im Bundestag und im Auswärtigen Amt, am Freitag kommt sie ins Kanzleramt.

Die kämpferische Frau vom Volk der Guajarara ist die Stimme aller Indigenen Brasiliens: Als erste Frau leitet sie seit 2013 den Dachverband der Indio-Regionalorganisationen, spricht für eine knappe Million Menschen, die vor allem in Reservaten im Amazonas-Wald leben. Und der ist bedroht wie lange nicht mehr, sagt Guajajar.

Im dicken Mantel, der den Federschmuck um ihren Hals verdeckt, und flugs gekauften Winterschuhen – solche Kälte hatte sie auch wieder nicht erwartet – spricht sie ruhig, aber mit kampferprobt-rauer Stimme über die Angriffe auf Indios und Regenwald: „In Brasilien wird gerade die Verfassung verletzt, um die Indigenen aus ihren rechtmäßigen Gebieten zu vertreiben und den Regenwald für neue Wirtschaftsinvestitionen zu zerstören.“ Seit Jahren würden Umweltstandards geschleift, die illegale Entwaldung steigt wieder. Nun soll der Bergbau in die Schutzgebiete ausgeweitet werden. Mehr als 25 000 Anträge auf wirtschaftliche Nutzung liegen vor. „Es drohen massive Umwelt- und Klimaschäden“, sagt Guajajar. Immerhin ist der Amazonas-Wald – 15 mal so groß wie Deutschland – einer wichtigsten Stabilisatoren des Weltklimas. „Zugleich schürt die Vertreibung soziale Konflikte.“

Reden, bis alle still sind

Guajajar stammt aus einem Amazonas-Dorf im Nordosten Brasiliens; schon als Kind faszinierte sie, wie die Indios sich für ihre Rechte organisierten. Sie wuchs in die Verbandsarbeit hinein, die eine Parallelstruktur zu den traditionellen Hierarchien wurden; mochte es, Menschen zu mobilisieren, sie stieg im Verband auf, bis sie einzige Frau unter den fünf Regionalchefs war. Seitdem führt sie Proteste gegen Großprojekte an, als Amazonas-Lobbyistin bereiste sie 21 Länder und sprach vor der Uno.

Politisch sind die Indigenen in Brasilien so gut wie nicht repräsentiert, die sozialdemokratische Präsidentin Dilma Rousseff ignoriere sie. Also brauchen sie Guajajar als ihre Stimme – aber auch, um den Streit unter den Indio-Führern zu befrieden sowie den zwischen Indigenen und Naturparkverwaltungen. „Ich bringe einfach alle an einen Tisch und rede, bis alle still sind“, sagt sie und lacht schallend. „Im Ernst: Die einzige Lösung ist Kooperation.“