Masar-i-Scharif - Es hat sich in den letzten beiden Jahren viel verändert im Camp Marmal. Weite Teile des Feldlagers nahe der nordafghanischen Provinzhauptstadt Masar-i-Scharif sind verwaist, riesige Flächen wurden von Wohncontainern und Fuhrparks freigeräumt. „Da war mal alles voll“, sagt der Bundeswehr-Logistiker, der Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen am Montagmorgen auf einer Aussichtsplattform einen Überblick über das Lager verschafft. Wo er hinzeigt, ist eine leere Geröllfläche.

Das Camp hatte einmal die Dimension einer Kleinstadt, jetzt ist es fast zu einem Dorf zusammengeschrumpft. 7000 Soldaten waren hier 2013 stationiert, als die Nato die radikalislamischen Taliban noch offensiv bekämpfte. Heute sind es gerade einmal 1600. An die Kampfoperationen erinnern nur noch ein paar Fotos im Hauptquartier des Camps - und der Ehrenhain für die gefallenen Soldaten.

Es gibt aber auch noch Dinge, die sich im Camp Marmal nicht geändert haben. Wie jedes Jahr in der Adventszeit haben die Soldaten einen Weihnachtsmarkt aufgebaut und dafür eine neun Meter hohe Tanne mit einem Militärtransporter aus Leipzig einfliegen lassen. Die mitgelieferten Weihnachtskugeln waren zu klein. Deswegen wurden kurzerhand Fuß- und Basketbälle in Silberpapier eingepackt.

„Wir bleiben“

Wie jedes Jahr im Dezember schaut auch die Ministerin vorbei. Eigentlich sollte ihr dritter Weihnachtsbesuch in Masar-i-Scharif auch ihr letzter werden. Denn für das Frühjahr 2016 war der Rückzug der Soldaten nach Kabul und die Schließung des Camps geplant. Jetzt ist erstmal Schluss mit der Truppenreduzierung, weil die afghanische Armee die Sicherheitslage nicht alleine in den Griff bekommt.

„Die Grundbotschaft muss sein: Wir bleiben“, sagt von der Leyen schon auf dem Hinflug. Später spricht sie von einem Fehler der Nato, feste Zeitlinien für den Abzug festgelegt zu haben. „Diese Botschaft ist auch von den Taliban verstanden worden.“ Die hätten das zum Anlass genommen, um loszuschlagen.

Als Konsequenz soll es jetzt keine Abzugsdaten mehr geben. Die Soldaten sollen so lange bleiben, bis ein vertretbares Maß an Sicherheit herrscht. Es ist eine Abkehr von einer seit fünf Jahren verfolgten Strategie der Nato. Immer wieder wurden Zeitlinien genannt - erst für das Ende des Kampfeinsatzes, dann für die Beratung und Ausbildung der afghanischen Streitkräfte.

Jetzt ist das Ende wieder offen. Die Nato hat sich am vergangenen Dienstag zunächst einmal darauf festgelegt, die Truppe im nächsten Jahr nicht wesentlich zu reduzieren. Die Zahl der Bundeswehrsoldaten soll sogar von 850 bis zu 980 aufgestockt werden.

Danach kommt es aber wieder darauf an, was die Amerikaner machen. Sie stellen immer noch mehr als zwei Drittel der ausländischen Soldaten in Afghanistan. Ohne ihre Transportflugzeuge könnte das Camp in Masar-i-Scharif gleich dicht machen. Wenn die USA nicht mehr wollen, läuft der Einsatz aus.

Es ging beim Weihnachtsbesuch von der Leyens aber nicht nur um Afghanistan. Kurz vor ihrem Abflug begann ein neuer Kampfeinsatz der Bundeswehr. Die Fregatte „Augsburg“ soll jetzt vor der syrischen Küste den französischen Flugzeugträger „Charles de Gaulle“ bei Luftangriffen gegen die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) schützen. Noch in dieser Woche sollen die ersten Aufklärungs-„Tornados“ in die Türkei starten.

Parallelen zwischen Afghanistan und Syrien

Es gibt Parallelen zwischen den Einsätzen in Afghanistan und in Syrien. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 versprach Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) den USA „uneingeschränkte Solidarität“ und zog mit ihnen nach Afghanistan. Nach den Anschlägen in Paris sicherte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Frankreich „jedwede Unterstützung“ zu. Jetzt nimmt Deutschland am Krieg gegen den Terror des IS teil.

Wie in Afghanistan gibt es noch keine Strategie für die Zeit nach einem Waffenstillstand. Und wie in Afghanistan hofft die internationale Gemeinschaft auf einen kurzen Militäreinsatz. Sie läuft aber Gefahr, nach einem Waffenstillstand Truppen zur Stabilisierung des Landes schicken zu müssen. In Afghanistan konnten die Taliban nicht besiegt werden. Aus Syrien wird der IS bestenfalls verdrängt, treibt dann aber womöglich woanders sein Unwesen. Auch in Afghanistan gibt es die Terrorgruppe schon.

„Wir können aus Afghanistan zweifelsohne Lehren ziehen“, sagt von der Leyen. „Es braucht die Politik, es braucht die wirtschaftliche Zusammenarbeit, es braucht vor allem Willen vor Ort.“ Vor allem am einheitlichen Willen vor Ort hapert es in Syrien.

Im nächsten Jahr wird es nicht mehr so eindeutig sein, wo die Weihnachtsreise der Oberbefehlshaberin der Bundeswehr hinführt. Die Stärkung der Truppenmoral könnte dann im Syrien-Einsatz dringlicher sein als in Afghanistan. (dpa)