Berlin - Nach dreizehn Jahren und einhunderteinundvierzig Tagen im Amt gibt es doch noch etwas, das Klaus Wowereit zum ersten Mal tut. Es ist ein Dienstagnachmittag im November. In der ersten Etage des Roten Rathauses wartet die Schauspielerin Judy Winter darauf, dass ihr Klaus Wowereit das Bundesverdienstkreuz überreicht.

Kurz vor 15 Uhr öffnet sich die Tür zu seinem Amtszimmer. Wowereit erscheint und ruft: „Hereinspaziert“, aber alle bleiben stehen. Ein Gast fehle noch, sagt Judy Winter. Wowereit sieht auf die Uhr, murmelt: „Na, wir sind ja auch noch zu früh“, lässt sich auf einen Dreisitzer in der Lobby fallen, schlägt die Beine übereinander. Dann sagt er: „Ich habe noch nie vor meinem Büro gesessen.“

Der Regierende Bürgermeister rutscht ein bisschen tiefer in die Polster, als wolle er feststellen, wie es sich anfühlt, als Gast im eigenen Haus. Nicht schlecht offenbar, denn nun sagt er: „Das ist die neue Rolle. Ich komme als Lobbyist wieder und sitze dann vor meinem Büro.“ Er sagt es mehr zu sich selbst, aber so, dass es alle hören können. Judy Winter und ihre Gäste lachen, am lautesten lacht er selbst. Es soll ein Witz sein, vielleicht.

Ein Geschenk an sich selbst

Am Vormittag des 26. August 2014 hat Klaus Wowereit eine Pressekonferenz einberufen und gesagt, dass er sein Amt niederlegen wird, allerdings nicht sofort, sondern erst in dreieinhalb Monaten, am 11. Dezember. Die Nachricht war fast überraschender als die vom Rücktritt selbst. Klaus Wowereit hatte beschlossen, sich nicht von heute auf morgen zurückzuziehen, sondern sich erst noch in aller Ruhe zu verabschieden, von seiner Stadt, von seinen Bürgern, von seinem Amt.

Es war ein Geschenk, vor allem an sich selbst, so was wie eine Reise durch die eigene Amtszeit: noch ein paar Abgeordnetenhaussitzungen, Bundesverdienstkreuzverleihungen, Senatssitzungen, Opernpremieren, noch mal Mauerfalljubiläum, noch mal Kulturausschuss. Und immer wieder Abschied, jedes Mal ein bisschen anders und ein bisschen mehr. Ein Countdown in den Ruhestand. Eine Chance, die Geschichte noch einmal ins rechte Licht zu rücken. Seine Geschichte.

Jetzt, Anfang November, sind es noch knapp fünf Wochen, und Wowereit befindet sich bereits mitten in seiner Abschiedstournee. Er trägt einen marineblauen Anzug, ein weißes Hemd, eine rote Krawatte, sein Haar leuchtet silbern. Er sieht gut aus, entspannt, als sei alleine mit dem Entschluss, den Platz zu räumen, eine Last von ihm gefallen.

Aber nun reicht es ihm doch. Es ist kurz nach 15 Uhr, Judy Winters letzter Gast ist immer noch nicht da. Er hasst das. Er sitzt nicht gerne rum. Man sieht es ihm an. Wie sein Blick abschweift. Wie sich seine Mundwinkel senken, wie seine Augen schmaler werden. Er sieht aus, als ob er gleich explodiert, da geht endlich die Tür auf und eine Frau im Mantel weht herein. „Die Baustellen“, ruft sie. „Die anderen hatten auch Baustellen“, entgegnet Wowereit kalt.

Er geht in sein Amtszimmer, hält seine Rede, lobt Judy Winters Engagement für die Aids-Hilfe, am Ende sagt er: „Ich glaube, das ist auch meine letzte Ordensverleihung.“ Fragend sieht er zu seiner Mitarbeiterin, die für das Protokoll zuständig ist. „Aushändigung“, sagt sie. „Es heißt Aushändigung.“ „Dann ist das also meine letzte Aushändigung“, verbessert sich Wowereit und überreicht das Bundesverdienstkreuz.

Der letzte Orden

Es gibt Küsschen links und Küsschen rechts, Häppchen und Sekt. Es ist schön und auch ein bisschen traurig. Der letzte Orden! Auf Wowereits Schreibtisch befinden sich sein Computer, seine Akten, sein Telefon, sein Duden, in der Glasvitrine stehen seine Gastgeschenke, davor ein altes Karusselpferd. Er wird das alles zurücklassen, wenn er geht. Noch kann man sich das nicht vorstellen. Noch sind es mehr als vier Wochen. Und das hier war auch nicht seine letzte Bundesverdienstkreuzverleihung.

Wie ein Mensch von seinem Amt zurücktritt, sagt viel über seine Persönlichkeit aus. Horst Köhler ist aus dem Schloss Bellevue nach Afrika geflohen, Christian Wulff kann bis heute nicht loslassen, Gregor Gysi ist still gegangen und still zurückgekommen, Matthias Platzeck krank geworden. Und Klaus Wowereit? Geht, wie er gekommen ist. Mit großem Auftritt.

Es gibt keine offizielle Veranstaltung, keinen Empfang, keine Feier. Aber das ist auch nicht nötig, denn für Klaus Wowereit wird jetzt ohnehin jeder Termin zur Abschiedsvorstellung. Als er Udo Lindenberg den Verdienstorden des Landes Berlin überreicht, singt Lindenberg: „Danke Klaus, hochgeschätzter Wowi-Man, du locker easy Vogel“.

Als Joachim Gauck zum Ehrenbürger der Stadt ernannt wird, spricht der Bundespräsident in seiner Dankesrede lange über die offene Stadt Berlin und dann fast genauso lange über ihren Bürgermeister: „Herr Wowereit, Sie haben den Wandel vorangetrieben und aus Berlin eine Stadt gemacht, die heute Heimat für viele ist.“ Die Entertainerin Gayle Tufts widmet ihm gleich eine ganze Samstagabendshow. „Performance for the Queen“ nennt sie es und tanzt mit ihm auf der Bühne vom Tipi am Kanzleramt, so leicht, als hätten sie diese Nummer lange einstudiert.

Das Publikum tobt. Jemand ruft: „Wie geil ist das denn!“ Später, beim Empfang im kleinen Kreis, fragt Gayle Tufts , was er denn nun eigentlich vorhabe. Sie habe gehört, Hillary Clinton suche noch einen Vizepräsidenten. Wowereit antwortet, als er Hillary das letzte Mal getroffen habe, habe sie zu ihm gesagt, er sehe aus wie Bill. Wieder Lachen und Jubel im Tipi-Zelt. Der amerikanische Präsident und der deutsche Bürgermeister. Washington und Berlin. Kein Wort vom Großflughafen. Klaus Wowereit ist der Star des Abends.

„Ich lasse mich nicht vertreiben“, hat er gesagt auf jener Pressekonferenz im August, und wenn man diesen Satz hört, denkt man, man hätte es eigentlich wissen müssen. Klaus Wowereit, der Sohn einer Kohlenhädlerin aus Lichtenrade, nimmt die Dinge selber in die Hand statt sich von anderen unter Druck setzen zu lassen. So war es 2001, als er sich mitten im Wahlkampf outete und so ist es auch heute, dreizehn Jahre später.

Zu bewundern oder zu verachten?

In den Monaten, als alle wegen des Flughafens auf ihm herumtrampelten und seine Umfragewerte ins Bodenlose sanken, hielt er sich stoisch im Amt, aber dann, mitten im Sommerloch, als gerade niemand damit rechnete, trat er vor die Kameras, sagte: „Ich gehe freiwillig“, und wählte sich für seinen Abgang den 11. Dezember, genau den Tag, bevor der Flughafenchef den neuen Eröffnungstermin für Schönefeld verkünden würde. Die neue Hiobsbotschaft.

Das ist so clever, dass es fast schon unheimlich ist. Und man weiß nicht, ob man ihn dafür bewundern oder verachten soll.

Wenn man ihn danach fragt, weicht er aus. Sagt, es habe kein bestimmtes Datum gegeben, das Ganze sei eher ein Prozess gewesen. Sein Sternbild sei Waage, er habe ständig hin- und her geschwankt.

Hat er nicht Angst, dass er in ein Loch fällt, wenn er auf einmal zu Hause sitzt?

„Natürlich werde ich in ein Loch fallen. Wichtig ist nur, dass ich da wieder rauskomme.“

Was wird er am meisten vermissen?

„Das weiß ich ja noch nicht. Fragen Sie mich mal lieber, was ich nicht vermissen werde.“

Was wird er denn nicht vermissen?

„Ach, ich habe ja eigentlich alles ganz gerne gemacht.“

++ Lesen Sie im nächsten Abschnitt: Warum Wowereit die netten Worte braucht ++