Was für ein fulminanter Abschied. Am 3. Dezember 2012 erschien Ada Louise Huxtables letzte Architekturkritik im Wall Street Journal. Wütend und doch historisch, architektonisch, ästhetisch, sozial- und bildungspolitisch begründet, zog sie noch im Alter von 92 Jahren zu Felde gegen die auch sonst heftig umstrittenen Pläne der New Yorker Public Library. Die möchte das ehrwürdige Hauptgebäude an der 5th Avenue nach den Plänen von Norman Foster radikal umbauen, möchte aus der Forschungs- und Präzenz-Bibliothek eine Publikumsleihanstalt machen.

Dafür will die Bibliotheksleitung die legendären, vielstöckigen und sich selbst tragenden Eisen-Regaleinbauten herausreißen, Millionen Bücher „nach Sibirien“ verlagern – wie Huxstable schreibt und dabei New Jersey meint –, will Cafés und Lounges einbauen: „Demokratie und Populismus werden hier hoffnungslos verwechselt.“ Einen Monat später starb die bedeutendste amerikanische Architekturkritikerin am 7. Januar dieses Jahres, bis zuletzt kämpfend für den Fortbestand des guten Alten, die Chancen des guten Neuen und den Ausgleich zwischen beidem.

Am 14. März 1921 geboren, wurde sie geprägt durch den New Deal und die Aufbruchsstimmung der Nachkriegszeit. Seit 1942 mit dem Designer L. Garth Huxtable verheiratet, wurde sie nach ihrem Studium am Hunter College und an der liberalen New York University 1946 bis 1950 unter Philip Johnson am Museum for Modern Art Kuratorin, schrieb erste Bücher und wurde 1963 zur ersten Architekturkritikerin der New York Times.

Ihr zwar erfolgloser, aber leidenschaftlicher und kenntnisreicher Kampf für den Fortbestand der 1962 vandalisch abgerissenen Pennsylvania Station hatte auf sie aufmerksam gemacht. Huxtable gilt als Begründerin einer Architekturkritik in den USA, die mehr ist als schöngeistiger Ästhetizismus.

Mit ihren scharfzüngigen, genau recherchierten und literarisch brillanten Rezensionen, Betrachtungen, Analysen und Anklagen brachte sie Architekten, Investoren, die Bauverwaltung und die Politiker ins Schwitzen. Huxtable, immer blendend informiert, wurde zu einer Macht.

Es gab sogar eine Karikatur in einer New Yorker Zeitung, die Bauarbeitern beim Anblick der Fundamente den Satz in den Mund legte: „Ada mag es schon jetzt nicht.“ Womit eine der vielen schwächlichen Nachfolgebauten der Klassiker gemeint war, von Mies van der Rohe, Le Corbusier oder Frank Lloyd Wright. Über Wright, dessen Bauweise sie für maßgeblich hielt, verfasste sie eines der klügeren Bücher.

1970 erhielt Ada Louise Huxtable als erste Kunstkritikerin den Pulitzer-Preis, sie wurde außerdem eine der wichtigsten Triebkräfte der New Yorker Denkmalkommission und focht gleichzeitig engagiert für das Neue in der Architektur.

Der erste Pulitzer-Preis

Ihre Schriften und Kritiken, gesammelt etwa in dem wunderbaren Essayband „On Architecture“ sind Musterbeispiele dessen, was Architekturkritik leisten sollte: Die Suche nach der gesellschaftlichen Bedeutung im Bauen und Planen. Das historische Selbstbewusstsein der schlanken, immer perfekt frisierten und gekleideten New Yorkerin par exellence war dabei erheblich: Ihr Nachlass ging vorab an das kunstgeschichtliche Institut des Getty Institute in Los Angeles; es sollte wohl nicht im New Yorker Sumpf versauern.