Weihnachtsdekoration im Weißen Haus
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BerlinDer Advent ist die Zeit der Rituale und Symbole. Das gilt auch in der Politik. Wie üppig die Symbolik dabei ausfällt, ist von Nation zu Nation unterschiedlich. Die eine begnügt sich mit einer Pressekonferenz, für die andere müssen es zehn Millionen Weihnachtslichter sein. Und natürlich steckt hinter all dem eine politische Botschaft.

Deutschland: Einmal im Jahr Frieden und Zuversicht

Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Grüne) nimmt von der Bundesvereinigung Lebenshilfe e. V. einen Weihnachtsbaum für das Paul-Löbe-Hauses entgegen. 
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Es gibt da diesen Loriot-Weihnachtssketch, der inzwischen so berühmt ist, dass er auch von jenen zitiert wird, die ihn noch nie gesehen haben. Darin versucht eine Familie mit großer Energie, das perfekte Weihnachtsfest zu feiern.

Natürlich geht alles schief, das Kind kann das Weihnachtsgedicht nicht, Opa will Marschmusik hören und stöpselt auf der Suche nach einer Steckdose die Baumbeleuchtung aus, der Vater packt missmutig die hundertste Krawatte aus und das Spielzeug-Atomkraftwerk brennt ein Loch in den Fußboden. Aber: Alle tun so, als verlebten sie einen wundervollen Abend. Sie halten sich fest an Symbolen und Ritualen und erst, als sie versuchen, das zerknüllte Geschenkpapier im Treppenhaus zu verstecken und beim Öffnen der Wohnungstür unter Papierbergen begraben werden, ist klar: Es ist alles nur Schein.

Nun sind Symbole auch in der Politik eine wichtige Sache. Deswegen legen Politiker vor Denkmälern Kränze nieder, an deren Schleifen sie anschließend noch ein bisschen herumzupfen. Wenn es um größere Gesten geht, hat Willy Brandt die Latte ohnehin unerreichbar hoch gelegt. Und so wirkt die rituelle Symbolik in der Politik an fast allen Tagen des Jahres eher hölzern. Weil Ehrenbataillone und Spatenstiche mit dem politischen Alltag eben nicht viel zu tun haben.

Insofern hat die (Vor-)Weihnachtszeit einen unschätzbaren Vorteil: Endlich kann die Politik sich warm und festlich zeigen. Der Ablauf ist eigentlich immer gleich: Ab Ende November lädt der Bundestag zu Fototerminen ein, bei denen Adventskränze und diverse Weihnachtsbäume feierlich übergeben werden. Dazu singen Kinderchöre aus Bayern, und Politiker von CSU und Grünen lächeln gemeinsam. Und kurz vor dem Fest bringen Pfadfinder das Friedenslicht aus Bethlehem.

Womit wir bei einem weiteren politischen Weihnachtsritual wären: Der Ansprache des Bundespräsidenten, traditionell ausgestrahlt am 25. Dezember. Inhaltlich unterscheiden sich die Ansprachen der letzten Jahre  kaum. Zwar gibt es immer einen Bezug zu einem aktuellen Thema. Doch neben NSU-Terror (Wulff, 2011), Fußball-WM-Sieg (Gauck, 2014) oder Hass in den sozialen Medien (Steinmeier, 2018) dreht sich alles um das Thema Frieden. Außerdem dankt das Staatsoberhaupt den Polizisten und Krankenschwestern für ihren Einsatz, als entschädige das für Überbelastung und Unterbezahlung.

Am Ende steht die Botschaft: „Wir können optimistisch ins neue Jahr blicken.“ Warum auch nicht? Es ist ja Weihnachten. Und schon im Januar bleibt der Politik nichts anderes übrig, als die Tür zum Treppenhaus wieder zu öffnen. Tanja Brandes


USA: Begnadigte Truthähne und parteipolitisches Gezänk

Der offizielle (aber nicht der einzige) Weihnachtsbaum des Weißen Hauses steht im sogenannten Blue Room.
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Die 5,50 Meter hohe Douglas-Fichte hat ihren Platz im Blue Room gefunden, und auch die 130 übrigen Zimmer des Weißen Hauses sind festlich geschmückt. Nachdem die von First Lady Melania Trump im vorigen Jahr ausgewählten blutroten Tannenbäume für heftige Debatten gesorgt hatten, dominieren dieses Mal die traditionellen Farben Gold, Weiß und Rot.

Zwei Truthähne wurden vom Präsidenten schon begnadigt und ein Militärhund ausgezeichnet. Keine Frage: Es weihnachtet an der Pennsylvania Avenue 1 600 in Washington. Aber irgendwie fühlt es sich gar nicht so an.

Das liegt nicht zuletzt am Hausherrn, der grundsätzlich eher auf Krawall als auf Feiertagsstimmung gebürstet ist. Zwar brüstet sich Donald Trump vor seinen konservativen Wählern, dass in den USA nun wieder „Frohe Weihnachten“ statt „Schöne Feiertage“ gewünscht würden.

Doch mit dem Fest scheint er nicht wirklich etwas anfangen zu können. „Glaubst du noch an das Christkind?“, fragte er im vergangenen Jahr ein kleines Mädchen: „Mit sieben Jahren ist das grenzwertig, oder?“ Wegen der Haushaltssperre konnte er damals nicht wie geplant auf seinen Golfplatz in Florida flüchten. Entsprechend war seine Laune: „Ich bin alleine im Weißen Haus – ich Armer“, twitterte er an Heiligabend, begleitet von allerhand Verwünschungen gegen die Demokraten.

Die kommenden Wochen dürften noch unerquicklicher werden, denn im Kongress laufen die Vorbereitungen für das Impeachment auf Hochtouren. Nach derzeitiger Planung könnte das Repräsentantenhaus wenige Tage vor Weihnachten über die Amtsenthebung abstimmen und dem Präsidenten so eine üble Bescherung bereiten: Die Mehrheit der Demokraten für die Anklage vor dem Senat scheint sicher.

Zwar dürften die Republikaner dann höchstwahrscheinlich im neuen Jahr im Senat das Verfahren niederschlagen. Doch die Voraussetzungen für eine friedliche Adventszeit ohne parteipolitisches Gezänk könnten kaum schlechter sein – auch wenn Melania Trump unter Bezugnahme auf das patriotische Motto der diesjährigen Weihnachtsdekoration tapfer twittert: „Der Geist Amerikas strahlt im Weißen Haus.“ Karl Doemens


Spanien: Der irre Lichterstreit der Regionen

Politische Konkurrenz offenbart sich in Spanien auch in Form der Festbeleuchtung. In diesem Jahr ging der Wettstreit zwischen Madrid (Foto) und Vigo unentschieden aus.
Foto: Imago Images

Zum Glück sollte an diesem Abend keine Apollo in den Himmel geschossen werden. „Zehn, neun, acht“, zählte der Madrider Bürgermeister José Luis Martínez-Almeida, dann weiter: „Vier, drei, zwei, eins.“ Er drehte sich hilfesuchend um, und dann ging irgendwie die Weihnachtsbeleuchtung an. Worauf die Vizebürgermeisterin Begoña Villacís sagte: „Vigo, übertriff das!“

Es war alles ziemlich peinlich. Madrid, 3,2 Millionen Einwohner, ist die Hauptstadt Spaniens und Vigo eine eher wenig bemerkenswerte Hafenstadt mit 290 000 Einwohnern in Galizien, im Nordwesten des Landes. Vigo hat aber auch seinen Stolz und vor allem einen Bürgermeister, den an Eigenliebe kein anderer spanischer Politiker übertrifft, nicht mal Regierungschef Pedro Sánchez.

Abel Caballero heißt der Bürgermeister, er ist Sozialist, aber hauptsächlich sein eigener Parteigänger. Nach zwölf Jahren im Amt können die Leute in Vigo gar nicht genug von ihm bekommen: Bei den Kommunalwahlen im Mai erhielt er mehr als zwei Drittel der Stimmen, was im traditionell tiefschwarzen Galicien doppelt bemerkenswert ist.

Es lag auch an den Weihnachtslichtern. Im September vergangenen Jahres war es Caballero eingefallen, die halbe Welt herauszufordern. „Die Bürgermeister von London, Tokio, New York, die Bürgermeisterin von Paris, der Bürgermeister von Berlin sollen wissen, dass wir dieses Jahr nicht zu übertreffen sein werden. Madrid und Barcelona erwähne ich gar nicht. Sie sollen sich bereit machen!“

Bereit dazu, Vigo neidlos als die Stadt der großartigsten Weihnachtsbeleuchtung anzuerkennen. Im Dezember brannten dann neun Millionen Lichtlein in der Hafenstadt, und alle spanischen Medien berichteten darüber.

Caballero hatte sein Ziel erreicht: Vigo ist Spaniens Weihnachtshauptstadt. Madrids neue, konservative Stadtregierung aber glaubt, mit Vigo konkurrieren zu müssen. Sie erhöhte das Budget für die Weihnachtsbeleuchtung und lässt jetzt zehn Millionen Lämpchen glühen, genauso viele wie Vigo dieses Jahr. Falls sie denn jemand gezählt hat. Martin Dahms  


Russland: Millionen umarmen sich

Das Neujahrsfest spielt in Russland eine größere Rolle als Weihnachten. Trotzdem schadet es nicht, wenn Präsident Wladimir Putin öffentlichwirksam Kerzen entzündet - wie hier im vergangenen Jahr.
Foto: Imago/Alexei Druzhinin

Advent findet in Russland eigentlich nicht statt. Die orthodoxen Gläubigen füllen keine Kinderstiefel oder Pappkalender mit Süßigkeiten, um sich auf die russische Weihnacht am 7. Januar einzustimmen. Sie fasten.

Umso mehr Feierlichkeiten drehen sich um das Neujahrsfest mit seiner eher heidnisch-sowjetischen Tradition. Schon im Dezember steigen die ersten „Jolkas“ oder „Tannenbäume“: Tanzfeste für Kinder, die dabei von „Väterchen Frost“ auch mit reichlich Süßwaren beschert werden.

Es gibt auch „Jolkas“ im Kreml, aber sie sind nicht gedacht, um möglichst viele russische Kinder im trauten Kreis um Staatschef Wladimir Putin zu vereinen, sondern als kommerzielle Shows ganz ohne Landesvater, Karten für den ersten Reigen am 24. Dezember sind nur noch ab 40 Euro zu haben. Putin tritt vorher auf, bei seiner alljährlichen „großen Pressekonferenz“, mit über 1 700 akkreditierten Journalisten vergangenes Jahr durchaus monumental.

Aber da präsentiert er sich als top-kompetenter, schlagfertiger Kommunikator und nicht als Weihnachtsmann der Nation. Seine alljährlichen Neujahrsempfänge aber handelt die Presse statt unter Politik unter Society ab.

Vergangenes Jahr lud der Präsident ins Bolschoi-Theater ein, wo er sich gemeinsam mit Patriarch, Premierminister und anderen VIPs aus Bürokratie, Wirtschaft oder Showgeschäft Tschaikowskys „Nussknacker“-Ballet anschaute.

Erst Silvester kommen Fest und Politik wirklich zusammen. Dafür umso enger. Die letzten sechs, sieben Minuten des Jahres gehören Putin, der auf praktisch allen TV-Kanälen zum an den Festtagstafeln versammelten Volk spricht. Per Videoaufzeichnung erinnert er die Russen an ihre christlichen und nationalen Tugenden, an die vergangenen Siege oder zumindest die überwundenen Schwierigkeiten, an die kommenden Herausforderungen und Aufgaben. Und er beschwört die nationale Einheit.

Das zentrale patriotische Evangelium im Jahreskreis, kaum hat der Präsident dem Vaterland gratuliert, da schlagen die Glockenspiele des Kremls landesweit Mitternacht, brechen Jubel und Feuerwerke aus. Und Hunderte Millionen Russen umarmen sich. Stefan Scholl