Ich gebe zu: Ich hab' sie gewählt. Ein einmaliger Ausrutscher hatte das sein sollen – damals vor 13 Jahren. Das Land schien mir reif für eine Frau an der Spitze der Bundesregierung. Nach mehr als einem halben Jahrhundert Männerherrschaft in der zweiten deutschen Republik. So wie es 1969 Zeit gewesen war für einen sozialdemokratischen Bundeskanzler. Nach 20 Jahren CDU-Staat. Willy Brandt und Angela Merkel: Aus meiner Sicht stehen die beiden für historische Wegmarken. Politisch, gesellschaftlich. Vor diesem denkwürdigen 19. September 2005 hatte ich stets eine meiner beiden Stimmen der SPD gegeben – selbst während jener pseudorevolutionären Verwirrung, der ich wie andere meiner Generationsgenossinnen und -genossen für kurze Zeit anheim gefallen bin.

Doch um Merkel ins Kanzleramt zu beamen, musste ich mein Kreuz bei der CDU machen – jener Partei, deretwegen ich jahrelang rote Socken trug, als textilen Protest gegen ihre gleichnamige Kampagne zur Herabsetzung der Linken in Deutschland. Die Entscheidung fiel mir also nicht leicht. Aber nach unserem Wahlrecht war sie alternativlos.

Der schwarze Stammwähler

Maliziös summte ich Hans Albers' „Beim ersten Mal, da tut's noch weh“, als ich meine Briefwahlunterlagen ausfüllte. Dabei war ich mir sicher: Eine Wiederholung würde es nicht geben. Ein symbolischer Akt. Mehr nicht! Dass ich für die nächsten Jahre zum schwarzen Stammwähler mutieren würde ... unvorstellbar. Wenn es anders kam, haben daran außer Angela Merkel auch Willy Brandts Enkel mitgewirkt – und zwar keineswegs bloß, weil sie bis heute keine Kanzlerkandidatin zustande gebracht haben. Denn auch dies gestehe ich: Anders als diese hat Angela Merkel es geschafft, mich von ihrer Politik zu überzeugen. Oder wenigstens von ihrem Stil.

Meine persönliche Wende begann am Wahlabend 2005 kurz nach 20.15 Uhr. Als CDU-Berichterstatter stand ich im Konrad-Adenauer-Haus und verfolgte den Auftritt Gerhard Schröders in der „Elefantenrunde“ der ARD – erst mit Amüsement, dann mit Fassungslosigkeit. Am Ende überwog selbst unter den CDU-Anhängern das Fremdschämen. Mit dem legendären Satz „Wir wollen doch mal die Kirche im Dorf lassen“, tat der Noch-Bundeskanzler so, als sei es selbstverständlich wieder an ihm, die Regierung zu bilden. Testosterongespeistes Wunschdenken. Aber meine Stimme für die CDU, von der ich damals noch niemandem erzählte, hatte Angela Merkel auch kein Glück gebracht. Ihre Partei erzielte das bis dahin schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte. Gemeinsam mit der CSU lag sie zwar vor der SPD. Doch für ihr bürgerliches Wunsch-Bündnis mit der FDP reichte es nicht zur Regierungsbildung.

In der Fernsehrunde machte die Kandidatin zunächst einen derangierten Eindruck. Wie wir inzwischen wissen, hatten die wichtigsten der CDU-Granden, die Merkel im internen Machtkampf unterlegen waren, gleich nach der ersten Hochrechnung begonnen, gegen sie zu konspirieren. Doch dann kam Schröder mit seinem breitbeinigen Optimismus. Plötzlich vertrieb ein erst erstauntes, dann ein befreites, immer mehr spöttisches Lächeln den Blues aus ihrer Miene. Dies war die Geburtsstunde der neuen Angela Merkel. Friedrich Merz, damals CDU/CSU-Fraktionschef im Bundestag, befand später bissig, der Sozialdemokrat habe seiner Rivalin die Kanzlerschaft „abschließend gesichert“.

„Aber das ist ja der reinste Kindergarten, Frau Bundeskanzlerin!“

Eine paar Jahre später habe ich an einer Gesprächsrunde im Kanzleramt teilgenommen. Da war die neue Merkel längst Routine. Vertraulicher „Hintergrund“ vor einem europäischen Gipfel – eine gern genutzte Gelegenheit Merkels, ausgewählten Journalisten ihre Stärken vorzuführen. Denn innenpolitisch lief es, wie so oft, eher suboptimal für die Kanzlerin. Aber hier zeichnete sie souverän die internationalen Konfliktlinien nach, nicht ohne ein paar persönliche Seitenhiebe gegen einige ihrer Amtskollegen. In ähnlichen Veranstaltungen zur Lage der CDU wusste sie mit perfekten Parodien von Präsidiumsmitgliedern zu unterhalten.

Die Probe ihres kabarettistischen Talents animierte einen der anwesenden Herrn zum entgeisterten Zwischenruf: „Aber das ist ja der reinste Kindergarten, Frau Bundeskanzlerin!“ Mit der reifen, vielfach erprobten Form jenes Schmunzelns, das zu praktizieren sie am Wahlabend begonnen hatte, entgegnete Merkel: „Aber das ist es doch, worauf wir setzen können – das Kind im Manne.“ Von „Mutti“ sprach damals noch niemand. Das Wort kam erst auf, als in den Respekt vor ihrer (Herrschafts-)Leistung zunächst ironisch der Überdruss an ihrer Überlegenheit einsickerte. An die Stelle von Helmut Kohls bräsigem Paternalismus war Angela Merkels aufgeklärtes Matriarchat getreten. „Sie kennen mich“, beendete sie ihren Auftritt im TV-Duell vor der Bundestagswahl 2013. Mehr war damals noch nicht nötig für einen fulminanten Sieg. Das änderte sich erst, als eine neue Partei Merkels Behauptung, die Politik ihrer Regierung in der Eurokrise sei alternativlos, zum Muster für ihren Namen nahm: Alternative für Deutschland.

Der informelle „Inner Circle“

Ob die Kanzlerin ihren Anteil an diesem Umbruch mit einer Portion Selbstkritik registierte – wir wissen es nicht. Denn zu den Besonderheiten des „Systems Merkel“ gehört das Gesetz der „Omerta“. Wer eintritt in den engsten Kreis ihrer Macht, verpflichtet sich zum Schweigen. Mögen die Gremien der Partei sich streiten, aus dem informellen „Inner Circle“ dringt nichts nach außen. Da ist es schon viel, wenn man erfährt, dass auch hier nicht allemal eitel Zufriedenheit herrscht mit der trockenen Rhetorik der Chefin. „Wir haben ihr immer wieder einige Gags in ihre Parteitagsreden geschrieben“, hat mir einmal jemand erzählt. „Aber die streicht sie regelmäßig raus.“

Zeigt die große Kühle aus dem Nordosten nie Emotionen? Ich musste lange überlegen, bis mir eine Episode aus uralten Zeiten einfiel. Da herrschte Merkel bei einem Besuch in der Provinz Journalisten an, die bei einer Darbietung heimischer Folklore nicht aufhören mochten zu rumoren: „Jetzt halten Sie doch endlich mal die Fresse!“ Gern wäre ich Zeuge ihrer Grobheiten gewesen, wenn es um wichtigere Dinge ging.

„Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“

Gut erinnere ich mich an die Anfänge ihres ersten Kabinetts. Die SPD war schon damals frustriert. Sie kratze ihr „die letzte Butter vom Brot“, barmte Kurt Beck, einer der vielen Vorsitzenden der Konkurrenz, mit denen sie zu tun hatte. Aber auch in der Union grassierte Unzufriedenheit, weil Merkel eher mit deren Themen reüssierte als mit denen der eigenen Partei. Von „asymetrischer Demobilisierung“ war die Rede. Auf Deutsch: Sie lockte zwar nicht so viele eigene Anhänger vom Sofa, dafür mobilisierte sie nicht so stark den Widerstand der Gegner, wie es Helmut Kohl und Edmund Stoiber getan hatten. Ich mochte sie gerade deshalb.

Als langjährigem SPD-Wähler mit grünen Sympathien konnte mir Merkels eklektischer Regierungsstil ohne Pathos und Pleureusen recht sein. „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“ – aus dem Munde Helmut Schmidts hatte ich den Satz schrecklich gefunden. An Merkels Politik schätze ich diese Maxime auch, weil sie unausgesprochen blieb. Die Hamburger Pfarrerstochter Angela Merkel ist gläubige Christin, wie der Hamburger Weltkriegsoffizier. Beide verband in meinen Augen, was Max Weber „Verantwortungsethik“ genannt hat.

Ikone ihrer Flüchtlingspolitik

Mag sein, Merkels Poltik der offenen Grenze begann in diesem Sinne als pragmatischer Akt, weil der damalige österreichische Bundeskanzler Werner Faymann sie gebeten hatte, Druck aus dem Kesssel zu nehmen. Aber war da nicht doch noch mehr? Gingen ihr die Bilder der DDR-Bürger durch den Kopf, die nach Prag in die bundesdeutsche Botschaft geflüchtet waren? Ich habe sie damals beim Besuch in einer Berliner Asylunterkunft begleitet. Merkel mag es nicht, wenn fremde Menschen ihr zu nahe kommen. Doch zur Sorge ihrer Bodyguards bewegte sie sich höchst selbstverständlich in der Menge, die sie schnell eingekesselt hatte. Ein junger Syrer machte ein Selfie von sich und der Kanzlerin. Das Bild ging um die Welt – als Ikone ihrer Flüchtlingspolitik.

In jener Zeit sagte sie auch etwas, das mich schier umgehauen hat: „Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.“ Wann je hätte ein deutscher Regierungspolitiker sich abseits aller Parteiräson so ungeschützt ins, jetzt scheint mir die abgegriffene Formulierung mal angebracht: Herz schauen lassen? Mich erinnert dieser Satz an Willy Brandts Kniefall vor dem Denkmal für die Opfer des Warschauer Ghettos.

Schon deshalb bereue ich nicht, so lange die CDU gewählt zu haben. Um Merkels willen. Irgendwann habe ich meine „Sünde“ einer wichtigen Beraterin aus ihrem Umfeld gebeichtet. „Ach wissen Sie, Herr Kröter “, lautete ihre überraschende Antwort, „ich weiß gar nicht, ob es auf Dauer so gut ist, wenn Menschen wie Sie uns so ohne Weiteres wählen können.“ Sie kann beruhigt sein. Mit Merkels Abschied hat sich die Sache erledigt.