BerlinSpätestens seit dem Amtsantritt von Ministerpräsident Abiy Ahmed Ali, der für seine Friedensbemühungen mit Eritrea 2019 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, galt Äthiopien als Vorzeigeland für die Völkerverständigung auf dem afrikanischen Kontinent. Nun könnte der ostafrikanische Staat wieder in einen Bürgerkrieg abrutschen. Mehrere Hundert Menschen kamen bereits bei Kämpfen zwischen Regierungstruppen und der in der nordäthiopischen Region Tigray vorherrschenden Volksbefreiungsfront TPLF ums Leben, mehrere Tausend sind auf der Flucht.

Nach Angaben der UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet, drohe der Konflikt inzwischen „total außer Kontrolle“ zu geraten. Es gebe Berichte über zunehmende Luftangriffe der Regierungskräfte und schwere Kämpfe am Boden, sagte Bachelet am Freitag. Sollten die beiden Seiten den Konflikt fortsetzen, könnte dies zu großen Opferzahlen und Zerstörung sowie zu einer Massenflucht innerhalb Äthiopiens und in Nachbarländer führen.

Bevor Abiy Ahmad 2018 an die Macht kam, dominierte die TPFL die äthiopische Regierung und führte das Land autoritär. Von Abiy, der die TPFL weitgehend entmachtete, fühlen sich viele Menschen in der Provinz Tigray nicht vertreten. Nach monatelangen Spannungen zwischen Addis Abeba und der TPLF hatte die Regierung jüngst eine Offensive gegen die Rebellengruppe und die Regierungspartei von Tigray begonnen. Abiy wirft der TPLF vor, die Kämpfe mit Angriffen auf einen Militärstützpunkt begonnen zu haben und die verfassungsmäßige Ordnung zu gefährden.

Der Konflikt trifft Äthiopien in einer höchst sensiblen Phase. Der durch Abiy eingeleitete Reformprozess stockt, die Spannungen zwischen den Volksgruppen in dem multi-ethnischen Staat nehmen zu. Der jüngste Konflikt sorgt für zusätzliche Not in dem oft von Naturkatastrophen wie Überschwemmungen und Dürren heimgesuchten Land. Entwicklungsorganisationen warnen bereits vor einer humanitären Katastrophe. „Tigray ist von allen Nachschubwegen abgeschottet“, sagte Matthias Späth, Landesdirektor der Welthungerhilfe in Äthiopien, am Freitag der Deutschen Presse-Agentur. Demnach gebe es in der Region im Norden Äthiopiens ohnehin mindestens 600.000 chronisch mangelernährte Menschen. Diese seien wie die restliche Bevölkerung nun für Helfer nicht erreichbar.

Zusätzlich leidet das Land mit seinen rund 110 Millionen Einwohnern unter der Corona-Pandemie. Die Infektionszahlen sind – gemessen an der Einwohnerzahl – in etwa so hoch wie in Deutschland, allerdings fällt die Todeszahl wesentlich geringer aus. Die Ursache dafür ist unklar, ein Grund könnte der niedrige Altersdurchschnitt sein: Er liegt in Äthiopien bei 17 Jahren. Dramatisch sind vor alle die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie. Der Export ist eingebrochen, viele Menschen haben ihre Arbeit verloren, die meisten Schulen und Universitäten sind nach wie vor geschlossen.

Äthiopien wurde in der Vergangenheit immer wieder für seinen schnellen Fortschritt gelobt. In den vergangenen Jahren hat das Land viel in sein Bildungssystem und die Industrie investiert, auch als Reiseziel wird Äthiopien immer beliebter. Unter Ministerpräsident Abiy wurde die Pressefreiheit vorangetrieben, politische Gefangene wurden freigelassen. Gleichzeitig gehört das Land nach wie vor zu den ärmsten der Welt und die Konflikte zwischen den Volksgruppen haben seit dem Regierungsantritt Abiys eher zugenommen. (mit dpa)