Berlin/Essen - Claudia Roth sitzt am Schreibtisch und ruft durch die geöffnete Vorzimmertür: „Ich bin gleich so weit.“ Dann ist sie auch schon da, strahlend führt sie den Besucher in ihr Büro, dessen bodentiefe Fenster einen spektakulären Blick auf das Reichstagsgebäude bieten. Nur der Friedrich-Ebert-Platz  liegt  zwischen dem Parlament und diesem Flügel des Jakob-Kaiser-Hauses. Hier residieren die Vizepräsidenten des Bundestages.

Und da steht sie nun, die Vertreterin des „versifften links-rot-grünen 68er Deutschland“. So hat der  AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen die Bundesrepublik auf dem Parteitag der rechten Alternativen im Frühjahr genannt und dieser Geisteshaltung unter frenetischem Beifall den Krieg erklärt. Aber gemeint sind ja immer auch Personen. Die Politikerin Claudia Roth zum Beispiel, und der Wissenschaftler und Publizist Claus Leggewie. Sie gehören zu jenen, die seit vielen Jahren den gesellschaftspolitischen Fortschritt in der Bundesrepublik vorantreiben, begleiten, verkörpern. Sie stehen besonders für dieses Deutschland, das die anderen so hassen.

AfD radikalisiert den politischen Diskurs

Meuthen hat mit seiner im Gossenjargon vorgetragenen Attacke, von deren Erfolg der rhetorisch nicht sehr begabte Wirtschaftsprofessor selber überrascht schien, das Feindbild seiner Partei und ihrer Anhänger geschärft. Das war, als habe er einen Stöpsel aus der Flasche gezogen. Plötzlich schien vorstellbar, dass die seit Jahrzehnten währende Hegemonie der Linksliberalen über die gesellschaftliche Debatte in Deutschland, deren letzte Verbündete ausgerechnet die CDU-Kanzlerin Angela Merkel sein mag, zu Ende gehen könnte. Denn die AfD radikalisiert mit ihrem reaktionären, populistischen Gerede den politischen Diskurs im ganzen Land und drückt ihn nach rechts.  Wie fühlen sich Menschen wie Roth und Leggewie angesichts des neuen Gegenwinds? Fürchten sie um das Lebenswerk ihrer Generation?

Claudia Roth ist kämpferisch gestimmt. „Wenn der Meuthen so etwas sagt und es gibt dafür tosenden Beifall, dann fühle ich mich herausgefordert“, sagt sie am Besprechungstisch in ihrem Büro – aus massivem, biologisch einwandfrei erzeugtem Holz. „Das zeigt doch nur: Wir haben viel erreicht, und da wollen die ran.“ Man dürfe die AfD nicht reduzieren auf Anti-Euro und Anti-Islam. Die wollten viel mehr - „die haben wirklich die Idee von einer anderen Gesellschaft: geschlossen, autoritär, ausgrenzend.“ Der Grünen ist bewusst, dass sie im Fokus des Hasses der Rechten steht, das ist ihr nicht neu. Eine emanzipierte Frau, die seit Jahrzehnten für die Gleichberechtigung der Geschlechter kämpft, für die Anerkennung der Rechte von Schwulen und Lesben, für die Interessen von Flüchtlingen und gegen den alltäglichen Rassismus.

„Es ist schon ein bisschen WG-Atmosphäre“

Viele Jahre war sie Vorsitzende der Grünen und noch immer verkörpert sie mehr als die meisten anderen die Geschichte und die Identität der Partei, sie ist so emotional und manchmal auch so schrill wie kaum jemand sonst im Politikgeschäft. Seit drei Jahren ist sie Vizepräsidentin des Bundestages, und damit auch eine der höchsten Repräsentantinnen der bundesdeutschen Demokratie. An ihrer weißen Leinenjacke steckt die Regenbogenfahne der Schwulen- und Lesbenbewegung, aus Solidarität mit den Opfern des Anschlages auf die queere Diskothek in Orlando. Sie weiß, wie sie Amtspflichten und politische Überzeugung in Einklang bringen kann.

Das sieht man auch in ihrem Büro. Eines ist schon einmal klar: Versifft ist hier nichts. Aber viele Bilder, Plakate, Teppiche, Kunstwerke, Grünpflanzen machen aus dem Büro auch einen ganz anderen Arbeitsplatz, als man ihn sonst hier kennt. Am Fenster steht eine Gruppe Gartenzwerge, weibliche und welche mit dunkler Hautfarbe, das bunte Deutschland, ausgerechnet in der Welt der Gartenzwerge, in der doch die AfD die Hegemonie zu haben meint. „Es ist schon ein bisschen WG-Atmosphäre“, lacht sie. Mit ihren Möbelwünschen hatte die Bundestagsverwaltung Probleme. Schwarze Ledersessel und ein Couchtisch, das ist der Standard für Vizepräsidenten.