Ein AfD - Poster mit der Aufschrift: ,,Jetzt oder Nie'' und ,,Wende 2.0''
Foto: AP / Jens Meyer

Berlin Das seit Wochen anhaltende Gedenken an DDR-Ende und Maueröffnung im Herbst vor dreißig Jahren klingt langsam aus. Diesmal bleibt ein spezielles Unbehagen übrig. Es begann mit den drei Landtagswahlkämpfen im Osten und den Plakaten, auf denen die Losungen der friedlichen Revolution wieder erschienen. Die AfD hat sie, allem historischen Sinn entledigt, gekapert um mit dem Schlachtruf „Vollende die Wende!“ zum Sturmangriff zu blasen. 
    

Sekundiert wurde diese Bewegung nicht nur über Wochen von den Autoren der „Jungen Freiheit“. Auch Hubertus Knabe konnte schon am 16. August in der Neuen Zürcher Zeitung sein Verständnis äußern, dass sich die Partei auf die Losungen der Bürgerbewegung beruft: „Der rabiate Umgang mit der AfD erinnert viele Ostdeutsche deshalb an alte Zeiten“ und die Forderung nach AfD-Überwachung an die Stasi. Auch habe man den Eindruck, der Bundestag sei bereits „gleichgeschaltet“.

Konservative Revolution

Alles heute noch nachzulesen auf Knabes Webseite und alles nicht weit entfernt von Höckes Spruch aus dem Wahlkampf: „Es fühlt sich schon wieder an wie in der DDR“. Also braucht es eine neue Revolution – eine konservative, versteht sich. Zu diesem Thema lud am 6. November die Berliner AfD-Fraktion zur Konferenz ins Abgeordnetenhaus ein. Dort brauchte die einstige Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld, wie ich aus sicherer Quelle von einem Beobachter hörte, aus ihrer geistigen Nähe zu den Wende-Vollendern der alternativdeutschen Partei keinen Hehl machen.

Sie lebt nun nach eigener Aussage in einer „anderen Diktatur, einer Gesinnungsdiktatur, aber Diktatur ist nun einmal Diktatur“. Weggefährten von einst hätten Posten ergattert und seien nun als Bürgerrechtsfunktionäre vom Phänomen der Realitätsverweigerung befallen. In der derzeitigen Bundesrepublik herrsche ein Elitenkartell. Recht und Gesetz sei einer von diesen Eliten bestimmte Hypermoral geopfert worden, die Meinungsfreiheit in höchster Gefahr.

Das Jahr 89 habe doch gezeigt, dass auch die massivsten Verhältnisse zum Einsturz gebracht werden können, wenn nur eine genügende Anzahl von Menschen zu mobilisieren sind. An dieser Stelle würde man gern mehr erfahren, wie sie sich das Ergebnis der revolutionären Auslöschung der bundesdeutschen Demokratie denn so vorstellt.

Scheitern linker Utopien

Eingeladen war auch Michael Klonovsky, ein enger Mitarbeiter Alexander Gaulands, um über das Scheitern linker Utopien zu sinnieren. Von diesem Vertreter des rechtsintellektuellen Spektrums erfuhr man, dass er Heiner Müller, Peter Hacks („begabtester Stalinist“) und Rudolf Harig („ein amüsanter Stalinist“) kannte, vor allem aber dass sein zynisches Menschen- und Gesellschaftsbild und seine Verachtung für Sozialpolitik und soziale Gerechtigkeit bemerkenswert sind. 

Wer Chancengleichheit für positive Diskriminierung hält, von der unverrückbaren „Rangordnung der Kulturen“ und vom „Import der Missstände“ redet, wenn er Flüchtlinge meint, vor dem müsste man sich in Acht nehmen, sollte er einmal einen Zipfel der Macht in postdemokratischen Zuständen in die Hände bekommen. Mein Beobachter meinte, sich verhört zu haben, als Klonovsky vom „Süddeutschen Beobachter“ sprach. Aber er hatte sich nur selbst zitiert mit dieser perfiden Gleichsetzung mit dem Organ der Nazizeit. Alles durch die Meinungsfreiheit gedeckt – auch das Gift der neuen Wende-Propagandisten.