Berlin - Was sich bei der Beteiligung an den jüngsten Landtagswahlen zeigte, bestätigt sich in der Entwicklung der Mitgliedszahlen der Parteien: Das aktuelle politische Klima mit den teils hitzigen öffentlichen Debatten hat zuletzt offenbar zu einer Politisierung der Gesellschaft geführt.

Zwar zeigt sich auch in der neuen Jahresbilanz, die der Berliner Politologe Oskar Niedermayer jetzt in der Zeitschrift für Parlamentsfragen für 2016 veröffentlichte, dass auf lange Sicht immer weniger Deutsche in Parteien aktiv sind. Doch im vorigen Jahr wurde der Trend erstmals seit langem gebremst.

Die Linke hat es am stärksten getroffen

„Betrachtet man alle Parteien einschließlich der AfD zusammen, so ist die Zahl der Mitglieder seit 1990 um die Hälfte gesunken“, erklärte Niedermayer bei seiner Abschiedsvorlesung an der Freien Universität in dieser Woche.

Die gesellschaftliche Verankerung der Parteien nehme stetig ab: Seit der deutschen Einheit verloren alle Parteien unter dem Strich deutlich an Mitgliedern – mit Ausnahme der Grünen.

„Am stärksten hat es die Linke getroffen“, so der Politologe: Trotz des Zuwachses durch die Vereinigung von PDS und WASG 2007, habe die Mitgliedschaft im Vergleich zur Vorgängerpartei 1990 rund 79 Prozent abgenommen. Die stärksten Einschläge nach der Linken: Die FDP büßte seit 1990 etwa 68 Prozent ihrer Mitglieder ein, die SPD 54 Prozent, die CDU mehr als 45 Prozent und die CSU knapp 24 Prozent.

Gute Ergebnisse bei den Grünen

Allein die Grünen legten zu – so auch im vergangenen Jahr. Da waren sie neben der AfD die einzige Partei mit Nettogewinnen, legten knapp vier Prozent an Angehörigen zu, und sind nun mit mit 61.596 Köpfen viertgrößte Partei – ihr neuer Rekord, der nicht recht zu Wahrnehmung und Umfragewerten passt.

Aber auch für die anderen Parteien gab es, in verschiedenem Maß, gute Nachrichten: Die FDP stoppte erstmals seit 2010 ihren Abwärtstrend und wuchs 2016 um 1,3 Prozent auf 53.896 Personen. Die SPD verlor unter dem Strich 2,3 Prozent – schrumpfte aber durch mehr Ein- als Austritte in Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen insgesamt weniger als die Unionsparteien und blieb mit 432.706 Mitgliedern Deutschlands größte Einzelpartei. Wenn man CDU und CSU getrennt zählt. Die CDU  hat knapp 800 Mitglieder weniger, nach einem Verlust von 2,8 Prozent gegenüber 2015.

AfD hat den größten Zuwachs bekommen

Niedermayer betonte jedoch, dass die CDU in Bayern gar keine Mitglieder gewinnen könne, weshalb sie gemessen an ihrem Potenzial mehr Menschen binde als die SPD. Das ist schon seit 1999 so. Derzeit sind 0,75 Prozent der theoretisch möglichen CDU-Mitglieder tatsächlich in der Partei, aber nur 0,61 Prozent der möglichen SPD-Zielgruppe Genossen. Spitzenreiter ist die nur in Bayern tätige CSU: Bei ihr sind 1,31 Prozent der bayrischen Bevölkerung ab 16 Jahren Mitglieder.

Die Linke kann sich über gebremsten Schwund freuen: Netto blieb ihre Mitgliederzahl gegenüber 2015 fast konstant bei rund 59.000, nach den Grünen ist sie so die fünftgrößte Kraft.

Die AfD – inzwischen siebtgrößte Partei und seit Juni in allen Landesparlamenten außer in Bayern, Hessen und Niedersachsen vertreten – kann derweil bejubeln, dass sie mitgliedermäßig um sagenhafte 61,2 Prozent wuchs. Die hohe Zahl hat aber statistische Gründe: Die Ausgangsmenge von 26.409 Mitgliedern ist vergleichsweise klein und im Vorjahr hatte die AfD nach heftigem Flügelstreit mehr als ein Fünftel ihrer Angehörigen verloren. Bis zum Stichtag Mitte April 2017 kompensierte sie diesen Verlust nun deutlich.

Frauen gehen kaum zur AfD

Spitzenreiter ist die AfD auf einem weiteren Feld: Nirgends gibt es mehr Männer. Andersherum gesagt: Mit 16 Prozent hat die AfD den geringsten Frauenanteil, gefolgt von der CSU mit 20,3 Prozent und der FDP mit 22,6 Prozent. In der CDU ist immerhin ein gutes Viertel der Mitglieder weiblich. Den meisten Frauen sind bei den Grünen (39 Prozent) und der Linken (36,9 Prozent) aktiv. Jung ist dagegen keine Partei: Das geringste Durchschnittsalter haben noch die Mitglieder der Grünen: 50 Jahre. Am ältesten sind die Mitglieder von CDU und SPD mit durchschnittlich 60 Jahren.