Erfurt - Als es um die Krim geht, greift Michael Recha zum Äußersten. Er tritt vor den rund 1?000 AfD-Mitgliedern auf dem Parteitag in Erfurt an das Mikrofon und ruft: „Hiermit erkläre ich meinen Austritt aus der AfD.“ Stöhnen und Seufzen im Saal.

Zehn Minuten später hat es sich das niedersächsische AfD-Mitglied wieder anders überlegt, er will doch an der Arbeitsgruppe für eine Ukraine-Resolution teilnehmen. Die diskutiert noch lange, nachdem der Rest der eurokritischen Partei den Saal geräumt hat.

Am nächsten Morgen stimmt die Basis ihrem Vorschlag zu: Nach dem Willen der AfD soll es keine Sanktionen gegen Russland geben, sondern diplomatische Gespräche mit allen Seiten. Die Ukraine soll weder in die EU noch in Russland aufgenommen werden, die Nato solle nicht in Richtung Osten erweitert werden. Ein Vorschlag, für den die AfD stundenlang gekämpft hat – wie um beinahe alle Entscheidungen auf diesem Parteitag.

Nationale Ausrichtung

Schon bei der Diskussion über die Tagesordnung kippt die Stimmung. Denn hier geht es auch um die Satzungsänderung, mit der Parteisprecher Bernd Lucke einen Vorsitzenden statt drei gleichberechtigter Sprecher an die Spitze der Partei setzen und dem Vorstand – also sich selbst – mehr Macht verschaffen will. Buh-Rufe erklingen, die Landesverbände kritisieren den Vorschlag als autokratisch. Nach langer Diskussion zieht ihn Lucke zurück. Erst auf dem nächsten Parteitag im Herbst kann er erneut versuchen, seinen Einfluss weiter auszubauen.

Von der Niederlage erholt sich der Wirtschaftsprofessor jedoch schnell. Denn dann schimpft er auf die „Mainstream-Medien“, die ihn an den Pranger stellen und die AfD verunglimpfen. Frenetischer Jubel und zustimmende Rufe aus dem Saal, die Mitglieder springen zum ersten Mal von ihren Sitzen. Berichten, die einen Rechtsruck in der AfD sehen, widerspricht Lucke: „Die AfD lehnt jede Form der Diskriminierung strikt ab.“ Am Ende stellt sich der kleine Parteisprecher unter den groß eingeblendeten AfD-Slogan zur Europawahl, deutet immer wieder auf die drei Worte: „Mut zu Deutschland“.

Auch wenn die nationale Ausrichtung des Slogans unter den Parteimitgliedern umstritten ist – ihr Programm für die Europawahl am 25. Mai beschreibt er gut. Denn die AfD will vor allem gegen den „europäischen Überstaat“ vorgehen. Das Personal in Brüssel soll halbiert, die Finanzpolitik renationalisiert, der Eurorettungsfonds ESM aufgelöst werden.

Knappe Entscheidung für Henkel

Was die AfD nicht will: Kein Erneuerbare-Energien-Gesetz, kein Freihandelsabkommen mit den USA, keine Pflicht zum Euro, keine Südländer in der Eurozone, kein „Gender-Mainstreaming“ – und auch gegen die Sommerzeit ist die Partei. Die Zeitverschiebung verursacht angeblich Herzinfarkte. Einsetzen will sich die AfD hingegen für ein Arbeitsrecht für Asylbewerber. Das Programm wird nach mehrstündigen Diskussionen mit großer Mehrheit angenommen.

Knapp fällt die Entscheidung für Hans-Olaf Henkel aus: Der ehemalige BDI-Präsident wird mit nur 21 Stimmen Vorsprung als neuer stellvertretender Sprecher in den Vorstand gewählt. Er ersetzt den Journalisten Roland Claus.

Auf dem Parteitag löst ein Vorschlag am Sonntag erstaunlich wenig Unruhe aus. Bernd Lucke will nicht über die politischen Leitlinien abstimmen lassen, die unabhängig von aktuellen Wahlen das programmatische Herzstück der AfD werden sollen. Stattdessen sollen die Mitglieder Änderungsvorschläge per E-Mail einreichen und online darüber abstimmen.