Berlin - „Lieber der Erste hier als der Zweite in Rom“, soll Julius Cäsar einst beim Anblick einer kleinen Stadt in den Alpen ausgerufen haben. Einige seiner Parteifreunde glauben, dass sich der Thüringer AfD-Landeschef Björn Höcke im innerparteilichen Machtkampf an diesem Zitat des römischen Feldherrn orientiert.

Zumal der auf eigenen Wunsch beurlaubte Geschichtslehrer weiß, dass Cäsar, der dann erst einmal Statthalter in Spanien wurde, den Platz als erster Mann in Rom später noch für sich reklamieren konnte. In Erfurt, wo er Fraktions- und Landeschef ist, agiert Höcke weitgehend ungestört. Seine Kritiker haben dort heute nicht mehr viel zu melden.

Björn Höcke schweigt zur Vorsitz-Frage

Zu der von Parteikollegen jetzt aufgeworfenen Frage, ob er bei der Wahl des nächsten Parteivorstandes Ende November antreten werde, will sich Höcke vorerst nicht äußern. Der Vorsitzende der schleswig-holsteinischen Landtagsfraktion, Jörg Nobis, sagt, für ihn wäre eine Bewerbung Höckes für einen Vorstandsposten „folgerichtig“.
Für die Anhänger seines rechtsnationalen „Flügels“ ist Höcke ein Star. Daran hat auch die Einstufung der Strömung als Rechtsextremismus-Verdachtsfall durch den Verfassungsschutz nichts geändert. Der „Flügel“ vertreibt Taschen und Tassen mit Höckes Konterfei.

Eine Kandidatur für den Parteivorsitz oder für einen der Vize-Posten wäre für Höcke dagegen riskant. Nobis glaubt: „Er wird sich nicht durchsetzen können. In der Partei hat Höcke derzeit keine Mehrheit“.
Zwar hat der „Flügel“ seit seiner Gründung 2015 deutlich an Macht hinzugewonnen. Die Mehrheit der AfD-Delegierten hat Höcke jedoch womöglich nicht hinter sich. Außerdem müsste er - gesetzt den Fall er würde tatsächlich gewählt - im Bundesvorstand Mehrheitsentscheidungen mittragen, die im „Flügel“ vielleicht nicht populär sind.

Jörg Meuthen würde Höcke-Kandidatur begrüßen

Der aktuelle Bundesvorstand versucht gerade, die schleswig-holsteinische AfD-Landeschefin Doris von Sayn-Wittgenstein aus der Partei zu werfen. Sie wäre Ende 2017 beinahe zur Parteivorsitzenden gewählt worden - auch mit Stimmen aus dem „Flügel“.

Dass gerade AfD-Politiker, die sich selbst als „gemäßigt“ verstehen, Höcke jetzt zu einer Kandidatur für den Bundesvorstand aufgefordert haben, ist nicht unbedingt als Ausdruck einer um sich greifenden „Höcke“-Begeisterung in der Partei zu verstehen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass auch Parteichef Jörg Meuthen erklärt, er würde Höckes Kandidatur für die Parteispitze begrüßen.

„Kyffhäusertreffen“ ohne Parteichef Meuthen 

Am jährlichen „Kyffhäusertreffen“ des „Flügels“ in Leinefelde hat Meuthen in diesem Jahr nicht teilgenommen. So musste er nicht mitanhören, wie Höcke dort seinen Anhängern zurief: „Ich kann Euch garantieren, dass dieser Bundesvorstand in dieser Zusammensetzung nicht wiedergewählt wird.“ Der Co-Vorsitzende der AfD, Alexander Gauland, der als Redner eingeladen war, hat das „Flügel“-Treffen zu diesem Zeitpunkt bereits wieder verlassen.

Eine Woche später, beim AfD-Wahlkampfauftakt für Brandenburg, Thüringen und Sachsen, ist Meuthen mit dabei. Dass er dort eine Rede halten soll, war schon länger ausgemacht. Als sich die drei Spitzenkandidaten für die Landtagswahlen - Höcke, der brandenburgische „Flügel“-Netzwerker Andreas Kalbitz und Jörg Urban aus Sachsen - auf der Bühne zum Gruppenfoto aufstellen, ist der Parteivorsitzende allerdings schon abgefahren.

Meuthen behauptet zwar, die aktuellen Spaltungstendenzen in seiner Partei seien eine Erfindung der Medien. Doch Höcke selbst hat beim „Kyffhäusertreffen“ erklärt: „Spalter und Feindzeugen, die schaden unserer Partei am allermeisten, und danach kommt lange, lange, lange nichts.“

Meuthen mag als Parteivorsitzender aktuell der Erste in Berlin sein. Seine vom AfD-Youtube-Kanal verbreitete Rede in Cottbus wurde bis Montagnachmittag auch häufiger angeklickt als die Rede von Höcke. Doch ist das allein schon eine Garantie für seine Wiederwahl? (dpa)