Berlin - Wer hätte das gedacht? Eine solche Frage am Anfang eines Textes über Afghanistan kann natürlich nur bittere Ironie sein. Im Grunde hat jeder wissen können, auch Tausende Kilometer entfernt, dass sich die Dinge in Afghanistan weiter verschlechtern würden. So weit verschlechtern, dass am Ende auch der deutsche Innenminister Horst Seehofer seine Position nicht mehr halten kann und von weiteren Abschiebungen abgelehnter Asylbewerber in das umkämpfte Land absieht. Das immerhin hat er nun getan.

In den vergangenen Wochen sind die Kämpfer der radikal islamischen Terrorgruppe immer weiter vorgedrungen. Stück für Stück haben sie das Land wieder unter ihre Kontrolle gebracht, aus dem sie vor 20 Jahren mit militärischen Mitteln vertrieben wurden. Neun Provinzhauptstädte werden mittlerweile von Taliban-Gruppen kontrolliert. Zehntausende Menschen sind auf der Flucht. Es gibt jeden Tag Berichte darüber.

Nun verlässt sich das Bundesinnenministerium natürlich nicht auf solche Berichte. Die Abschiebungen nach Afghanistan erfolgten immer auf der Grundlage einer Lageeinschätzung, die möglichst aktuell sein muss, und auf der Basis einer individuellen Einschätzung, ob die betroffene Person, die abgeschoben werden soll, in Afghanistan einer individuellen Gefährdung unterliegt, teilten Ministeriumssprecher immer wieder mit.

Dafür ist das Auswärtige Amt zuständig. Die aktuellste Einschätzung ist allerdings ein Bericht mit dem Stand Mai. Dass es über ein derart umkämpftes Land, in das Deutschland Menschen zurückschickt, keine aktuellere Lageeinschätzung gibt, ist fahrlässig. Sie sei in Arbeit, hieß es am Mittwoch wieder. Jetzt wird die Lage auch ohne Bericht als zu bedrohlich eingeschätzt, um dorthin Menschen abzuschieben. Das ist sicher richtig. Das Agieren der Behörden bleibt unverständlich.