Afghanistan: "Hotelangriff soll Verunsicherung schüren"

Herr Ruttig, was hat der Angriff auf das Hotel am Rande von Kabul zu bedeuten?

Es handelt sich um eine weitere Aktion, die signalisieren soll: Wir sind immer noch da und alles andere als geschlagen oder geschwächt. Wir können jederzeit selbst in oder in der Nähe der Hauptstadt zuschlagen. Ferner soll signalisiert werden, dass der Übergangsprozess – der von den Nato-Ländern als positiv verlaufend dargestellt wird – alles andere als glatt geht. Tatsächlich scheinen die Taliban in und um Kabul über eine tragfähige Infrastruktur zu verfügen; es ist auch nicht ausgeschlossen, dass gewisse Fraktionen, die eigentlich mit Präsident Karzai und dem Westen verbündet sind, sie unterstützen.

Warum suchen sich die Taliban eigentlich immer wieder Hotels aus?

In diesem Fall haben die Taliban den Angriff wieder einmal mit den „wilden Partys“ begründet, die an solchen Orten gefeiert werden. Sie lehnen auch Hochzeitsfeiern ab, auf denen Musik gespielt oder getanzt wird. Darum hat es sich hier wohl gehandelt. Das ist ein Zeichen, dass die alte, eifernde, puritanische Strömung der Taliban wohl am Leben ist.

Der Abzug des Westens ist doch sowieso schon im Gange. Könnten die Taliban da nicht einfach die Hände in den Schoß legen und abwarten?

Nein, aus ihrer Logik heraus müssen sie den Druck schon aufrechterhalten. Solche Aktionen sollen Verunsicherung schüren, in der Bevölkerung und der Regierung, und sie sozusagen entweder für einen Zusammenbruch nach dem westlichen Teilabzug 2014 oder eine politische Verständigung sturmreif schießen.

Im Grund ist die Lage in Afghanistan ziemlich an den Rand des Nachrichtenflusses gerückt. Klären Sie uns auf: Wie ist denn der aktuelle Stand der Dinge?

Ja, das ist eine bedauerliche und wohl auch beabsichtigte Folge der zu vereinfachenden Diskussion über einen westlichen „Truppenabzug“ 2014. Es werden sowohl Kampftruppen, dann zu Trainern und Beratern umgetauft, und vor allem Spezialeinheiten im Land bleiben. Was viele Afghanen besorgt macht, ist, dass die sinkende Aufmerksamkeit auch Auswirkungen auf die Auslandshilfe hat, von der ihr Land nach wie vor abhängig ist, auch wenn sie viel effektiver und weniger von Korruption gebeutelt hätte eingesetzt werden müssen. Die USA, als größter Geber, haben ihre Wiederaufbaumittel für Afghanistan von 2011 auf 2012 schon fast um die Hälfte gesenkt.

Militärs sagen, der Abzug sei immer das Schwerste. Ist das auch Ihre Beobachtung?

Aus militärischer Sicht mag das zutreffen, aber das ist nicht das eigentliche Problem. Das Problem ist, dass trotz aller regierungsamtlichen Schönrederei die politische, soziale und wirtschaftliche Situation in Afghanistan kritisch bleibt und der westliche Fokus auf die militärische Seite des Einsatzes viele Probleme noch verschärft hat. Das untergräbt auch die erzielten Fortschritte, etwa wenn wegen der Unsicherheit Kinder nicht mehr in die Schulen und Kranke, vor allem Frauen, nicht mehr in die neuen Kliniken geschickt werden. Lehrer und Ärzte wollen in vielen Gebieten einfach nicht mehr arbeiten, weil sie leicht zwischen die Fronten geraten können.

Das Gespräch führte Markus Decker.