Voll verschleierte Frau mit Kind in Kabul. 
Foto: Jordan Siegel

KabulJener Moment, der alles veränderte, war der, an dem die 27-jährige Farkunda zu Unrecht beschuldigt wurde, einen Koran verbrannt zu haben. Sie wurde dafür von einem Lynchmob aus Männern erst zu Tode geprügelt, dann in ein trockenes Flussbett geworfen und angezündet. Die Täter waren keine hoffnungslos rückständigen Männer mit Bärten, Turban und einem seltsamen Verständnis von Religion, sondern junge Typen mit Jeans und Turnschuhen. Sie filmten den Mord mit ihren Handys und stellten ihn ins Netz.

Das war im Jahr 2015, der Frühling hatte gerade begonnen, und in Afghanistans Hauptstadt Kabul gingen Hunderte von Frauen auf die Straße, um den Mord an Farkunda zu beklagen.

Entgegen den Gepflogenheiten des Landes trug kein Mann das Opfer zu Grabe, es waren Frauen, die den Sarg begleiteten, in die Erde ließen, letzte Worte sprachen. Und mit diesen letzten Worten schworen, die Zeit des Schweigens sei vorbei.

„Frauen in meinem Land werden noch immer wie Vieh behandelt. Sie werden immer noch Opfer von Gewalt, Mord und Vergewaltigungen“, sagt Farahnaz Forotan. Etwas mehr als fünf Jahre nach der Tat sitzt die Journalistin und Aktivistin in ihrem Büro vor dem Selbstporträt der Malerin Frida Kahlo, das diese nach einem schweren Verkehrsunfall von sich malte. Es zeigt die Mexikanerin mit Nägeln in der Haut und einer Säule, die waagerecht durch ihren Körper geht. Eine Frau, die Qualen leidet.

Farahnaz Forotan hat es von einem afghanischen Künstler auf die Wand hinter ihrem Schreibtisch malen lassen – riesengroß, weil es für sie ein Symbol für den Schmerz afghanischer Frauen ist, für das Leid aller Frauen, die in einem Kriegsland leben, in einer Gesellschaft, die ihnen Rechte verweigert. „Wenn wir uns nicht zusammenschließen und gemeinsam unsere Stimmen erheben, werden wir bald wieder ganz schweigen müssen.“

Die rote Linie

Forotan, Mitte 30, schön, elegant, Vertreterin des Kabuler Bildungsbürgertums, ist Begründerin einer zivilgesellschaftlichen Kampagne zur Stärkung von Frauenrechten im Besonderen und Menschenrecht im Allgemeinen. Unter #myredline postete sie auf Twitter im Frühjahr 2019 die Botschaft: „Ich bin Journalistin und will Journalistin bleiben. Meine rote Linie sind mein Stift und meine Meinungsfreiheit. Was ist eure rote Linie?“

Journalistin Farahnaz Forotan in Afghanistan.
Foto: privat

Sie rechnete mit wenig Resonanz, doch schon einige Monate später hatte der Hashtag 100.000 Klicks, bis heute tauchte er über fünf Millionen Mal in den sozialen Medien auf. Hunderte von Frauen und Männern haben reagiert und erklärt, wo ihre rote Linie ist. Politikerinnen, die fordern, in der Zukunft ein eigenes Ministerium leiten zu dürfen, Aktivistinnen, die gesellschaftliche Beteiligung und Gleichstellung für Frauen wollen, Schulmädchen, die ihr Recht auf Bildung äußern, Bäuerinnen, die Eigentumsrechte fordern, Mütter, die ihre Söhne im Krieg gegen die Taliban verloren und endlich Frieden wollen.

Auch Männer kommen zu Wort, Musiker, wie der Direktor des afghanischen Mädchenorchester Ahmad Sarmast, der die Freiheit der Musik erhalten möchte, Imame, die wollen, dass Afghanen über Afghanistans Zukunft entscheiden. Am Ende halten sie ein rotes Band hoch. Manche der inzwischen 70 Videos dauern nur einige Sekunden, andere eine Minute. Sie alle sind auf YouTube zu sehen.

Forotans Beispiel folgten schnell weitere Kampagnen: #AfghanWomenWillNotGoBack, #StandUpForHumanRights und die von dem Wirtschaftswissenschaftler Sharif Safi initiierte @RealMen-Kampagne, einer Bewegung, die traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit hinterfragen und aufbrechen will.

All diesen wäre der Erfolg vielleicht verwehrt geblieben, ginge in Afghanistan nicht die Angst um, die dunklen Zeiten, in denen Frauen rechtlos waren, kämen zurück. Plötzlich scheint der Kampf um Rechte wie ein Wettlauf gegen die Zeit, und diesmal muss er gewonnen werden. Denn trotz des öffentlichen Aufschreis nach Farkundas Tod erwies sich das Schweigen als zäh und hartnäckig.

Zwar zeigen inzwischen Frauen ihre Männer und Verwandten an, wenn diese ihnen Gewalt antun. Aber die Zahl der Gewalttaten wurde nicht kleiner. Zwar dürfen Mädchen im heutigen Afghanistan zur Schule gehen, studieren, Berufe ergreifen. Doch stagniert die Zahl der alphabetisierten Frauen bei 17 Prozent. In der Hauptstadt Kabul arbeiten Frauen auch in höheren Positionen, bekleiden politische Ämter, besuchen Cafés und Restaurants. Außerhalb Kabuls, vor allem in den von den Taliban kontrollierten Provinzen – rund 60 Prozent der Landesfläche – werden weiterhin Mädchen im Kindesalter zwangsverheiratet, als Pfand bei Fehden „verschenkt“, misshandelt, um der Ehre willen getötet.

Jetzt aber sieht es so aus, als kehrten die Taliban zurück an die Macht, und das hat der afghanischen Frauen- und Menschenrechtsbewegung einen Schub gegeben, der sich wellenförmig von Kabul aus im ganzen Land verbreitete und über die sozialen Medien selbst entfernte Bergdörfer erreicht. Der amerikanische Präsident Donald Trump will seine Soldaten abziehen und verhindern, dass in das dann entstehende Machtvakuum Al Kaida eindringt. Sein Abgesandter hat einen sogenannten Friedensvertrag mit den Taliban ausgehandelt, der zunächst aber nur Frieden für die Amerikaner bedeutet. An den Verhandlungen war die afghanische Regierung nicht beteiligt und auch nur wenige sehr ausgewählte Vertreter der Zivilgesellschaft. Frauenrechte haben es nicht einmal auf die Agenda der Gespräche mit den Taliban geschafft, und ob sie das je werden, weiß niemand.

Der neue Feminismus in Kabul findet seine Inszenierung in den sozialen Medien, seine Anhängerschaft versammelt sich bei Twitter und Facebook. Die meisten der Aktivistinnen sind blutjung, ein Phänomen, das ja auch im Westen zu beobachten ist.

In Afghanistan, wo eine Riege von alten Männern in allen Bereichen das Sagen hat, hat das noch mal eine besondere Dimension, wenn junge Frauen Forderungen stellen. Nach dem Erfolg von #myredline hat Afghanistans Präsident Ghani ein „RedLines“-Komitee begründet, das die Interessen des afghanischen Volkes bei den Friedensverhandlungen vertreten soll. In all diesen Aktionen geht es vor allem darum, die Stimmen der Einzelnen zu einem großen Chor zu vereinen. Gemeinsam sind wir stark – dahinter steht auch der Wunsch, das zwischen Clans und Ethnien, Krieg und Korruption, Warlords und Terrorismus zerrissene Land wenigstens auf der Ebene des gemeinsamen Freiheitswunsches zu einen.

Die weite Verbreitung über die sozialen Medien ist die Stärke der Kampagnen. Und es ist zugleich ihre Schwäche, denn sie erreicht nicht jene Teile der Gesellschaft, die der Nährboden für Fundamentalismus und religiöse Eiferei sind. Die aufmüpfige Jugend und die alte Garde, sie bilden Parallelwelten – doch noch bestimmen die Alten die Zukunft Afghanistans und werden es noch für viele Jahre tun. Gegen die so fest etablierten Machtstrukturen wird es unendlich viele Hashtags und Abertausende von Stimmen brauchen, um sie zu schwächen. Wer mit jungen Afghaninnen in Kabul spricht, erfährt schnell, dass ihre Freiheit nur so weit geht, wie es Väter, Brüder und Onkel zulassen.

Was es heißt, dem Zorn und der Verurteilung religiöser Eiferer und Fundamentalisten ausgesetzt zu sein, erfährt Laila Haidari seit zehn Jahren. Haidari, von jenen, denen sie Barmherzigkeit und ein besseres Leben bringt, „Mutter“ genannt, investiert ihre Kraft und ihr Geld in die Junkies von Kabul. Fast 5000 Drogenabhängige, Männer und Frauen, hat Haidari von der Straße geholt, ungefähr 50 pro Monat. Sie hat ihnen Obdach geboten, ihnen die verlausten Haare scheren lassen, saubere Kleidung, Essen, Gebete, Aktivitäten, vor allem aber eine neue Würde und so etwas wie Liebe gegeben. Die meisten, die ihr in ihr Haus folgten, waren nach ein paar Tagen wieder weg. Doch die, die bleiben, haben eine gute Chance, den Entzug zu schaffen.

Haidari ist 40 Jahre alt, geschieden, eine kleine Frau mit einem runden Gesicht und energischen Bewegungen. Dass sie ihr Leben ausgerechnet jenen widmet, die als Abschaum der Gesellschaft gelten, hat ihr Schmähungen und Todesdrohungen eingebracht. Um Geld für ihre karitative Arbeit aufzubringen, betreibt sie ein Restaurant in Kabul, wo viele von denen, die den Entzug schaffen, auch Arbeit finden. Dort lebte sie mit ihren drei Kindern, als ein Mob, ebenfalls aus Männern, das Restaurant vor ein paar Jahren überfiel. „Sie schrien, dies sei ein Bordell. Wir sind ihnen nur knapp entkommen.“ Haidari entschloss sich, einen hohen persönlichen Preis zu zahlen und schickte ihre damals noch minderjährigen Kinder auf den Fluchtweg nach Deutschland. Dort leben sie seither bei Verwandten. „Es brach mir das Herz“, sagt sie.

Afghanistan hat die weltweit höchste Zahl an Drogenabhängigen. Es gibt viele Gründe und schnelle Wege, in die Abhängigkeit zu geraten: Krieg, Trauma, Hoffnungslosigkeit, vor allem aber die Verfügbarkeit von Drogen aufgrund des Opiumanbaus im Land. 40 Prozent der Junkies sind Frauen, und für diese gibt es keine Hilfsangebote. Laila Haidaris Frauenhaus war über viele Jahre die einzige Anlaufstelle. Sie hat es im letzten Jahr aufgrund der vielen Drohungen schließen müssen: „Ich konnte nicht mehr für die Sicherheit der Frauen garantieren.“

Mit vierzehn verheiratet

Haidari hat selber erfahren, wie bitter es ist, wenn ein Mann über eine Frau bestimmt. Mit zwölf wurde sie verlobt, mit vierzehn verheiratet, mit fünfzehn war sie Mutter. Mit 21 erwirkte sie die Scheidung, studierte, zog schließlich nach Kabul. „Mir half niemand. Es war wie in einem Boxring. Immer wieder schlug man mich nieder, ich stand auf, ich erhielt den nächsten Schlag.“ Der Weg in die Eigenständigkeit sei traumatisch gewesen, habe sie hart, aber auch stark gemacht.

Bis heute ist Haidari eine Einzelkämpferin, eine alleinstehende Frau mit einer Mission, die viele als schändlich und verrucht ansehen. Die Rückkehr der Taliban, glaubt sie, werde das Ende der Freiheit sein, die sich die afghanischen Frauen erkämpft haben. „Sie haben sich nicht geändert, sie werden uns wieder einsperren und unterdrücken.“ Vor einem Jahr hat Haidari einen Vortrag über ihre Arbeit beim Oslo Freedom Forum gehalten und am Ende von ihrer Zukunftsangst gesprochen. Unter Tränen erbat sie die Solidarität der Frauen im Westen.

Der Wunsch nach solcher Unterstützung ist verständlich. Aber er birgt die Gefahr, dass die Afghaninnen die Deutungshoheit über ihre Anliegen verlieren. Die AktivistInnen brauchen Geld – und das kommt zumeist von amerikanischen Organisationen. Denn auch wenn die Amerikaner ihre Soldaten abziehen, ihren Einfluss auf Politik und Gesellschaft werden sie weiterhin ausüben wollen. Die frauen- und menschenrechtlichen Kampagnen sind das Tor dafür. #myredline wird von der Frauenorganisation der Vereinten Nationen unterstützt, der Aktivist für eine neue Männergesellschaft Sharif Safi hat seine Erfahrungen beim United States Institute of Peace gesammelt und hofft auf weitere Unterstützung einer Hilfsorganisation.

Die #myredline-Kampagne soll in diesem Jahr in eine neue Phase gehen. Nachdem Forotan bereits außerhalb Kabuls in zwei Provinzen Menschen befragt und das im Video festgehalten hat, will sie nun nach und nach alle anderen Provinzen bereisen. Ein gefährliches Unterfangen, doch Forotan sagt, sie habe keine Angst, sie sei schließlich im Krieg aufgewachsen. „Nur so können wir repräsentativ sein und die wahren Ansichten und Bedürfnisse der AfghanInnen festhalten. Noch nie hat jemand so viele Stimmen quer durch alle Gesellschaftsschichten und alle Ethnien gesammelt. Nur so können wir zeigen, dass wir Frieden wollen, aber nicht um jeden Preis. Nicht um den Preis von Menschenrechten.“