Kinder lernen in einer provisorischen Klasse in Kampala, Uganda.
Foto: dpa/Hajarah Nalwadda

BerlinNoch hat die Corona-Infektionswelle Afrika nicht so hart getroffen, wie Europa oder Amerika. Unter den Folgen der Pandemie leidet der Kontinent trotzdem. Mehr als das Virus selbst machen den Menschen die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie zu schaffen: Millionen Afrikaner haben keine finanzielle Absicherung, die es ihnen erlauben würde, wochenlang nicht zu arbeiten. Lieferketten wurden unterbrochen, es fehlt an Lebensmitteln und medizinischer Ausrüstung. Gleichzeitig ist die internationale Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika auf der Prioritätenliste weiter nach hinten gerückt – die Industrienationen konzentrieren sich in der globalen Pandemie auf sich selbst.

„Die Lage ist ernst, infolge der Corona-Pandemie vielleicht ernster denn je“, heißt es in einer Studie mit dem Titel „Schnell, bezahlbar, nachhaltig“, die das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung am Donnerstag vorgestellt hat. Die Wissenschaftler widmen sich darin der Frage, welche Entwicklungssprünge in Bildung, Gesundheit und Landwirtschaft nötig sind, um Afrika voranzubringen – auch und gerade in der Corona-Krise.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

Den Schlüssel dazu sehen die Autoren der Studie im sogenannten Leapfrogging (dt. Bockspringen). Der Begriff meint das Überspringen ineffizienter, umweltschädlicher und teurer Zwischenstufen der Entwicklung, hin zu Errungenschaften, die das Leben der Menschen verbessern. Hinter der umständlichen Erklärung steckt ein Gedanke, den auch die Entwicklungszusammenarbeit inzwischen mehr und mehr verfolgt. So betonte Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) erst kürzlich die Bedeutung von erneuerbaren Energien für die Stromversorgung Afrikas: „Wenn alle Menschen in Afrika eine Steckdose auf Basis von Kohle bekommen, müssten Hunderte neue Kohlekraftwerke gebaut werden“, sagte der Minister der Berliner Zeitung. Afrika müsse „der grüne Kontinent der erneuerbaren Energie werden“.

Ein klassisches Beispiel für Leapfrogging sei der Ausbau des Mobilfunknetzes auf dem afrikanischen Kontinent, sagt Reiner Klingholz, ehemaliger Direktor des Berlin-Instituts und einer der Autoren der Studie, im Gespräch mit der Berliner Zeitung. „Bis ins Jahr 2000 gab es dort kaum Festnetzverbindungen.“ Die Handytechnologie hat die Situation schlagartig geändert. „Auf einmal konnte man mit günstigen Richtfunkmasten ein Mobilfunknetz fast auf dem ganzen Kontinent ermöglichen.“ Die Mobilfunktechnik sei zwar nicht in Afrika entwickelt worden, „aber es waren afrikanische Unternehmen, die die Chance genutzt haben, die Festnetzära einfach zu überspringen“, so Klingholz.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

Dabei sind internetfähige Mobiltelefone für die Menschen gerade in ländlichen Gebieten Afrikas oder in den Slumgebieten weit mehr als ein Mittel der Kommunikation. Nicht nur in der Corona-Krise bieten sie Erste Hilfe, wenn kein Arzt in der Nähe ist und könnten so „die gewaltigen personellen Lücken in den afrikanischen Gesundheitssystemen überbrücken und den Menschen weite Wege, lange Wartezeiten und hohe Kosten ersparen“, schreiben die Autoren der Studie. In Ghana und Ruanda liefern Drohnen Blutkonserven in abgelegene Gebiete, in Südafrika verbessert MomConnect, ein digitaler Informationsservice für Schwangere, die Überlebenschancen von Frauen und Neugeborenen.

Immensen Verbesserungsbedarf gibt es im Bildungsbereich: Zwar ist Afrikas Bevölkerung die jüngste weltweit, afrikanische Regierungschefs nennen die Jugend gern das „größte Potenzial und die wichtigste Ressource“ des Kontinents. Gleichzeitig befinde sich Afrika in einer Lernkrise, schreiben die Autoren der Berlin-Institut-Studie. Oft liegt das an den Lehrern. Sie seien, so die Erkenntnisse der Studie, häufig schlecht ausgebildet – oder erscheinen einfach nicht zum Unterricht. In Liberia half schließlich eine elektronische Datenbank dem Bildungsministerium, ungeeignete Lehrer zu identifizieren, einen großen Teil von ihnen zu entlassen und dafür besser qualifizierte einzustellen.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

„Afrika hat zwar die jüngste Bevölkerung der Welt und damit ein sehr hohes Potenzial“, sagt Klingholz. „Aber gleichzeitig hat Afrika auch die ältesten Regierungen, die zudem männlich dominiert sind. Das ist ein extremes Missverhältnis, weil diese Regierungschefs, die oft schon seit Jahrzehnten an der Macht sind, natürlich wenig Interesse an Veränderungen haben und daran, Verantwortung an die Jüngeren abzutreten.“

Dabei stehen die schon längst in den Startlöchern.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

„In vielen großen Städten in Afrika, etwa in Lagos oder Nairobi, gibt es inzwischen richtige Nester von extrem technikaffinen jungen Leuten, die gut ausgebildet sind und tolle Ideen haben, um die entsprechenden Technologien zu entwickeln, die dann die Entwicklungssprünge herbeiführen“, sagt die Wissenschaftsjournalistin Sabine Sütterlin, auch sie eine Autorin der Studie. Die Corona-Krise könne dabei in gewisser Weise sogar eine Chance bieten, glaubt Sütterlin: „In der Krise sind die Importe aus dem Ausland eingebrochen. Dadurch hat sich die Einsicht breitgemacht, dass Afrika sich in Sachen Ernährung viel stärker selbst versorgen muss und nicht weiterhin so stark von Importen abhängig machen darf.“

Eine Einsicht, die dem Kontinent auf lange Sicht zu mehr Fortschritt verhelfen könnte. „Leapfrogging war vor der Corona-Krise wichtig“, sagt Reiner Klingholz. „Jetzt ist es noch viel wichtiger.“

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung