Menschen stehen in Simbabwes Hauptstadt Harare nach Lebensmitteln an.
Foto: dpa/ Tsvangirayi Mukwazhi

BerlinNoch sind die Fall- und Opferzahlen in den meisten afrikanischen Ländern vergleichsweise niedrig. Am Montag meldete die Johns-Hopkins-Universität in Baltimore für Südafrika 1.655  Corona-Infizierte. In Kenia gab es offiziell 142 Fälle, in Äthiopien 43.

Warum die Virusverbreitung in Afrika (noch) keine europäischen Ausmaße angenommen hat, ist nicht zweifelsfrei zu klären. Ein Grund könnte sein, dass viele Menschen noch nicht getestet wurden. „In vielen Gebieten gibt es dafür schlicht nicht die entsprechende medizinische Infrastruktur“, sagt Anna Kühne, epidemiologische Beraterin im Berliner Büro von Ärzte ohne Grenzen, der Berliner Zeitung. Die Ärztin und Epidemiologin unterstützt die Organisation bei der Planung und Umsetzung von Eindämmungsmaßnahmen für Covid-19 unter anderem in der Zentralafrikanischen Republik und in Äthiopien.

Vorteil: Afrika ist jung

Zunächst hatten Experten außerdem angenommen, das Virus verbreite sich aufgrund der klimatischen Bedingungen in Afrika weniger schnell. Erste Studien scheinen diese Vermutung inzwischen zu widerlegen.

Als Vorteil könnte sich das geringe Durchschnittsalter auf dem Kontinent erweisen. Laut der Stiftung Weltbevölkerung sind 41 Prozent der Afrikaner jünger als 15 Jahre. Nach derzeitigen Erkenntnissen verläuft eine Infektion mit dem Coronavirus bei jungen Menschen oft deutlich milder, viele fühlen sich nicht einmal krank. Anna Kühne warnt jedoch davor, diesem Faktor mit Blick auf Afrika zu viel Bedeutung zuzumessen. „In einigen Ländern in Subsahara-Afrika sind Krankheiten wie Mangelernährung, HIV, Malaria oder Masern häufiger“, sagt die Epidemiologin. „Es gibt noch keine Erkenntnisse, welche Auswirkung das Virus bei diesen Patienten haben wird.“

Lernen aus früheren Epidemien

Helfen könnte einigen afrikanischen Ländern die Erfahrungen mit Epidemien aus der jüngeren Vergangenheit. „In Ländern, die von Ebola-Ausbrüchen betroffen waren, wie Sierra Leone, Liberia oder der Demokratischen Republik Kongo gibt es eher Laborstrukturen und außerdem Systeme, mit denen die Kontakte von Infizierten nachverfolgt werden können“, sagt Anna Kühne, die selbst in von Ebola betroffenen Gebieten im Einsatz war.

Doch die Ausbreitung des Virus wird sich dadurch nicht verhindern lassen. Besonders gefährdet sind die Ärmsten der Armen. In den riesigen Slumgebieten rund um die größten Städte macht der Mangel an Sanitäranlagen es den Bewohnern so gut wie unmöglich, einfachste Hygiene-Regeln wie häufiges Händewaschen einzuhalten.

Eine hohe Zahl von Kranken aber, die intensivmedizinisch betreut werden müssen, könnten die Gesundheitssysteme vieler afrikanischer Länder schlicht nicht verkraften, sagt Anna Kühne.

Vor welchen Herausforderungen Afrika steht, wird klar, wenn man ganz in den Süden blickt. Das Gesundheitssystem Südafrikas gilt als eines der besten des Kontinents. Trotzdem ist man auch hier nur unzureichend auf Massenansteckungen vorbereitet – obwohl die Regierung vergleichsweise früh reagiert hat, unter anderem mit einer strengen Ausgangssperre.

Gefahr in den Armensiedlungen

Polizei und Armee patrouillieren durch die Townships, die riesigen Hüttensiedlungen an den Stadträndern. Wer die Regeln missachtet, dem drohen hohe Geldstrafen oder sogar mehrere Monate Haft. Trotzdem haben die meisten Township-Bewohner kaum eine Chance, sie müssen ihre Hütten verlassen. In Khayelitsha vor den Toren Kapstadts, eines der größten südafrikanischen Townships, leben rund 400.000 Menschen, viele von ihnen haben weder fließendes Wasser noch eine eigene Toilette. Und Abstandhalten ist unter den beengten Verhältnissen kaum möglich. Zudem sind auch in Südafrika Vorerkrankungen ein Problem, vor allem Tuberkulose. Rund 300.000 Menschen infizieren sich in dem Land jährlich mit der Lungenkrankheit.

3.000 verfügbare Intensivbetten für 57 Millionen Menschen

„Grundsätzlich gibt es hier die gleichen Empfehlungen im Umgang mit dem Virus wie in den meisten anderen Ländern“, sagt Sean Christie, Communications Manager für Ärzte ohne Grenzen in Kapstadt. Die Regierung rate dazu, sich bei milden Symptomen zu Hause zu isolieren und nicht etwa eine Klinik aufzusuchen. „Das Problem ist: Die Symptome von Covid-19 ähneln sehr denen von Tuberkulose“, sagt Christies. „Und Tuberkulose wird nicht einfach von selbst besser, sie muss dringend behandelt werden.“

Auch in Südafrika gilt es, die Ausbreitung des Virus so weit wie möglich zu begrenzen. Das Newsportal News24 meldet, dass von den im Land vorhandenen rund 7.200 Krankenhausbetten für intensivmedizinische Betreuung im Ernstfall nur 3.000 für die Behandlung von Covid-19-Patienten zur Verfügung stünden – bei einer Bevölkerungszahl von rund 57 Millionen Menschen. In Deutschland werden nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft derzeit 15.000 bis 20.000 Intensivbetten für schwere Covid-19-Fälle bereitgehalten.

Sean Christie hält die Maßnahmen der südafrikanischen Regierung grundsätzlich für richtig. Trotzdem sagt er: „Es braucht nicht viel, um dieses Gesundheitssystem zu überfordern.“

Unzureichende Schutzausrüstung, fehlendes medizinisches Personal

Für viele andere Länder auf dem afrikanischen Kontinent sieht die Lage deutlich düsterer aus. In Uganda gibt es laut einer Studie der Makarere University in Kampala lediglich 55 Intensivbetten. In dem Land leben 43 Millionen Menschen.

Damit ein Kollaps der Gesundheitssysteme verhindert wird, müssten die Übertragungsketten des Virus unbedingt unterbrochen werden, sagt Anna Kühne. Für eines der größten Probleme hält die Medizinerin aber die unzureichende Schutzausrüstung für das medizinische Personal – sofern es überhaupt Personal gibt. Sie fordert eine stärkere Unterstützung der Weltgemeinschaft und eine solidarische Umverteilung von Schutzausrüstung in Entwicklungsländer. Auch müssten die betroffenen Staaten in die Situation versetzt werden, bestimmte Maßnahmen überhaupt durchsetzen zu können. „Man kann den Menschen in vielen Gegenden nicht einfach sagen: Haltet Abstand! Bleibt zu Hause! Sie müssen ja irgendwie ihre Familie ernähren. Die Menschen brauchen die Sicherheit, dass sie, wenn sie zu Hause bleiben, am nächsten Tag noch etwas zu essen haben.“

Am Mittwoch wollen die Entwicklungsminister der EU-Länder per Videokonferenz über den Kampf gegen das Coronavirus in anderen Teilen der Welt beraten. Der Ausgang ist ungewiss. Und die Zeit drängt.