Ein Afro-Amerikaner bringt in New York seinen Einkauf nachhause.
Foto: AP/Wong Maye-E

New YorkWer in diesen Tagen in New York in stark afroamerikanisch und Latino-geprägten Vierteln wie Harlem oder der Bronx lebt, der tut sich mit dem Nachtschlaf schwer. Das bunte und oft laute Straßenleben in diesen Vierteln ist durch den ständigen Soundtrack von Sirenen ersetzt worden. Die Krankenwagen bilden auf den Avenues einen beinahe ununterbrochenen Strom.

Die offiziellen Karten der Stadt, in denen die Ausbreitung des Coronavirus verzeichnet wird, bestätigen den Eindruck, den man als Bewohner dieser Viertel hat. Überall dort in New York, wo Schwarze und Latinos leben, ist die Karte tiefrot.

Es sterben unverhältnismäßig viele Menschen

Ende vergangener Woche veröffentlichte die Stadt erstmals Statistiken darüber, wie sich die Infektionszahlen auf verschiedene ethnische Gruppen verteilen. Die Zahlen sprachen eine eindeutige Sprache. Pro 100.000 Bewohnern starben in New York 20 Afroamerikaner und 22 Latinos. Ihre Sterberate war mehr als doppelt so hoch wie jene der weißen Bevölkerung.

Dabei sind New Yorks Afroamerikaner und Latinos noch vergleichsweise wenig von der Coronakrise betroffen. Im Bundesstaat Illinois sind 43 Prozent der Toten und 28 Prozent der Infizierten Schwarze – und das, obwohl lediglich 15 Prozent der Bevölkerung afroamerikanisch ist.

In Michigan sind 40 Prozent der Toten Afroamerikaner, ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung beträgt aber nur 14 Prozent. Und in Louisiana, einem der ärmsten Staaten der USA, sind sogar 70 Prozent der Corona-Opfer Afroamerikaner, ihr Bevölkerungsanteil liegt bei 30 Prozent.

Selbst Trump registriert das Problem

Die Zahlen sind so eindeutig, dass auch die Politik sie nicht mehr ignorieren kann. „Es gibt ganz klare Ungleichheiten“, sagte der New Yorker Bürgermeister Bill De Blasio Ende vergangener Woche. Gouverneur Andrew Cuomo versprach mehr Testcenter in den Vierteln einzurichten, in denen vorwiegend Schwarze und Latinos leben. Und selbst Donald Trump gab bei seiner Pressekonferenz zumindest zu, dass das Problem existiert.

Für Bürgerrechtler wie den schwarzen Schriftsteller und Journalisten Ta-Nehisi Coates ist die Entwicklung keine Überraschung. „Wenn man eine Bevölkerungsgruppe hat, die schon immer im Erdgeschoss lebt, ist es klar, dass sie immer zuerst überflutet wird, wenn der Wasserpegel steigt“, sagt er.

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Coates spielt auf den historischen strukturellen Rassismus in den USA an, der in dieser Krise, wie in vorangegangenen, wieder voll zum Tragen kommt. Auch Gouverneur Cuomo sagt: „Bei Hurrikan Katrina 2005 waren es nicht die weißen Familien, die auf den Dächern ihrer überfluteten Häuser standen und gerettet werden mussten.“

Es trifft die Armen und Unversicherten

In der Coronakrise schlägt zuvorderst durch, dass die nicht-weiße Bevölkerung deutlich häufiger von Armut betroffen ist. Die nationale Armutsrate der USA beträgt 13 Prozent. Latinos leben zu 19,4 Prozent unter der Armutsgrenze, Afroamerikaner zu 23 Prozent. Das hat unmittelbare Auswirkungen auf die Gesundheit.

Zudem haben auch nach Barack Obamas Gesundheitsreform Afroamerikaner und Latinos überdurchschnittlich häufig keine oder nur eine minimale Krankenversicherung. Knapp zwölf Prozent der schwarzen Amerikaner sind gar nicht versichert. In den Südstaaten, wo die Armut besonders groß ist, liegen die Zahlen noch deutlich höher. Dadurch ist auch der Grad der Vorerkrankungen in der schwarzen und lateinamerikanischen Unterschicht deutlich höher. Entsprechend höher ist die Mortalitätsrate.

Bekommt einer das Virus, bekommen es alle

Der strukturelle Rassismus und die dadurch bedingte höhere Anfälligkeit reicht noch weiter. Bis heute sind die Wohnviertel der afroamerikanischen und lateinamerikanischen Bevölkerung oft streng von denen der übrigen Bevölkerung getrennt. „Diese Gemeinden sind eine formidable Brutstätte für das Virus“, sagt Sharelle Barber, Epidemiologin an der Drexel University.

Die Menschen, die in solchen Vierteln leben, sind oft genau diejenigen, die es sich nicht leisten können, in der Coronakrise zuhause zu bleiben. Sie fahren weiterhin in überfüllten U-Bahnen und Bussen zu Arbeitsstätten, in denen sie es in aller Regel mit anderen Menschen zu tun haben.

Hinzu kommt, dass die Menschen in Harlem oder in der Bronx eng gedrängt wohnen. In Haushalten, in denen drei Generationen leben, ist es praktisch unmöglich, Abstand zu halten. Bekommt einer das Virus, bekommen es alle.