Jugendliche protestieren am 1. September 2020 in Minsk gegen Lukaschenko.
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MinskDer Tod von Aliaksandr Budnitski steht für viele Schicksale, die sich still und heimlich aktuell in Belarus ereignen: Am 11. August hat sich der 53-jährige Arbeiter vermutlich einem Protest gegen Lukaschenko in einem Minsker Einkaufszentrum angeschlossen. Daraufhin verschwand er spurlos. Seine Freunde meldeten sein Verschwinden der Minsker Polizei, doch kein Beamter reagierte, niemand machte sich auf die Suche. Erst Wochen später fanden Passanten den leblosen Körper von Aliaksandr Budnitski in der Nähe des Einkaufszentrums in einem Park. Die Umstände seines Todes werden wohl für immer ungeklärt bleiben.

Seit Wochen wird demonstriert. Seit Wochen gehen die Menschen auf die Straßen gegen Aleksander Lukaschenkos Regime. Die Demonstranten sind friedlich, tragen weiße Blusen und halten rote Blumen in die Höhe, als Zeichen des friedlichen Protests. Die gewaltvollen, aggressiven Antworten der OMON-Milizen sind zwar subtiler geworden, weniger sichtbar als noch am Anfang der Proteste. Und dennoch: Jeden Tag verschwinden Menschen in Gefängnissen, Kritiker werden auf offener Straße verprügelt, Journalisten inhaftiert. Mehr als 100 Menschen werden vermisst. Noch immer sitzen mehrere Hundert Regimegegner in Haft.

Ihr Schicksal darf uns nicht kaltlassen. Die Proteste in Belarus finden zwar Eingang in die deutschen Medien, aber die Reaktionen sind verhalten. Belarus scheint weit weg zu sein. Dabei steht kurz nach der deutsch-polnischen Grenze – nur eine Stunde von Berlin entfernt – der erste Wegweiser Richtung Belarus: „Terispol (BY): 666 KM.“ Das ruft in Erinnerung, wie nah Belarus uns ist. Deshalb sollte das dortige politische Erdbeben die deutsche Politik – ja, uns Berliner – aufrütteln und nicht egal sein. Steht nicht in Friedrichshain das Tor nach Osteuropa?

Lukaschenkos Ziel ist es, dass die Energie der Proteste abflacht. Er spielt auf Zeit. Zum Kalkül gehört auch, dass wir müde werden, den Blick abwenden, die Proteste nicht mehr wahrnehmen. Die Augen Richtung Osten zu öffnen, ist also ein Akt der Solidarität, ein Zeichen der Empathie und der Wertschätzung für jene Menschen, die erstmals seit 1994 ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Die Schreckensmeldungen reißen nicht ab: In den vergangenen Nächten sind wiederholt Menschen verhaftet worden. Das schüchtert die Belarussen aber nicht ein. Am Wochenende werden wieder Tausende Menschen auf die Straße gehen. Der Oppositionsrat organisiert und professionalisiert sich, trotz der Angriffe durch das Regime.

Europa muss das zur Kenntnis nehmen und Lukaschenko zu Neuwahlen zwingen. Die EU hat sich gegen weitere Sanktionen entschieden, um Lukaschenko Gesprächsbereitschaft zu signalisieren. Das muss nicht schlecht sein. Denn Sanktionen treffen vor allem die Menschen vor Ort. Jetzt geht es darum, die Protestierenden und ihre Forderungen zu unterstützen. Dazu gehört es auch, die Schicksale jener Menschen zur Kenntnis zu nehmen, die für die belarussische Freiheit ihr Leben riskieren. Eins ist sicher: In Belarus wird gerade Geschichte geschrieben. Seien wir dabei.