Aleppo - Nach monatelangen Gefechten und Bombardierungen wird die letzte Rebellenenklave in der syrischen Großstadt Aleppo evakuiert. Am Donnerstag verließen in einem ersten Konvoi aus Bussen und Krankenwagen fast 1000 Menschen das zerstörte Gebiet, wie eine Reuters-Reporterin beobachtete. Tausende Zivilisten und Rebellen sollen folgen und in Gebiete gebracht werden, die außerhalb der früheren Handelsmetropole unter Kontrolle der Opposition sind. Nach Einschätzung der türkischen Regierung könnten bis zu 100.000 Menschen in Sicherheit gebracht werden. „Heute schreibt jeder syrische Bürger Geschichte“, erklärte Präsident Baschar al-Assad in einer Videobotschaft. Nach der „Befreiung Aleppos“ werde die Welt eine andere sein. Sollten die Feuerpause halten und die Evakuierung gelingen, wäre es für Assad der bisher größte Sieg im seit fast sechs Jahren währenden Bürgerkrieg.

Nach Angaben des Internationalen Komitee vom Roten Kreuz konnten zunächst 200 Verletzte das Rebellengebiet verlassen. Assads Verbündeter Russland erklärte, es gehe bei der Aktion um 5000 Aufständische und ihre Familien. Demnach sollen russische Soldaten die Evakuierung unter anderem mit Drohnen überwachen. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Moskau werden die Betroffenen in die Provinz Idlib im Nordwesten des Landes gebracht. Dies könnte zu neuen Konflikten unter den Aufständischen selbst führen: Während die Regierungsgegner in Aleppo vor allem Mitglieder nationalistischer Gruppen waren, herrschen in Idlib vor allem radikale Islamisten.

Die Provinz ist bereits zum Ziel russischer und syrischer Luftangriffe geworden. Es ist aber unklar, ob Assads Truppen dort auch am Boden in die Offensive gehen oder sich zunächst damit begnügen, die Aufständischen in Schach zu halten. Assad hat angekündigt, seine Gegner im ganzen Land bezwingen zu wollen.

Schiitische Dörfer werden avakuiert

Etwa 50 Kilometer südwestlich von Aleppo lief in der Provinz Idlib eine weitere Evakuierungsaktion an. Dort machten sich nach einem Bericht des syrischen Staatsfernsehens Last- und Rettungswagen auf den Weg in die Ortschaften Al-Fua und Kefraja, die von Rebellen belagert werden. Ziel sei es, Verletzte und Familien in Sicherheit zu bringen. Die Räumung der beiden Dörfer war nach Rebellenangaben eine Bedingung schiitischer Milizionäre für die ähnliche Aktion in Aleppo.

Der Leiter des UN-Hilfseinsatzes in Syrien, Jan Egeland, drang darauf, Tausende Menschen in Aleppo in Sicherheit zu bringen. Vorrang müssten Verletzte, Kranke und Kinder haben. Die Türkei erwägt nach Angaben des stellvertretenden Regierungschefs Veysi Kaynak, für Zivilisten aus Aleppo in Syrien selbst ein Flüchtlingslager zu errichten. Das Nato-Land hat bereits Millionen Syrer aufgenommen.

Die Türkei und Russland hatten am Dienstag eine Feuerpause ausgehandelt. Sie scheiterte jedoch, so dass auch die Evakuierung Aleppos zunächst abgesagt wurde. Die Kämpfe tobten noch bis kurz vor Beginn der neuen Feuerpause. So nahmen Pro-Assad-Einheiten am Mittwoch einen Teil des Stadtteils Sukkari ein. Schon davor kontrollierten die Aufständischen nur noch einen Bruchteil Aleppos.

Kritik aus Europa und den USA

Bei der Offensive erhält Assad Hilfe von schiitischen Kämpfern aus dem Libanon, dem Irak und dem Iran. Zudem fliegen die russischen Streitkräfte seit eineinhalb Jahren Angriffe auf Ziele in dem Bürgerkriegsland. Die Rebellen werden dagegen von der Türkei, den USA und den Golfstaaten unterstützt. Alle Beteiligten haben die Extremistenmiliz IS zum Feind erklärt. Sie beherrscht weite Teile Ostsyriens und konnte zuletzt die antike Oasenstadt Palmyra zurückerobern. Assad konzentriert sich auf den Westen und Großstädte wie Aleppo und Damaskus.

Das Vorgehen der syrischen Regierung und der Verbündeten Iran und Russland sorgt vor allem in Europa und den USA für Kritik. So forderte die britische Premierministerin Theresa May eine klare Antwort der EU auf die Zustände in Aleppo. Die Schuldigen müssten zur Verantwortung gezogen werden. EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini bezeichnete die Lage der Zivilisten als „absolut inakzeptabel“. Österreichs Bundeskanzler Christian Kern rechnet wegen der Unterstützung des russischen Präsidenten Wladimir Putin für Assad indes nicht mit weiteren Sanktionen gegen die Regierung in Moskau.

Westliche Politiker haben immer wieder kritisiert, dass bei den Bombardierungen auch viele Zivilisten getötet würden. Russland und Syrien haben erklärt, die Angriffe richteten sich nur gegen Terroristen. (rtr)