Kosmonaut Leonid Kisim 1986 bei einem Einsatz im Weltraum, aufgenommen von seinem Partner Wladimir Solowjew. 
Foto: imago/itar-tass

In seinem soeben bei Suhrkamp erschienenen Buch „Russland-Kontainer“ versucht der 88-jährige Filmemacher Alexander Kluge eine neue Annäherung an Russland, das mythische „Herzland“ der Welt. Er lernt, wie er im Interview erklärt, bei seiner Reise durch Raum und Zeit auch viel über Deutschland.

Berliner Zeitung: Herr Kluge, in Ihrem neuen Buch zitieren Sie einen russischen Mönch. Dieser sagt, es sei nicht gut für den Menschen, wenn die Realität, also die Arbeit, durch „eine nicht enden wollende Folge besonderer Tage“ ersetzt wird. Erleben wir mit Corona auch solch einen Zustand der Zeitlosigkeit?

Alexander Kluge: Es quält mich, dass ich aus meiner Arbeitsumgebung gerissen bin. Natürlich müssen wir die Quarantäne in Kauf nehmen. Aber dann kommen die christlichen Feiertage und dann die Sommerferien. Es wird uns die Zeit weggenommen, in der wir mit anderen zusammen sein können.

Berliner Zeitung: Ihr Buch ist eine Liebeserklärung an Russland, an seine Kultur, seine Menschen, seine Tugenden, seine Unerklärlichkeit. Woher kommt Ihre Beziehung zu Russland?

Alexander Kluge: Das Buch heißt „Russland-Kontainer“. Ich habe viele Fragen an Russland. Ich möchte mehr über das Land wissen. Der konkrete Anlass war der Tod meiner Schwester vor drei Jahren. Ich war ihr sehr eng verbunden. Ich höre sie immer noch innerlich. Wir haben die größten Gefahren des Lebens miteinander durchgemacht. 1945 war sie fünf Jahre alt, ich war 13. Wir lebten in Halberstadt, als die Russen kamen. Ich ging später nach Berlin, sie ist geblieben. Deshalb hat sie Russisch gelernt. Irgendwann hat sie einen russischen Freund gehabt. Sie hat mir immer in den Ohren gelegen und gesagt, wir Deutsche sollten nicht immer nur Nabelschau betreiben. Wir sollten dieses ganz unbekannte Land im Osten entdecken. Als Kind habe ich mich immer für Wild-West interessiert. Als Erwachsener interessiere ich mich für Wild-Ost.

Berliner Zeitung: Das ist jetzt natürlich kokett von Ihnen. So wie sich das Buch liest, wissen Sie unglaublich viel von Russland …

Alexander Kluge: Russland ist das Vaterland der Besonderheiten. Ich kenne Russland aus den Opern von Mussorgski, Tschaikowski und Schostakowitsch. Ich war einmal in Moskau bei einem Filmfestival und habe 14 Tage in Russland gedreht. Ich interessiere mich dafür, weil wir über Deutschland viel lernen, wenn wir nach Russland schauen. Wenn Sie von Ihrem eigenen Land etwas erzählen wollen, müssen Sie ihm das Fremde gegenüberstellen. Russland können wir nicht erobern. Man bräuchte eine Landkarte im Maßstab von 1:1, um es zu verstehen. In Russland wird die Genauigkeit zum Thema. In Russland können Sie nichts mit dem Blick des „Beutejägers“ erreichen, als Adler, der von oben nach unten blickt. Alle Eroberer sind nicht besonders stolz zurückgekommen. In der Bibliothek meines Vaters stand ein zweibändiges Werk über die Niederlage Napoleons. Franz Kafka verfolgte im Jahr 1916 den Plan, den Rückzug Napoleons aus Moskau im Winter 1812 in einem Fortsetzungsroman zu beschreiben. Napoleon hat immer gedacht, er muss nur geradeaus ziehen, von Paris nach Moskau. Wie durch eine Pappelallee. Aber das funktioniert nicht. Auch die Deutschen dachten, sie könnten beliebige Ziele in der Weite erreichen. Die Beliebigkeit aber zerstörte die Willenskraft. Der Wille braucht ein Objekt: Moskau. Aber Russland ist viel mehr als Moskau. Russland muss man aus der Bodenhaftung seiner Länder betrachten.

Der Filmemacher, Fernsehproduzent, Schriftsteller, Drehbuchautor und promovierte Jurist Alexander Kluge in seiner Wohnung in München.
Foto: laif/Robert Kluba

Berliner Zeitung: Sie unternehmen in dem Buch den amüsanten Versuch, Russland mit einer mathematischen Formel zu erklären: Russland = die Wurzel aus –1. Damit wollen Sie sagen, dass Russland im Grunde unergründlich ist …

Alexander Kluge: Die Metapher stammt vom russischen Dichter Welimir Chlebnikow. Es ist ein Ansatz aus der Quantenphysik: Die Zahl Wurzel aus –1 erfasst alle Zahlen, die kleiner sind als 1. Also alles, was kleiner ist als eine menschliche Zelle. Es ist eine imaginäre Zahl, so klein wie das Coronavirus. Die Zahl drückt Unschärfe aus. Man kann sie nicht genau erfassen. In Russland – und in Wirklichkeit auch bei uns – können Sie bei durchschnittlich 30 Zentimeter Schneefall in einer Schneewechte umkommen und in einem im Durchschnitt fünf Zentimeter tiefen Bach kann man ertrinken. Die Zahl ist die, die dem Gefühl und der Seele am nächsten kommt.

Berliner Zeitung: Ist die Unbestimmtheit auch der Grund für die Angst, die viele vor Russland haben? Wie haben Sie die Russen 1945 erlebt?

Alexander Kluge: In Halberstadt konnte man genau beobachten, wie sich die Alliierten unterschieden: Die Amerikaner kamen mit dem Jeep und brachten uns Bonbons. Die Briten waren reserviert und geizig. Die Russen sind zu Fuß und laut singend eingezogen. Davor hatten wir Angst.

Berliner Zeitung: Waren die so furchterregend oder war das noch die Wirkung der Nazi-Propaganda?

Alexander Kluge: Es war sicher auch die Propaganda. Aber die Russen waren anders. Die anderen haben sich die schönsten Villen in der Stadt gesucht als Unterkünfte. Die Russen haben einen Wohnblock beschlagnahmt und haben ihn rot angestrichen. Es war dann eher violett, aber es hat uns beeindruckt. Geändert hat sich mein Verhältnis durch die ersten direkten Begegnungen. Sie haben uns ja nichts getan. Mein Vater war Arzt und hat die beiden Kinder des sowjetischen Kommandanten zur Welt gebracht. Dafür gab es Hammelbraten und reichlich Wodka. Später habe ich die Russen in Berlin kennengelernt. Die Franzosen hatten Varietés, die Briten Clubs, die Amerikaner die Autos und die Russen die Kinos und die Staatsoper. Ich habe das auch später bei der Perestroika gesehen, im Bolschoi-Theater – wie gebildet die Russen sind. Die Garderoben-Frauen wussten alles über die Opern, die gespielt wurden. Sie konnten nie in die Vorstellung hinein, aber sie waren besser als jeder Opernführer. Russland ist so weit.

Berliner Zeitung: Es gibt auch andere große Länder, aber die Russen scheinen etwas zu haben, was einzigartig ist?

Alexander Kluge: Es gibt den Spruch von Georg Baselitz, der Mussorgski paraphrasiert. „Alle Seelen Russlands weisen mit ihren Wurzeln zum Himmel.“ Mussorgski sagt auch, dass der Mensch nicht vom Korn oder vom Fleisch allein lebt. Das hat auch dazu geführt, dass der Sozialismus unfreiwillig zu anderen Ergebnissen geführt hat. So landeten Güterwaggons mit Glühbirnen in Sibirien. Dadurch wurden die Abende hell, und Kinder und Erwachsene lernten zu lesen. Das war die entscheidende Alphabetisierung. Heute erleben wir das mit den Algorithmen im Silicon Valley oder der Entschlüsselung der DNA.

Berliner Zeitung: Und die Seele?

Alexander Kluge: Es gab 1917 die Biokosmisten. Die wollten Jesus Konkurrenz machen. Sie sagten: Es ist nicht gerecht, dass die Menschen sterben müssen, aus der Sicht des Sozialismus. Daher müssen wir alle Toten, unsere Vorfahren, auferwecken. Es gab detaillierte Planungen. Bei der Frage, wo dann aber all die Toten leben sollten, stand man plötzlich vor dem Problem, dass die Erde zu klein ist für alle Verstorbenen. Daher sagte man sich, wir müssen die Auferweckten in das Weltall bringen. So entstand das sowjetische Raumfahrtprogramm. Es ist heute noch eines der besten der Welt. Der ursprüngliche Plan ist zwar nicht erfüllt worden, die Auferweckung der Toten. Aber gleich daneben hat etwas anderes funktioniert, was vorher niemand so wissen konnte.

Berliner Zeitung: Also haben die russischen Raketen eigentlich einen metaphysischen Hintergrund?

Alexander Kluge: Das kann man so sehen. Aber es ist alles immer vielschichtig. Die russischen Ikonen haben ein eigenartiges Licht. Es leuchtet in den Häusern, als wären die Ikonen Fenster. Es ist dasselbe Licht wie im russischen Film. Und dasselbe Licht entsteht im Blitz des Revolvers des Tschekisten, der Bucharin in den Nacken schießt. Wir leben immer zwischen dem Bösen und der Ikone.

Berliner Zeitung: Sie beschreiben in dem Buch auch den besonderen Status Russlands aus geopolitischer Sicht. Sie zitieren einen Briten, der schon im Jahr 1904 Russland als das mythische „Herzland“ der Welt bezeichnet hat – eine Sicht, die später in den Doktrinen von Brzezinski und Kissinger ihren Niederschlag gefunden hat …

Alexander Kluge: Halford Mackinder war ein Geologe aus Oxford. Er wurde zum ersten Geopolitiker und ist bis heute das Idol der Strategen des Pentagons. Ich habe das erste Mal von ihm auf einer Münchner Sicherheitskonferenz gehört. Seine Theorie: Irgendwo in Nordrussland, in der Tundra, hat vor Hunderten Millionen Jahren ein Plume stattgefunden, also ein Ausbruch aus dem Erdinneren, der über Hunderte Kilometer viele kleine Vulkane hat entstehen lassen. Die Rauchschwaden haben alles Leben ausgelöscht, es war das Ende der Dinosaurier. Der Ausbruch hat aber auch gezeigt, dass an diesem Ort der ganze Reichtum der Erde aus dem Innersten gekommen ist. Daher nannte Mackinder diese Region das „Herzland“, und er sagte: Wer das Herzland regiert, der regiert die Welt. Wir sehen ja heute noch, wie reich die Region ist, mit Erdgas und Erdöl.

Berliner Zeitung: War die Revolution von 1917 ein Unfall oder war sie nur in Russland möglich?

Alexander Kluge: Die Russen haben 1917 gezeigt, dass sie eine andere Antwort auf die Katastrophe des Ersten Weltkriegs geben wollten als die anderen Nationen in Europa. Außerdem war es ein eigenartig idealistisches Unterfangen. Zu Anfang dieser Revolution konnten extreme Gegensätze nebeneinander bestehen. In meinem Buch beschreibe ich einen Anhänger der christlichen Orthodoxie, der aus einer Welt von vor 500 Jahren zu kommen scheint. Als Experte für Elektrizität steht er direkt neben dem Volkskommissar für Energie auf dem Podium und bringt den Russen die Glühbirne. Das konnte auch dazu führen, dass Unvereinbares ineinander verwoben wurde. So schreibt Majakowski den unglaublichen Vers als Empfehlung für die letzten Worte auf der Guillotine: „Es ist gut, in die Zähne des Schafotts geworfen, zu schreien: ,Trinkt Kakao von Van Houten!‘“ Der Vers ist grotesk, vorausahnend, zerbrechlich.

Berliner Zeitung: Könnten die Deutschen das auch? Sie wollten ja nach Russland schauen, um über Deutschland zu lernen …

Alexander Kluge: Wo ist bei uns ein imaginäres Licht wie bei den Ikonen? Ich kann es nicht finden.

Berliner Zeitung: Sie loben die Treue der Russen …

Alexander Kluge: Treue und Verlässlichkeit. Es ist wie ein Urvertrauen, ja. Das finden Sie bei uns auch, nicht in Berlin. Ich finde es in der Schwäbischen Alb, in Teilen von Franken. Oder auch in der französischen Provinz, der Bretagne, der Normandie – nicht in Paris.

Berliner Zeitung: Warum ist Russland heute wieder so ein Feindbild in Deutschland, im Westen?

Alexander Kluge: Das entsetzt mich. Es gibt eine Tendenz, nach Osten hin anzuschwärzen. Es ist wie ein Pawlowscher Reflex. Ich habe den früheren US-Außenminister James Baker interviewt, wie auch Gorbatschow. Baker ist wie ein kluger Notar durch das Bürgerkriegsland gereist. Er hat gesagt, man müsse aus der Demütigung des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns nach 1918 die richtigen Schlüsse ziehen. Er fürchtete, dass die Rache sonst den Westen in etwa 40 Jahren unvorbereitet treffen könnte.

Berliner Zeitung: Auch das ist allerdings noch nicht eingetroffen …

Alexander Kluge: Der preußische König und spätere Kaiser Wilhelm I., Großvater des Angeberkaisers Wilhelm II., hat gesagt, Russland müsse man immer mit „Sie“ anreden. Entweder ist das Land sehr gefährlich oder aber gutartig. In jedem Fall sollten wir Russland mit Respekt begegnen.

Das Gespräch führte Michael Maier.