Berlin -  Der russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalny ist nach seiner Landung in Moskau noch am Flughafen festgenommen worden. Der 44-Jährige wurde an der Passkontrolle abgeführt, wie auf Livebildern der Nachrichtenagentur Reuters zu sehen war. Auch der Telegram-Kanal des Oppositionellen meldete die Festnahme am Sonntag. 

Nawalny war am Sonntagabend nach Russland zurückgekehrt. Das Flugzeug wurde umgeleitet und landete etwa drei Stunden nach dem Start in Berlin auf dem Moskauer Airport Scheremetjewo. Nawalny war mit der Billigfluglinie Pobeda („Sieg“) vom BER abgeflogen, knapp fünf Monate nachdem er am 22. August 2020 vergiftet und bewusstlos aus Sibirien zur Behandlung in die Charité gebracht wurde.

Der 44-Jährige mied bei der Abreise vom Terminal 5, dem alten Flughafen Schönefeld, den Kontakt zu dem Rudel Journalisten vor der Tür und zu der Handvoll Unterstützer, die gekommen waren.

Der IT-Spezialist Dimitri Nass, 38, war aus Wolfsburg angereist, um Nawalny seine Unterstützung zu zeigen. Er hatte ein Plakat dabei, das auf eine russische Sage anspielte: „Zerbrich die Nadel Koschtscheis und befreie Russland.“ Mit dem Zerbrechen der verborgenen Nadel, in der die Seele des bösen „Koschtscheis des Unsterblichen“ sitzt, mit dem Präsident Wladimir Putin gemeint ist, verliere der seine Macht.

Das Berliner russisch-deutsche Ehepaar Ekaterina Raykova-Merz, 33, und Andreas Merz-Raykov, 40, verkündete auf seinem Plakat, dass „die Zeit der Diktatoren vorbei“ sei und dass Putin Angst vor Nawalny habe. Die Übersetzerin und der Regisseur waren ob Nawalnys Entscheidung, nach Russland zurückzukehren, zwiegespalten.

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Ekaterina Raykova-Merz und ihr Mann Andreas Merz-Raykov mit ihrem Plakat, das verkündet: „Die Zeit der Diktatoren ist vorbei, Putin hat Angst vor Nawalny.“

Russlands Strafvollzug hatte Nawalny zur Fahndung ausgeschrieben, weil er während seines Aufenthaltes in Deutschland gegen Bewährungsauflagen in einem früheren Strafverfahren verstoßen haben soll.

Nawalny hatte stets darauf verwiesen, dass er sich in Deutschland von dem Anschlag erhole und sich deshalb nicht persönlich bei den Behörden in Moskau habe melden können. 

Unterstützer Nawalnys in Russland berichteten, sie seien in St. Petersburg an der Reise nach Moskau gehindert worden. Andere Sympathisanten meldeten, dass sie nicht zum Flughafen fahren durften. Polizisten waren auf dem Flughafen Wnukowo massiv gegen Unterstützer Alexej Nawalnys vorgegangen. Es gab mehrere Festnahmen, wie eine dpa-Reporterin am Sonntag aus dem Terminal berichtete.

Unter den Festgenommenen waren auch Nawalnys engste Mitarbeiterin, die Juristin Ljubow Sobol, sowie weitere Aktivisten. Uniformierte drängten Menschen zurück, die den Oppositionspolitiker empfangen wollten. Die auf Anti-Terror-Einsätze spezialisierte Sonderpolizei OMON hatte mit mehreren Gefangenentransportern Stellung bezogen.

Nawalny war am 20. August auf einem Flug vom sibirischen Tomsk nach Moskau kollabiert. Er wurde in einem Krankenhaus in Omsk und danach in der Berliner Charité behandelt worden. Ein Bundeswehr-Labor war zu dem Erbgebnis gekommen, dass der Politiker mit dem Nervengift Nowitschok vergiftet worden sei.

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Polizisten nehmen auf dem Moskauer Flughafen Wnukowo einen Sympathisanten Nawalnys fest.

Nawalny hatte mehrfach erklärt, er mache Wladimir Putin persönlich für den Anschlag verantwortlich. Russland wies das ebenso häufig zurück. Russische Offizielle hatten auch behauptet, Nawalny sei erst auf dem Flug nach Berlin vergiftet worden.

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Prof. Dr. Karl Schlögel wartete vergeblich auf Nawalny.

Der Historiker und Russland-Kenner Prof. Dr. Karl Schlögel, der ebenfalls vergeblich in Schönefeld gewartet hatte, nannte Nawalny einen „Patrioten“, der dazu beitragen könne, Russland aus der Sackgasse zu holen, in die Putin das „große Land mit seinen fähigen Menschen“ geführt habe.

Nawalny habe geholfen, Öffentlichkeit in dem Riesenland herzustellen, in dem es ein pulsierendes Denken gebe, und einen Gegenpol zu der„ üblen, niederträchtigen, kriegstreiberischen Propaganda“ zu schaffen, wie sie beispielsweise der Moderator Wladimir Solowjow im russischen Fernsehen verbreite. Schlögel, der seinen Besuch am Flughafen eine „symbolische Geste – aus Ohnmacht“ nannte, begrüßte es deshalb, dass Nawalny nach Russland zurückkehre. (mit dpa)