Der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Alfons Mais, hat dem Handelsblatt ein Interview gegeben. Darin beschwert er sich über den Zustand der Bundeswehr und warnt vor der Kraft Russlands. „Mit ihrer Artillerie-Überlegenheit arbeitet sich die russische Armee offenbar Kilometer für Kilometer nach vorne. Das ist ein Zermürbungs- und Abnutzungskrieg, der die Frage aufwerfen wird, wie lange die Ukraine das durchhalten kann“, sagte er dem Handelsblatt.
Der Inspekteur des Heeres freut sich zwar über das Sondervermögen für die Bundeswehr, aber er mahnt auch zur Vorsicht. Bis das Geld für Projekte bewilligt wird und sich in der Realität in besserer Rüstung und mehr Personal niederschlägt, wird es dauern.
Er sagt weiter: „Selbst wenn jetzt das Geld da ist, bleibt ja die Frage, wie schnell das Parlament die konkreten Projekte billigt und wie schnell die Industrie liefern kann. Deutschland ist nicht der einzige Kunde, in ganz Europa werden momentan die Streitkräfte besser ausgerüstet. Da wäre es den Schweiß der Edlen wert, dass man sich europäisch zusammensetzt und schaut, wer macht denn jetzt eigentlich was und wer ist zuerst dran. Ich bin sicher, die Leitung des Bundesverteidigungsministeriums thematisiert das auch immer wieder in ihren Gesprächen auf den entsprechenden Ebenen. Aber das ist natürlich nicht ganz einfach, weil alle Nationen verständlicherweise auch den eigenen Bedarf im Blick haben. Daher ist dieser Ansatz unverändert ein sehr ambitioniertes Vorhaben.“
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Man müsse von einem Zeitraum von fünf bis acht Jahren rechnen, bis die Bundeswehr wieder voll einsatzfähig sei. Momentan sei der Zustand der Bundeswehr nicht besonders gut, die Hilfen für die Ukraine schwäche die Wehrfähigkeit. Zudem müsse die Bundeswehr so einsatzfähig sei, dass sie an der Ostflanke schnell reagieren könne – vor allem in Litauen.
„Russland hat Ressourcen, die nahezu unerschöpflich sind“
Der Bundeswehrinspekteur bestätigt überdies, dass Russland im Ukraine-Krieg Fortschritte macht. „Nachdem Russland in der ersten Phase gescheitert ist und Kiew nicht hat einnehmen können, hat es seit Ende März seine Truppen umgruppiert, auf engerem Raum massiert und die Offensive neu ausgerichtet. Mit ihrer Artillerie-Überlegenheit arbeitet sich die russische Armee offenbar Kilometer für Kilometer nach vorne. Das ist ein Zermürbungs- und Abnutzungskrieg, der die Frage aufwerfen wird, wie lange die Ukraine das durchhalten kann. Da rede ich nicht nur über Material, sondern auch über das Personal.“ Der Inspekteur zeigt sich überrascht über die Brutalität des Krieges.
Er sagt: „Erkennbar ist, dass die Auguren sich in der Frage getäuscht haben, wohin sich die Kriegsführung entwickeln wird. Wir sehen keinen Cyberkrieg und keinen chirurgischen, Hightech-dominierten, ‚sauberen‘ Krieg. In der Ukraine tobt ein schmutziger Landkrieg auch mit brutalen Angriffen gegen die Zivilbevölkerung, von dem ich nicht geglaubt hätte, dass wir ihn in Europa noch einmal erleben müssen.“
Russland sei blauäugig in den Krieg gestartet, der Angriff auf Kiew sei ein Desaster gewesen. Trotzdem: „Ich warne aber davor, Russland zu unterschätzen. Armeen, die nah an der Niederlage entlanggesegelt sind, lernen am schnellsten.“ Da das Land eine Autokratie sei, würden die menschlichen Verluste aufseiten der russischen Armee keine große Rolle spielen. „Die Streitkräfte lernen dort natürlich aus den Erfahrungen im Ukrainekrieg. Die russische Armee wird kampfstärker. Und Russland hat Ressourcen, die nahezu unerschöpflich sind. In einem autokratischen System spielen die Verlustraten bei den eigenen Soldaten offenbar keine Rolle. Die Medien sind gleichgeschaltet, die Unterstützung in der Bevölkerung ist offenbar immer noch hoch. Bei uns wäre das vermutlich so nicht denkbar.“
Das Interview hat in Russland zu heftigen Reaktionen geführt. Viele russische Medien haben das Interview aufgegriffen und zeigen damit, dass die Stärke der russischen Armee keine Kreml-Propaganda sei, sondern von deutschen Offiziellen bestätigt werde.
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