Die promovierte Volkswirtschaftlerin Aline Zucco von der Hans-Böckler-Stiftung.
Foto: Hans-Böckler-Stiftung

BerlinEine neue Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hat herausgefunden, dass es große Unterschiede bei Gehalt und Karrierechancen für Frauen und Männer zwischen Ost- und Westdeutschland gibt. Die Volkswirtschaftlerin Aline Zucco, Mitautorin der Studie, erklärt warum.

Berliner Zeitung: Wo stehen Ost- und Westdeutschland 30 Jahre nach der deutschen Einheit bei der Gleichstellung der Geschlechter auf dem Arbeitsmarkt?

Aline Zucco: In fast allen Bereichen hat es beim Thema Gleichstellung sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland Fortschritte gegeben, allerdings stellen wir trotzdem fest, dass es hinsichtlich der Geschlechterungleichheit noch viel zu tun gibt. Wir können aber sagen, dass der Osten diesbezüglich schon ein bisschen weiter ist.

In Ihrer Studie heißt es, die Ost-West-Unterschiede auf dem Arbeitsmarkt seien weiterhin sehr deutlich. Woran machen Sie das fest?

Ein Beispiel ist der Gender-Pay-Gap, der insbesondere in Westdeutschland sehr hoch ist und bei 21 Prozent liegt. In Ostdeutschland ist dieser mit knapp sieben Prozent wesentlich geringer. Wir beobachten, dass Frauen trotz mindestens gleicher Qualifikation immer noch weniger verdienen als Männer.

Was sind die Gründe dafür, dass der Gender-Pay-Gap im Osten kleiner ist als im Westen?

Frauen in West- und Ostdeutschland unterscheiden sich in ihren Erwerbsbiografien. Frauen in Ostdeutschland haben tendenziell geringere Erwerbsunterbrechungen. Zudem arbeiten sie seltener in Teilzeit oder in Minijobs als Frauen in Westdeutschland. Das wirkt sich positiv auf ihre Löhne aus.

Männer in Ostdeutschland verdienen durchschnittlich fünf Euro weniger als westdeutsche Männer. Wirkt sich das niedrigere Lohnniveau in Ostdeutschland auf die Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen auf dem Arbeitsmarkt aus?

Ja, dadurch, dass die ostdeutschen Männerlöhne wesentlich niedriger sind als die westdeutschen, ist auch der Gender-Pay-Gap geringer, weil die Frauenlöhne in Ost- und Westdeutschland ziemlich nahe beieinander liegen.

Haben Frauen in Ostdeutschland also bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt als westdeutsche Frauen?

Sowohl in West- als auch in Ostdeutschland sind Frauen wesentlich seltener als Männer auf der ersten Führungsebene vertreten. Nur ungefähr jede vierte Führungsposition im Westen wird von einer Frau ausgeführt, in Ostdeutschland ist es jede dritte. In Westdeutschland sehen wir daher ein deutlicheres Geschlechtergefälle als in Ostdeutschland.

Woran liegt das?

Ein sehr wichtiger Grund ist, dass Frauen in Ostdeutschland wesentlich häufiger in Vollzeit arbeiten als in Westdeutschland. Das ist insbesondere der Fall, weil die Kinderbetreuung im Osten wesentlich stärker ausgebaut ist als im Westen. Die Besetzung von Führungspositionen ist in Deutschland häufig immer noch an eine Vollzeittätigkeit gebunden.

Ein weiteres Ergebnis Ihrer Studie ist, dass nun mehr Frauen in Ost und West erwerbstätig sind als früher. Diesen Anstieg führen Sie darauf zurück, dass es einen gestiegenen Anteil von Frauen in Teilzeitarbeit gibt. Ist das für Sie ein positives Signal für mehr Geschlechtergerechtigkeit?

Wenn Frauen erwerbstätig sind, haben sie ein eigenes Einkommen und eigene Rentenansprüche. Doch oft werden Frauen in Teilzeitarbeitsverhältnisse gedrängt, da es für sie größere Vereinbarkeitskonflikte von Beruf und Familie gibt. In Deutschland ist es um die Ganztagsbetreuung für Kinder noch immer recht schlecht bestellt, sodass einer der beiden Elternteile seine Arbeitszeit reduzieren muss. Das sind eben häufiger Frauen, die deswegen längere Erwerbsunterbrechungen haben.

Sie führen in Ihrer Studie die Differenzen zwischen Ost und West in Bezug auf die Kinderbetreuungsangebote an. Wirkt in Ostdeutschland noch immer die DDR-Familienpolitik nach?

Zumindest im Hinblick auf die institutionelle Kinderbetreuung, die damals ausgebaut wurde und die immer noch vorhanden ist. Darüber hinaus ist das traditionelle Rollenbild bei westdeutschen Frauen sehr viel stärker verankert als bei ostdeutschen Frauen.

Was sollte Ihrer Meinung nach für mehr Geschlechtergerechtigkeit getan werden?

Wir müssen Frauen den Wiedereinstieg in das Erwerbsleben durch den Ausbau der institutionellen Kinderbetreuung vor allem in Westdeutschland erleichtern. Des Weiteren ist eine Verlängerung der Partnermonate des Elterngeldes sinnvoll, sodass auch Väter mehr in die Kinderbetreuung einbezogen werden und langfristig mehr Sorge-Arbeit übernehmen. Eine Reform des Ehegattensplittings ist überfällig, weil es für Frauen falsche steuerliche Anreize setzt. Zudem sollten wir von der Vollzeit-Norm abkommen und über eine Verkürzung der Arbeitszeit auf 30 Wochenstunden nachdenken.