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BerlinEs ist ja nicht so, dass es nicht gesund wäre. Also: keinen Alkohol zu trinken. Ich persönlich habe die diesjährige Fastenzeit diesbezüglich bis zum heutigen Tag verlängert und werde sicher – aus schierer Freude darüber, dass es möglich ist – noch eine Weile dabei bleiben. Bei der Überlegung der Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD), den Alkoholausschank in Berliner Gaststätten einzuschränken oder womöglich zu verbieten, geht es tatsächlich auch um Gesundheit. Allerdings nicht um die der Leber, sondern die der Lunge. Alkoholisierte Menschen, so ihre sicher berechtigte Befürchtung, sprechen lauter und mehr und neigen dazu, den Abstand zu ihren umsitzenden Mittrinkern zu verringern. Alkohol torpediert die Corona-Schutzmaßnahmen. Man könnte auch sagen: Das Leben selbst torpediert die Corona-Schutzmaßnahmen.

Die Kneipe als geschützter Ort durchaus auch mal enthemmter Geselligkeit wäre mit einem Alkoholausschankverbot erledigt. Erst das Rauchverbot, dann die zunehmenden Vegan-Anforderungen, zuletzt die Registrierpflicht, und jetzt auch noch das. Die Gaststätte – in Baden-Württemberg nennt man sie „Wirtschaft“ – hätte endgültig abgewirtschaftet. Es könnte ja nicht einmal Sauf-Kneipen geben, in die die Leute analog zu den Raucher-Kneipen in vollem Bewusstsein und auf eigene Verantwortung gehen. Denn: Deine Gesundheit ist in diesem Fall auch meine Gesundheit. Und zwar besonders dann, wenn du den Ort deines  Lasters verlassen hast und neben mir im Bus sitzt.  

Einen Betrieb unter Auflagen zu erlauben, die eine Rentabilität unmöglich machen, scheint das Muster der Stunde zu sein. Wobei das ja keine böse Absicht ist. Etwa um das Kurzarbeitergeld zu sparen und die Leute von der Couch zu holen oder so. Nein, es gibt eben keinen Masterplan, die Politik wird Stück für Stück im Gehen gemacht und wieder verworfen und ein wenig anders weiter gemacht. Und wieder verworfen. Die Politik, zeigt sich, ist auch erledigt. Zumindest in ihrer bisherigen Struktur, in der oft fachfremde Personen meist recht schnell in Positionen geraten, in denen sie Entscheidungen treffen, um deren Konsequenzen sich politisch dann meist schon wieder ein Nachfolger kümmern muss.  

Das geht absolut nicht gegen Frau Kalayci, die als Wirtschaftsmathematikerin die vermutlichen Einnahmeverluste der Berliner Gaststätten innerlich sicher gleich auf ein halbes Jahr hochgerechnet haben mag, als sie als Gesundheitssenatorin die erwähnten Bedenken äußerte. Allein, was hilft es? Was würden wir an ihrer Stelle tun? Nicht nur stichprobenartig, sondern flächendeckend Kneipenwächter losschicken, die die Verhältnisse inkognito vor Ort kontrollieren? Im Augenblick muss man sich vermutlich damit abfinden, dass öffentliches Leben entweder virtuell oder nur symbolisch stattfindet.

Das zeigt sich auch am Beispiel des Theaters, das unter Coronaschutzbedingungen das, was es eigentlich sein soll, nur simulieren kann. Soeben kam das Spielzeitheft des Potsdamer Hans-Otto-Theaters ins Haus. Gleich zu Anfang sieht man das Ensemble doppelseitig mit großen Abständen auf einer Tribüne sitzen und traurig in die Zukunft blicken. „Sie haben uns so gefehlt!“ heißt es in einem der Vorworte. Will man das sehen und hören? Das Theater ist hier selbst das Problem, statt das Problembewusstsein spielerisch zu vertiefen. Okay, es ist nur das Spielzeitheft, aber wahr ist schon: Die Umstände drohen inzwischen immer und überall zur wichtigsten Botschaft zu werden.

Zurück zum möglicherweise bevorstehenden Alkoholausschankverbot. Es wäre nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftlich ruinös. Es könnte der buchstäblich letzte Tropfen sein, der unter jenen, die in all den staatlichen Reglementierungen den guten Willen des Krisenmanagements nicht mehr erkennen wollen, das Fass der Wut zum Überlaufen bringt. Aber letztlich ist es vermutlich alternativlos, wenn man die Abstandsregel als Coronaschutzmaßnahme ernst nimmt und das Kneipenleben nicht mit Absperrungen auf andere Art zur Farce werden lassen will.

Skylla und Charybdis, die beiden Meeresungeheuer zu beiden Seiten der Straße von Messina ... Odysseus segelte zunächst in Richtung Skyllas, deren Unterleib aus sechs bissigen Hunden bestand, und verlor etliche seiner Gefährten. Dann geriet er in die Nähe der gestaltlosen (!) Charybdis, wurde von ihr eingesaugt, konnte aber überleben, da er sich an einem Feigenbaum festklammerte, der sich auf einem Felsen in der Nähe des gefährlichen Strudels befand. Fragt sich: Wer oder was könnte bei uns die Rolle des Feigenbaums spielen?