Als vor zwei Wochen die Bayern einen neuen Landtag wählten, musste die FDP zittern, ob sie es über die Fünf-Prozent-Hürde schaffen würde – was ihr schließlich knapp gelang. An diesem Wahlsonntag in Hessen konnten die Liberalen nun gestärkt wieder in den Landtag von Wiesbaden einziehen, weshalb FDP-Bundeschef Christian Lindner bereits am frühen Abend jubelte: „Heute Abend gibt es große Gewinner und große Verlierer. Wir sind ein kleiner Gewinner, und darüber freuen wir uns genauso.“

Zeichen stehen auf Jamaika

Doch je später der Abend, umso mehr Grund zu zittern gab es trotzdem für die Hessen-FDP – dieses Mal allerdings in freudiger Erregung: Mit jeder neuen Hochrechnung wurde die Mehrheit für das bisherige schwarz-grüne Regierungsbündnis kleiner. Bis die Zeichen drei Stunden nach Schließung der Wahllokale plötzlich ganz auf „Jamaika“ standen: Zwar würde es keine Landesregierung ohne die CDU an der Spitze geben. Doch selbst unter den rechnerisch möglichen Dreierbündnissen war eine Koalition von Schwarzen, Grünen und eben der FDP die mit Abstand wahrscheinlichste.

So dürfte nun auch in Wiesbaden den Liberalen eine Rolle zufallen, die sie schon in ihren großen Zeiten in der alten Bonner Republik pflegte – nach der jüngsten Bundestagswahl allerdings nicht spielen mochte: die des Königsmachers. Oder, etwas abfälliger: des Mehrheitsbeschaffers.

Der hessische FDP-Spitzenkandidat René Rock zeigte sich denn auch betont offen für eine Regierungsbeteiligung. Und wenn auch angesichts des grünen Rekord-Ergebnisses sein Traum geplatzt war, in ein Bündnis auf Augenhöhe mit den anderen Partnern gehen zu können und nicht als eindeutig kleinste Partei, so forderte er doch klare liberale Akzente: etwa durch Besetzung des Wirtschaftsministeriums. Das deutet auf harte Verhandlungen vor allem mit den Grünen, deren Landesvorsitzender und Spitzenkandidat dieses Amt bislang innehatte.

Immerhin: Auch wenn sie im Bund die Option gerade ausgeschlagen hatten, zogen die Liberalen in Hessen mit der Aussicht auf eine Jamaika-Koalition erfolgreich durch den Wahlkampf. Bundeschef Lindner hatte im Wahlkampf vorab fast nur auf diese Option gesetzt: um konservative Wähler zu gewinnen, die mit Schwarz-Grün unglücklich sind, aber nicht von den Sozialdemokraten regiert werden wollen.

Lindner schießt wieder gegen Merkel

Gegenüber der in Umfragen lange Zeit rechnerisch möglichen Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP,  hatte sie sich dagegen stets skeptisch gezeigt. Doch die Frage, ob sie einen grünen Ministerpräsidenten mitwählen würde oder nicht, musste sich die FDP am frühen Wahlabend dann nicht mehr stellen – und auch eine klassische Ampel-Koalition unter SPD-Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel war rechnerisch schnell nicht mehr möglich.

Christian Lindner nutzte das Hessen-Ergebnis prompt zur weiteren FDP-Profilierung in diesem Sinne: Am Sonntagabend schoss er nun erneut gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel und erklärte das Hessen-Ergebnis nicht nur zum Misstrauensvotum gegen Stil und Inhalte der großen Koalition in Berlin, sondern auch, so Lindner: „gegen die Person der Bundeskanzlerin selbst.“