MUTTER: Hast du dir mal den Corona-Stufenplan für die nächsten Öffnungsschritte angesehen, der diese Woche von der Bundesregierung beschlossen wurde?

TOCHTER: Es ist ein Spiel mit der Hoffnung. Weil die Öffnungen ja an Inzidenzwerte geknüpft sind. Sobald die Zahlen wieder steigen, ist es aber wieder vorbei. Du hast die Hoffnung, ab dem 28. März öffnet alles wieder, aber das ist ja total unrealistisch. Ich habe das Gefühl, das ist jetzt nur beschlossen worden, um uns bei der Stange zu halten, damit man nicht emotional total abrutscht.

Ich denke, diese Stufenpläne hätte man im Spätsommer beschließen sollen, als das Wissenschaftler angeregt haben. Jetzt lösen diese Pläne Hoffnungen aus, die spätestens dann enttäuscht werden, wenn die Infektionszahlen durch die Mutationen nicht wie gehofft sinken. Am ärgerlichsten finde ich aber den Umgang mit den Schülern. Seit 1. März sind die Schulen geöffnet, steht im Plan. Tatsächlich haben sie die Mittelstufe vollkommen vergessen bisher. Du gehst seit den Weihnachtsferien jeden Morgen fröhlich pfeifend aus dem Haus, weil du Abiturjahrgang bist. Dein Bruder, neunte Klasse, sitzt seit Mitte Dezember traurig zu Hause. Schule Priorität 1 ist ein Witz. Es gilt nicht für alle Schüler.

Na, fröhlich pfeifend ist aber auch übertrieben. Wir haben keine Perspektive und das mit dem Abitur ist eine echte Zitterpartie.

Das stimmt, darüber haben wir ja auch schon viel gesprochen. Mich ärgert aber, dass sie manche Jahrgänge einfach vollkommen ignorieren. Es gibt keinerlei Perspektive für die siebte bis neunte Klasse. Man sagt den Schülern auch nichts. Dein Bruder sitzt Tag ein Tag aus in seinem Zimmer. Kein Sport, keine Freunde, keine Schule. Ab und zu erbarmt sich mal ein Lehrer und macht eine Videokonferenz, ansonsten ist er mit allem allein gelassen, füllt Arbeitsblätter aus und bekommt Forschungsaufträge, die er natürlich als Beschäftigungstherapie durchschaut.

Für sie ist es echt blöd. Aber sie können alles nachholen.

Ich mache mir keine Sorgen um den Wissenstand. Sie werden vielleicht 13 Jahre bis zum Abitur brauchen, das kann passieren. Viel schwieriger ist aber die persönliche Situation. Ich nehme eine depressive Stimmung in dieser Altersgruppe wahr.

Es gab aber doch keine Alternative. Es gibt nicht genug Räume, die Zahlen mussten runter. Und jetzt soll es sich ja auch ändern. Die Kleineren kommen bei uns jedenfalls bald wieder – im Wechselunterricht alle zwei Wochen.

Na hoffentlich.