Ein Angeklagter steht dem Präsidenten des Volksgerichtshofs Roland Freisler Rede und Antwort. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1944. Das Gericht fällt während seines Bestehens 5243 Todesurteile. 
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1943. Albert Jacob hört seit Ende August täglich den „Heimatdienst“. Der Sender Freies Deutschland strahlt ihn aus. Jacob empfängt die Sendung des Nationalkomitees Freies Deutschland (NKFD) aus der Sowjetunion über ein leistungsstarkes Radio. Kriegsgefangene deutsche Wehrmachtsoldaten melden sich darin zu Wort, nennen ihren Namen und die Anschrift ihrer Familie und bitten Hörer darum, ihren Angehörigen ein Lebenszeichen zu übermitteln.

Der Krieg hat sich im Verlauf des Jahres für Deutschland zum Schlechten gewendet: Die 6. Armee hat in Stalingrad kapituliert, die Wehrmacht in Tunesien hat die Waffen gestreckt, die U-Bootflotte hat die Atlantikschlacht verloren, amerikanische und britische Streitkräfte sind auf Sizilien gelandet.

Das Siemens-Radio von Albert Jacob ist am 3. September 1943 erneut auf „Heimatdienst“-Empfang. In seiner Wohnung in der Schlachthofstraße 15 in Zwickau hört er die Sendung. Auch ein Bernhard Bechler aus Altenburg meldet sich: „Hier ist Major Bechler. Ich bitte die Hörer, viele Grüße an meine Frau auszurichten. Ich bin in sowjetischer Kriegsgefangenschaft und es geht mir gegenwärtig sehr gut.“ Einige Tage später wird der 57-jährige Jacob, Ehemann und Vater eines Sohnes, diese Grüße ausrichten. Er wird dafür sein Leben verlieren.

Das Flugblatt wirbt für den deutschsprachigen sowjetischen Radiosender Freies Deutschland, der von 1943 bis 1945 in Betrieb ist. Er gilt als „Feindsender“. Es ist deutschen Soldaten und Zivilisten verboten, ihn zu hören.
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1978. Margret Bechler veröffentlicht ihre Erinnerungen. „Warten auf Antwort. Ein deutsches Schicksal“ heißt ihr Buch. Es erscheint in Westdeutschland. Sie übersiedelte dorthin, nachdem sie 1956 aus der Haft in der DDR entlassen worden war; sie hat sich in Wedel bei Hamburg als Lehrerin ein neues Leben aufgebaut.

Das Buch liegt seit 2001 in 25. Auflage vor. Google Books fasst den Inhalt in einem Satz zusammen: „Lebensgeschichte der 1914 geb. Verf., die durch den Gesinnungswechsel ihres Mannes in politische Verstrickungen geriet und mit 11-jähriger Haft in der DDR und dem Verlust ihrer Kinder dafür büßen musste“. Amazon schreibt, das Buch sei „ein packendes und glaubwürdiges Dokument unserer Zeit“, es offenbare die Verwirrungen durch Krieg und Kriegsfolgen „besser als in einem Geschichtsbuch“.

Es gibt bei Wikipedia einen Artikel „Margret Bechler“. Darin heißt es: „Als der Kommunist Anton Jakob (sic!, Anm. d. Autors) versuchte, über sie Kontakt zum NKFD zu erlangen, nahm sie eine Falle der Gestapo an und meldete daher aus Angst um sich und ihre Kinder den Vorfall den NS-Behörden. Jakob wurde verhaftet und ein Jahr später vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt.“

Dies hier ist die Geschichte eines Mannes, der für seine Nächstenliebe mit dem Tod bestraft wurde und dessen Schicksal dem Vergessen anheimfiel, und einer Frau, die seinen Tod ursächlich zu verantworten hatte und deren Andenken noch heute uneingeschränkt hochgehalten wird.

Wissen, war wirklich war und was nicht, ohne Weglassen, ohne Beschönigungen, ohne Übertreibungen – das war mein Anliegen.

Sven Hüber, Polizei-Gewerkschafter und  Publizist

Dass im 75. Jahr der Auflösung des Volksgerichtshofs durch die Alliierten – sie erfolgte am 20. Oktober 1945 – die Geschichte Albert Jacobs bekannt wird, ist Sven Hüber zu verdanken. Hüber hat Margrit Bechlers Buch gelesen und sich gefragt, „was man eigentlich über das dort so benannte Opfer Anton Jakob wirklich weiß“. Es sei aber nirgends etwas zu finden gewesen, das habe seine Neugier geweckt. „Es schien mir merkwürdig, dass weder in der ehemaligen DDR noch in Westdeutschland etwas über das Opfer Anton Jakob bekannt sein sollte.“

Im September 2018 begann Hüber seine Recherche. Er forschte unter anderem im Bundesarchiv, im Landesarchiv Berlin, im Sächsischen Staatsarchiv und im Deutschen Rundfunkarchiv. Kürzlich hat er seine Ergebnisse veröffentlicht, in einer etwas mehr als 50 Seiten umfassenden Broschüre mit dem Titel „Albert Jacob. Zwickauer, Ermordeter, Vergessener. Ein deutsches Schicksal“. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) hat die mit Dokumenten und Annotationen versehene Abhandlung herausgegeben, Hüber ist stellvertretender Vorsitzender der GdP, Bezirk Bundespolizei.

„Wissen, was wirklich war und was nicht, ohne Weglassen, ohne Beschönigungen, ohne Übertreibungen, ohne tendenziöse Darstellung und die Dinge in ihren damaligen tatsächlichen Zusammenhängen beschreiben – das war mein Anliegen“, sagt Hüber.

Im Stadtarchiv Zwickau findet sich die richtige Spur

Die größte Schwierigkeit bei der Recherche habe darin bestanden, die Identität von „Anton Jakob/Albert Jacob“ zu klären. Im Buch von Margret Bechler ist in allen Auflagen von einem „Anton Jakob“ die Rede; auch in der Aufarbeitungsliteratur und in zwei Dokumentarfilmen des Südwestfunks und von Radio Bremen über Frau Bechler ist dem so. „Ein junger Mitarbeiter des Zwickauer Stadtarchivs fand dann die richtige Spur, an der sich die Geschichte aufrollen ließ.“ Was sich nicht entdecken ließ: ein Foto von Albert Jacob.

Paul Albert Jacob wurde am 27. März 1887 in Irrgang bei Falkenstein (Vogtland) geboren. Bei seinem Vater lernte er das Maurerhandwerk. Jacob ging 1903 nach Hamburg, arbeitete in Fabriken, in der Landwirtschaft und immer wieder auf Schiffen der Handels- und Kriegsmarine, zwischendurch als Stricker, letztlich als Heizer auf dem „Bürgerschacht II“ im Steinkohlen-Aktien-Verein in Zwickau.

Bis zur Machtergreifung der NSDAP 1933 engagierte Jacob sich in der Gewerkschaft, war Mitglied des Roten Frontkämpferbundes und der KPD in der Ortsgruppe Zwickau-Pölbitz. Mitglied einer organisierten Widerstandsgruppe war er nicht. Stattdessen hörte er Radio Moskau, den Londoner Rundfunk und Beromünster aus der Schweiz, schließlich auch den im Juli 1943 in Betrieb gegangenen Sender Freies Deutschland.

Schlachthofstraße 15 in Zwickau, hier lebte Albert Jacob mit seiner Familie. Seine Ehefrau und seine Nachbarn schreiben nach seiner Verurteilung zum Tode vergebens ein Gnadengesuch.
Foto: Sven Hüber

Zehn Tage nachdem er den kriegsgefangenen Wehrmachtsoffizier Bernhard Bechler im „Heimatdienst“ gehört hat, fährt Albert Jacob mit dem Zug von Zwickau ins rund 40 Kilometer entfernte Altenburg. Er will Bechlers Ehefrau mitteilen, dass ihr Mann lebt und dass es ihm gut geht.

Was Jacob da nicht zum ersten Mal tut, ist höchst lebensgefährlich, dessen ist er sich bewusst. Es ist streng verboten, „Feindsender“ zu hören. Der Volksgerichtshof beurteilt die „Verbreitung von Feindnachrichten“ meistens in Tateinheit mit „Vorbereitung zum Hochverrat“ oder als „hochverräterisches Unternehmen“ und verhängt gegen Angeklagte die Todesstrafe. Seit Stalingrad ist das Gericht auch für „Wehrkraftzersetzung“ zuständig. Dieser Tatbestand ist weit gefasst: Schon ein geraunter Zweifel am „Endsieg“ kann das Leben kosten.

Der Volksgerichtshof war 1934 als Sondergericht zur Aburteilung von Hoch- und Landesverrat eingerichtet worden. Ein Jahr lang tagte er im Preußischen Landtag in der Prinz-Albrecht-Straße 5 (heute: Abgeordnetenhaus von Berlin, Niederkirchnerstraße 5), danach im Königlichen Wilhelms-Gymnasium in der Bellevuestraße 15. Er war ab 1936 ein ordentliches Gericht. Mit Beginn des Krieges steigt sich die Zahl der Höchststrafe sprunghaft an. Die Richter verurteilten bis Kriegsende 5.243 Angeklagte zum Tode.

Die Anklage lautet „Vorbereitung zum Hochverrat“

Am 13. September 1943, kurz nach 9.30 Uhr, steht Albert Jacob vor der Haustür der Barbarastraße 26 in Altenburg, wo Margret Bechler mit ihren zwei Kindern lebt. Was er nicht wissen kann: Frau Bechler hat wenige Tage zuvor Besuch von einem Unbekannten gehabt, der ihr ein Lebenszeichen ihres Ehemannes überbrachte; sie hat den Besuch bei der Kriminalpolizei angezeigt und ist von ihr angewiesen worden, „den Unbekannten im Falle eines Wiederauftauchens der Polizei in die Hände zu spielen“.

Als er vor ihrer Wohnungstür steht, wird Albert Jacob von Margret Bechler grob abgewiesen. Er ahnt Unheil, er macht sich unverzüglich auf den Weg zurück zum Bahnhof. Unterwegs wirft er einen Brief weg, den er anonym geschrieben hatte und den er Frau Bechler hinterlassen wollte, falls er sie nicht antreffen sollte. Die ruft unterdessen die Kripo. Anschließend läuft sie mit zwei Nachbarinnen dem davoneilenden Besucher hinterher, holt ihn ein und hält ihn fest, bis die Polizei eintrifft.

In ihrem Buch rechtfertigt Margret Bechler ihr Handeln damit, dass ihre Vaterlandsliebe und Vorstellungen über „innere und äußere Feinde, Volksfeinde, Staatsfeinde, Judentum und Bolschewismus als große Weltfeinde“ es ihr „selbstverständlich“ erscheinen ließen, „den inneren Feind bekämpfen zu helfen, sofern ich konnte“. Auch von ihrer Angst um ihre Kinder und vor der Gestapo schreibt sie.

Die NS-Justiz macht aus der Überbringung eines Lebenszeichens eine „Vorbereitung zum Hochverrat“.

Sven Hüber hat den Fall Albert Jacob recherchiert und darüber eine Broschüre veröffentlicht. Hüber, studierter Gesellschaftswissenschaftler, ist stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei, Bezirk Bundespolizei.
Foto: Gewerkschaft der Polizei, Bezirk Bundespolizei

„Anders als in späteren Darstellungen behauptet, hat Bernhard Bechler in der von Albert Jacob gehörten Radiosendung am 3. September 1943 und auch zuvor keine politische Radiopropaganda für das Nationalkomitee Freies Deutschland betrieben“, hat Sven Hüber recherchiert, „sondern lediglich Familiengrüße gesprochen.“

Zu diesem Zeitpunkt ist Bechler noch nicht Frontbeauftragter des NKFD, der Bund Deutscher Offiziere noch nicht gegründet – das ist erst am 11./12. September 1943 geschehen. Im Laufe der folgenden Monate habe die Gestapo Margrit Bechler wiederholt gedrängt, sich von ihrem Mann zu trennen, heißt es; dem habe sie sich widersetzt.

Das Sondergericht Weimar übergibt den Fall Jacob am 22. Dezember 1943 an den Volksgerichtshof in Berlin.

An zwei Tagen verhandelt das Gericht, am 31. März und am 2. Juni 1944. Sein Urteil lautet: „Der Angeklagte Albert Jacob, ein alter Kommunist, hat monatelang ausländische, insbesondere sowjetische Sender abgehört und deren Mitteilungen zu Werbungszwecken in seinem Betriebe sowie an Angehörige vermisster Stalingradkämpfer weitergegeben. Er wird deshalb zum Tode verurteilt. Die Ehrenrechte werden ihm für immer aberkannt.“

Albert Jacobs Schicksal schafft es noch nicht mal bis auf die ,Liste von im Deutschen Reich hingerichteten Personen‘ bei Wikipedia.  

Sven Hüber, Polizei-Gewerkschafter und Publizist

Gnadengesuche finden kein Gehör, weder das von Gerhard Jacob, dem Sohn, der als Obergefreiter an der Ostfront kämpft, noch das von Hedwig Jacob, der Ehefrau, und von ihren Nachbarn. Hedwig Jacob wollte Margrit Bechler über einen Anwalt dazu bewegen, dass auch sie das Gesuch unterschreibt. Das tat sie nicht. Die Antwort auf die Frage „Warum?“ findet sich in ihrem Buch: Sie könne sich nicht vorstellen, schreibt sie, dass ,Albert Jacob nur wegen des Besuchs bei ihr zum Tode verurteilt worden sei.

Am Nachmittag des 17. Juli 1944, um 15.08 Uhr, wird Albert Jacob im Zuchthaus Brandenburg durch das Fallbeil enthauptet.

Die Urne mit der Asche Albert Jacobs liegt seit 1948 in der Gruft hinter der Gedenkstätte für die Opfer des Faschismus am Schwanenteich in Zwickau. Mit ihm ruhen dort vier Opfer des NS-Regimes aus Zwickau und 320 Opfer des Außenlagers des KZ Flossenbürg. Alle anonym.

„In der DDR-Literatur zum Antifaschismus in Zwickau wird Albert Jacobs illegale Arbeit nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten nur ganz am Rande erwähnt“, stellt Sven Hüber fest, „in der westdeutschen oder Nach-Wende-Literatur über den Widerstand gegen die Nazi-Diktatur und die Opfer der NS-Justiz überhaupt nicht.“ Selbst in der „Liste von im Deutschen Reich hingerichteten Personen“ bei Wikipedia wird Albert Jacob nicht erwähnt.

Die Darstellungen Margret Bechlers hingegen hat das Archiv „Deutsches Gedächtnis“ aufgenommen.

Eine überzeugte Nationalsozialistin sei Margrit Bechler nicht gewesen, sagt Sven Hüber auf Nachfrage. Um für sich und ihre Kinder ihre gutbürgerliche, dünkelhafte Welt aufrechtzuhalten, sei sie bereit gewesen, „alles Störende fernzuhalten oder fern halten zu lassen“. Sie sei „ein Opfer ihrer Zeit, in der das wegguckende, gleichgültige Fahrenlassen jeder Form von grundlegenden moralischen Werten für sehr, sehr viele Menschen gelebter Alltag war“.

Margrit Bechler: Verurteilt, begnadigt, rehabilitiert

Nach dem Einmarsch amerikanischer Soldaten in Zwickau im Mitte April 1945 geht Hedwig Jacob zur Polizei, übergibt ihr alle Unterlagen zum Schicksal ihres Mannes und erstattet Anzeige gegen Margret Bechler.

Unter dem Vorwurf der Verbrechen gegen die Menschlichkeit wird Margrit Bechler am 9. Juni 1945 in Altenburg festgenommen und nach Zwickau überstellt. Die Amerikaner übergeben sie nach ihrem Abzug den sowjetischen Behörden übergeben. Bis 1950 ist sie auf Grundlage des Alliierten Kontrollratsgesetzes Nr. 10 ohne Anklage und Verurteilung in mehreren sowjetischen Lagern interniert; am 19. Juni 1950 wird sie unter ihrem Mädchennamen Dreykorn in den „Waldheimer Prozessen“ des Landgerichts Chemnitz zu lebenslanger Haft verurteilt. Sie wird sechs Jahre später aus der Haftanstalt Hoheneck entlassen und siedelt nach Westdeutschland über.

Nach seiner Rückkehr aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft hatte sich Bernhard Bechler wegen des Falls Jacob von seiner Frau getrennt, die gemeinsamen Kinder zu sich genommen und wieder geheiratet. Er wurde Innenminister des Landes Brandenburg, der erste nach dem Krieg, später General bei der Volkspolizei und der Nationalen Volksarmee. In dem 2003 erschienenen Buch „Genosse General – Die Militärelite der DDR in biografischen Skizzen“ trägt der Beitrag über ihn den unsachlichen Beititel „Der hemmungslose Karrierist“.

Ein Rehabilitierungsverfahren hebt das in den „Waldheimer Prozessen“ verhängte Urteil gegen Margret Bechler 1992 auf.

Der Hinrichtungsraum im Zuchthaus Brandenburg. Albert Jacob stirbt hier am 17. Juli 1944 unter dem Fallbeil.
Foto: Sven Hüber

Der Deutsche Bundestag beschließt 1998 das „Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege“. Es hebt alle Urteile des Volksgerichtshofes auf, auch das gegen Albert Jacob.

Das Schicksal Jacobs mahne, schreibt Sven Hüber, „die Opfer der Nazi-Justiz und ihre Geschichte nicht zu vergessen und jede nachwachsende Generation immer wieder neu die Lehren aus der Geschichte ziehen zu lassen“. Auf seine Broschüre habe er „ausschließlich positive Reaktionen“ bekommen, sagt er auf Nachfrage. Mehrere Gedenkstätten, Bibliotheken und Historiker hätten um Exemplare gebeten, auch das Johann-Rist-Gymnasium in Wedel, das sich mit Margret Bechler verbunden fühlt.

Besonders freut sich Sven Hüber darüber: Die Stadt Zwickau beschloss nach Veröffentlichung seiner Broschüre, am früheren Wohnhaus von Albert Jacob eine Gedenktafel anzubringen. Am 15. Oktober ist sie enthüllt worden.

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