Evelyne Brix an ihrem ersten Schultag 1938.
Foto: Archiv Evelyne Brix / Privat

BerlinDass sie mit 87 Jahren noch einmal prominent werden würde, das hätte Evelyne Brix nicht gedacht. Nun aber steht die Berlinerin im Foyer des Auswärtigen Amtes inmitten der Tafeln einer Ausstellung und gehört zu den zehn Menschen aus aller Welt, deren Geschichten erzählt werden. „Ich lebe! Zehn Kinder, zehn Kriege, zehn Dekaden – und ein Baby“ heißt die Ausstellung, ein Projekt der Kinderschutzorganisation Save the Children, die in diesem Jahr ihren hundertsten Geburtstag feiert.

Evelyne Brix war 14 Jahre alt und lebte mit ihren Eltern und einem jüngeren Bruder im kriegszerstörten Lichtenberg, als sie zum ersten Mal mit Save the Children zu tun hatte – in ihrer Schule in der Nähe des S-Bahnhofs Lichtenberg: „Wir haben wirklich gehungert“, erinnert sie sich, „die Lebensmittelkarten reichten nicht aus, zehn Gramm Fett pro Tag, mehr nicht“. Dass es in der Schule Essen als Nothilfe gab, zweimal in der Woche, für alle Kinder, das sei eine große Hilfe gewesen.

Evelyne Brix, 87, in ihrer Berliner Wohnung: Das Foto ist Teil der Ausstellung „Ich lebe! Zehn Kinder, zehn Kriege, zehn Dekaden – und ein Baby“.
Foto: Dominic Nahr / Save The Children

Noch heute schwärmt sie von der Nudelsuppe mit Fleisch, die es an dem einen Tag gab. An dem anderen bekamen die mageren Kinder Brötchen und Kakao. Diese Schulspeisungen wurden von den Quäkern, einer christlichen Gemeinschaft aus England, organisiert und von Save the Children mitfinanziert.

Erinnerung an das hat Evelyne Brix bis heute geprägt

Evelyne Brix war schon damals bewusst, dass diese Nothilfe nicht selbstverständlich war: „Die hätten uns nicht helfen müssen, wir waren ja der Feind. Die Tatsache, dass es Menschen gab, die uns geholfen haben, hat mich mein ganzes Leben lang begleitet“, sagt sie heute. Deshalb hat sie versucht, selber zu helfen, als sie es konnte, spendete für „Brot für die Welt“ und die Welthungerhilfe.

Dass Brix zu einer Protagonistin der Ausstellung wurde, fing mit einem Artikel in der Berliner Zeitung an, die sie seit vielen Jahren abonniert hat. Im April las sie da einen Aufruf von Save the Children, Zeitzeugen der Nothilfe mögen sich bitte melden. „Kannst ja mal anrufen, dachte ich. Ich habe ja nicht geahnt, dass es solche Ausmaße annehmen würde“, erzählt sie und freut sich. Der international preisgekrönte Fotograf Dominic Nahr hat Aufnahmen von ihr in ihrer Wohnung in Weißensee gemacht. Die Bilder sind nun auf einer Tafel im Lichthof des Außenministeriums zu sehen neben Fotos, die ihre Kriegs-Odyssee nachzeichnen. 1943 kam sie in ein Heim der der Kinderlandverschickung im heute tschechischen Bad Lettin – zwei Jahre lebte sie fern von ihren Eltern. Bei Herannahen der Roten Armee mussten die 200 Kinder los: Zu Fuß ging es durch den Böhmerwald nach Bayern, etwa 20 Kilometer Marsch jeden Tag. Sie gelangten schließlich nach St. Alban bei Freising. Erst als die Post wieder funktionierte, konnte sie die Eltern informieren. Die Mutter holte sie 1946 nach Berlin. „Glücklicherweise waren wir nicht ausgebombt“, erinnert sich die 87-Jährige.

Kakaosuppe im Blechnapf

Fast 20 sagenhafte Jahre mehr zählt Erich Karl, der Älteste der Protagonisten der Jahrhundertausstellung. Gestützt auf seinen Rollator schaut sich der 106-Jährige die Ausstellung an: Er bekam als Kind in Weimar nach dem Ersten Weltkrieg in der Schule Kakaosuppe in seinen Blechnapf gefüllt. Den trug er an seinen Schulranzen geknüpft.

Erich Karl gehörte zu den ersten, denen Save the Children helfen konnte. Doch erledigt ist die Aufgabe noch lange nicht, im Gegenteil: Gegenwärtig gibt es so viele Konflikte in der Welt, dass 420 Millionen Kinder in Kriegen und gewalttätigen Auseinandersetzungen aufwachsen – fast jedes fünfte Kind. Ihre Vertreter in der Ausstellung sind das Baby Rajiya, fotografiert 2019 im Alter von 15 Tagen in einem Riesenlager von Rohingya-Flüchtlingen aus Myanmar in Bangladesch und die Elfjährige Amal aus Syrien, die nun im Libanon lebt. Die anderen Namen, Bilder und Geschichten erinnern an die schlimmsten Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts: die Genozide in Kambodscha und Ruanda, die Kriege in Korea und Afghanistan, den spanischen Bürgerkrieg, den Biafrakrieg in Nigeria und den jahrzehntelangen bewaffneten Konflikt in Kolumbien.

Diese Elf stehen für die vielen, die dank der Mitmenschlichkeit über Grenzen hinweg überleben konnten und erinnern an die vielen, denen das nicht vergönnt war. Bärbel Kofler, Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung erinnerte daher bei der Ausstellungseröffnung an jene, denen in der Welt von heute wirklich die Kindheit geraubt wird.

Ausstellung im Lichthof des Auswärtigen Amtes

zugänglich täglich bis zum 29. November von 10 bis 19 Uhr. Bitte Personalausweis mitbringen.