ALTENBURG - Wolfgang Preuß gibt sich gerne sachlich und lösungsorientiert. Und er referiert gerne. Über das Bundeskleingartengesetz. Das nachbarschaftliche Gemeinschaftsverhältnis Hecke an Hecke und Zaun an Zaun. Über Werteverlust, Intoleranz, den Anbau von Bohnen und deren Nutzung. Und über die drohende Intensivstation, auf der das Kleingartenwesen lande, wenn nicht gehandelt werde. „Auch wenn es manchen nicht passt.“ Im Moment allerdings ist es nicht das Kleingartenwesen an sich, das Preuß umtreibt, sondern der ZDF-Moderator Claus Kleber und sein Blick auf die Stadt Altenburg in Thüringen und die dort beheimateten Schrebergärtner.

Wolfgang Preuß sitzt auf einem froschgrünen Stuhl in seinem Büro in Altenburg. In dem mehrstöckigen Neubau am Nordplatz 16 befindet sich oben eine Residenz für betreutes Wohnen, im Keller haben Preuß und seine Kleingarten-Kollegen ihre Büroräume.

Preuß, 71 Jahre alt, graues, kurzes Haar, markante Brille, ist Chef des Regionalverbandes Altenburger Land der Kleingärtner. Das ist nur einer seiner Posten. Als Chef des Fördervereins Botanischer Erlebnisgarten Altenburg wählten ihn die Landsleute 2015 zum „Thüringer des Monats Februar“. „Beinahe wäre ich auch Thüringer des Jahres geworden“, sagt er und lächelt nicht ohne Stolz. Eine Närrin machte letztendlich das Rennen: Iris Lukes, die in Neustadt an der Orla dem Karnevalsverein vorsteht.

Alpha-Männchen unter sich

Preuß sitzt zudem seit 1999 im Stadtrat, erst für die Unabhängige Wählerschaft, seit 2004 für die SPD. Er überlegte sogar, als Oberbürgermeister zu kandidieren, zog seine Kandidatur allerdings zurück, um Michael Wolf von der SPD den Vortritt zu lassen. „Er war einfach jünger und voller Tatendrang“, sagt Preuß. Aber seitdem seien Wolf und er gute Freunde. „Wir sind zwei Alpha-Männchen und respektieren uns.“ Kommunikations-Coach ist Wolfgang Preuß obendrein. Was ihm beim Referieren zugutekommt.

Dieser Tage ist der Mann, der in seinem grauen Sakko fast versinkt, kampfeslustig. Er vergleicht sich dabei – schmunzelnd – mit Asterix, dem kleinen gallischen Krieger aus dem kleinen gallischen Dorf, der den Römern die Stirn bietet. Preuß geht es um die Ehre und den Ruf seiner fast 7 000 Laubenpieper. Und um eine Prise Eitelkeit geht es auch.

Den Anlass für Preuß’ Feldzug gab TV-Moderator Claus Kleber, der im „heute journal“ des ZDF über fremdenfeindliche Vorfälle in Altenburg sprach. Mit Blick auf zurückliegende Ereignisse moderierte er einen Beitrag in der Nachrichtensendung vom 25. Februar so an: „Reporter notierten damals, dass in Schrebergärten schwarz-weiß-rote Reichsfahnen so präsent sind wie das Schwarz-Rot-Gold der Bundesrepublik.“

Für die braven Laubenpieper von Altenburg war das ein Affront. Und für Wolfgang Preuß, der von Klebers Anmoderation über Freunde erfuhr, Verunglimpfung und üble Nachrede. Aufgebracht stellte er bei der Staatsanwaltschaft Gera Strafanzeige gegen Claus Kleber. „Weil es so nicht geht“, sagt Preuß. Man könne als öffentlicher Mensch nicht mit einem Satz eine ganze Kleingarten-Kolonie „in die braune Ecke“ schieben. Vorsichtshalber schrieb Preuß alle seine Laubenpieper an, um mögliche Reichsflaggen-Hisser zu entlarven – ohne eine Antwort zu erhalten.

Die Tür geht auf. Klaus Engelmann betritt das Büro. Er ist 57, Familienvater und Chef einer der Kleingarten-Kolonien in Altenburg. Preuß hat ihn einbestellt, damit er die schönen Anlagen vorführt, die Oasen des Friedens und Miteinanders mit den ordentlichen Rabatten und vorschriftsmäßig gestutzten Büschen. Und natürlich die nicht vorhandenen Reichsflaggen, die, wenn sie gehisst gewesen sein sollten, eh schon längst wieder eingerollt sind. Stattdessen sehen wir später eine Fahne mit Werbung für deutsches Bier im Wind wehen.

Es sind ungemütliche Tage in Altenburg. Es geht um Urteile und Vorurteile, um Schubladendenken gegen Weltoffenheit. Es geht um die Wahrheit.

Klaus Engelmann ist ein ebenso engagierter Ehrenamtler wie Preuß. Beruflich hat er mit Versicherungen zu tun. Als Laubenpieper ist er vollkommen aus dem Häuschen: „Das, war Herr Kleber gesagt hat, ist einfach Schwachsinn! Das kann man nicht so auf sich sitzen lassen!“ Wolfgang Preuß nickt väterlich. Und sagt, man dürfe Menschen nicht pauschal verurteilen, vor allem nicht in der Öffentlichkeit. Und dass es eine Streitkultur geben müsse, eine politische, das sagt der Kommunikations-Coach Preuß auch noch. Ein Auseinandersetzen miteinander. Und kein Abbügeln von der einen der oder anderen Seite. Er wiederholt das oft an diesem Tag. Wie ein Mantra.

Altenburg ist hübsch anzusehen. Da ist das alte Rathaus, in dem die Holzdielen quietschen. Das Theater, die mittelalterlichen Gassen. In Altenburg wurde das Skatspiel erfunden, Altenburg ist eine Skatstadt, in der es sogar ein Skatgericht gibt – wenn sich Spieler streiten, können sie dort schlichten lassen. Touristen kommen auch, meist aber nur als Übernachtungsgäste, um zu Tagesausflügen nach Leipzig aufzubrechen. Eine Einkaufsstadt ist Altenburg eher nicht. Es gibt MäcGeiz, Blume 2000, ein Brillen- und ein Hörgerätegeschäft, zwei Drogeriemärkte. Und einen Feinkost-Fischladen, der Karl Friedrich Dünewald gehört. „Alle reden über Kleber“, sagt Dünewald. Und fügt hinzu: „Der hat unseren Kleingärtnern unrecht getan.“

Unrecht ist in Altenburg, das von einst 50 000 Einwohnern auf heute 33000 geschrumpft ist, derzeit ein häufig gebrauchtes Wort. Seit ein paar Jahren macht Altenburg ab und an ungute Schlagzeilen. 2015 wurde berichtet, dass zahlreiche Anhänger des Pegida-Klons Thügida auf dem Marktplatz von Altenburg aufmarschierten.

Oberbürgermeister Michael Wolf, 55, stand an jenem Tag auf den Theaterstufen, als die Rechten kamen. „Ich musste mich beschimpfen lassen, sie machten Hals-Abschneide-Zeichen in meine Richtung“, sagt er im Ratsherrensaal der Stadt. Schlimm sei es gewesen. Doch die meisten Demonstranten seien aus anderen Regionen angereist, er legt Wert darauf, das zu erwähnen. „Gleich nach der Wende bin ich in die SPD eingetreten“, sagt Wolf. Er ist ein Hüne, 1,96 Meter groß, lebt in einer modernen Patchwork-Familie und ist Hobby-Gärtner. Im Altenburger Stadtrat sind weder AfD noch die NPD. 36 Sitze gibt es, zusammengesetzt aus CDU, SPD, Linke, der Bürgerinitiative Pro Altenburg, die gegen Hundekot zu Felde zieht, und den Grünen.

Allerdings gibt es auch noch das „Altenburger Bürgerforum“. Es ist ein Grüppchen von Verschwörungstheoretikern, Reichsbürgern und Rechtsextremen, die gegen Flüchtlinge hetzen – 1 200 Asylbewerber leben in der Stadt, untergebracht in Plattenbauten.

Anwohner, die anonym bleiben wollen, berichten, dass „bei denen die Fernseher und Waschmaschinen aus dem Fenster fliegen“. Verstörend sei das. Fremd. Man wolle denen doch nichts. Sagen fast alle.

Warum sollten Menschen Fernseher aus dem Fenster werfen? Achselzucken.

„Es gibt viel Unsicherheit hier“, sagt Wolfgang Preuß, der Chef-Kleingärtner. Dazu trage auch die hohe Arbeitslosigkeit bei. Die Quote liegt bei 8,4 Prozent. Frust ist in der ehemaligen Bergbau-Region seit dem Aus der Wismut verbreitet, es fehlt eine Perspektive. Groß ist der Drang, dafür jemanden verantwortlich zu machen. Und groß ist das Bemühen, sich eine heile Welt zu erhalten. Sei es in der eigenen Laube.

Altenburg hat in den vergangenen Jahren fast eine halbe Million Euro in den Erhalt des Kleingartenwesens gesteckt. Oberbürgermeister Wolf sagt: „Ich bin ein großer Förderer. Unser Kleingartenwesen hat eine wichtige Funktion. Auch zur Wahrung des sozialen Friedens.“

Nicht reden möchte er über Ouelgo Téné, der nach eigenen Angaben angefeindet und angegriffen wurde. Der 32-Jährige spielt am Theater den „Hauptmann von Köpenick“. Und er ist schwarz. Zum Ende der Spielzeit will der in Burkina Faso geborene Schauspieler Altenburg verlassen, weil er sich nicht mehr sicher fühlt, wie er sagt. Er geht Ende Juli in die Schweiz. Seine Freundin lebt dort. Manche Altenburger unterstellen Téné, er habe alles als Vorwand benutzt, um schnell aus seinem Vertrag herauszukommen.

Versöhnung am Blumenbeet?

Gerade arbeitet Téné in Israel. Dort probt er mit israelischen und palästinensischen Kollegen „Cohn Bucky Levy – Der Verlust“. Es ist eine Geschichte über eine jüdische Familie aus Altenburg, eine Geschichte über die drei Schwestern Cohn, die 1890 am Markt 23 ein Geschäft eröffneten und dieses zu einem der erfolgreichsten Warenhäuser der Region machten. Das Stück will daran erinnern. Und mahnen: 1933 schützte die Familien niemand. Sie wurden verfolgt, deportiert und schließlich in Konzentrationslagern ermordet.

Vom 20. Mai bis zum 2. Juni wird das Stück in Gera aufgeführt. Es ist eine der letzten Inszenierungen von Schauspieldirektor Bernhard Stengele. Auch er kehrt Altenburg den Rücken, wegen der Vorfälle. Stengele habe sich die Stimmung gegen Rechts zunutze gemacht, lästern manche. „Das ist ein absurder Vorwurf“, sagt ein Mitarbeiter Stengeles.

Offiziell schweigen gerade alle. Das ist so vereinbart worden. Am Dienstag hat Oberbürgermeister Wolf zu einem Kulturdialog geladen. Zudem möchte er auf einer Internet-Seite klarstellen, wie Altenburg tickt. Nicht rechts. Und vor allem nicht anders als anderswo.

Und was hat Wolfgang Preuß vor? „Ich werde Herrn Kleber einen Brief schreiben. Er kann gerne nach Altenburg fahren und sich umschauen. Oder ich fahre nach Mainz. Mir ist ein Gespräch lieber als eine Gerichtsverhandlung. Aber so kann ich das nicht stehen lassen.“

Ob es zu einer Versöhnung am Blumenbeet kommt? Die Staatsanwaltschaft Gera erklärte am Freitag, es werde keine Ermittlungen geben. ZDF-Moderator Kleber sagte, eine pauschale Kritik an den Altenburger Kleingärtnern sei nicht beabsichtigt gewesen. Preuß reicht das nicht. Warum auch? Asterix gibt ja auch nie auf.