Noch eine Stunde bis zum nächsten Sekt. Monika Schneider freut sich schon drauf. „Ich mag Sekt“, sagt sie. „Der schmeckt mir.“ Ihr silbernes Haar ist frisch geföhnt, rund um die Augen glänzt lichtblauer Lidschatten. Auf dem Pullover der 72-Jährigen steht in schwungvollen Glitzerbuchstaben „A Smile is always in fashion“ – Lächeln ist immer in Mode. Fröhlich strahlt sie die Besucher an.

Seit neun Jahren lebt Monika Schneider im Düsseldorfer Caritas-Altenzentrum St. Josef, Abteilung Johannes, der Wohneinheit für „suchtabhängige Ältere“ oben in der dritten Etage. Zwei Gänge, drei Einzel-, sechs Doppelzimmer. Ein Raucherraum, eine schmale Küche. Und – ein abschließbares Kabuff für die Alkoholvorräte. Weißwein, Bier und Sekt in kleinen Flaschen. An der Innenseite der Tür hängt eine Liste, auf der verzeichnet ist, wie viel jeder Bewohner pro Tag trinken darf und wie viel Gramm reinen Alkohols er täglich zu sich nimmt.

Drei Pils für Herrn K. Drei Weißwein für Herrn G. Drei Sekt für Frau Schneider.

„Schön habe ich es hier“

Vierzehn Alkoholkranke leben derzeit in der Abteilung Johannes: zwölf Männer und zwei Frauen zwischen 60 und 88 Jahren. Trocken sind nur zwei von ihnen. Monika Schneider gehört zu denen, die am längsten hier wohnen. 2009 ist sie eingezogen, ein Jahr vor der offiziellen Eröffnung von Nordrhein-Westfalens einziger Abteilung für pflegebedürftige und suchtkranke Senioren.

Weiße Wände, hohe Fenster. Mitten im Raum eine große Madonnenfigur, das Geschenk einer Tante. „Schön habe ich es hier“, sagt Monika Schneider. Auf dem Bett sitzen Puppen in altmodischen Kleidern und ein Trupp abgewetzter Stofftiere. „Der Steiff-Bär ist 50 Jahre alt.“ Engelsfiguren füllen die Abstellfläche einer Kommode. An der Wand hängen Familienfotos und ein mächtiges Kreuz aus Holz.

Trinkerei erst am Abend

„Zu Hause bin ich nicht mehr gut klargekommen“, gibt Monika Schneider zu. Die Beine wollten nicht mehr so recht – inzwischen sitzt sie im Rollstuhl. „Ich kann zwar stehen und die Beine bewegen, aber ich traue mich nicht zu laufen.“

Und dann die Trinkerei. Immer Sekt. Immer erst gegen Abend. Und immer zu viel.

Den Schmerz betäuben

Monika Schneider hat nach dem Tod ihres Sohnes 1991 begonnen, „gepflegt“ zu trinken. Ihre Ehe war schon zuvor gescheitert – „da war keine Liebe mehr im Herzen“.

Die Zahnarzthelferin war allein mit zwei Söhnen. Der Tod ihres Kindes sei das Schlimmste gewesen, das ihr im Leben zugestoßen sei, sagt sie. „Er war doch erst 21. Damit bin ich einfach nicht klargekommen.“ Mehrmals versuchte sie in den kommenden Jahren, loszukommen vom Alkohol. Suchte Unterstützung bei Selbsthilfegruppen und Suchtberatungsstellen. Dauerhaft helfen konnte ihr niemand. Der Schmerz blieb. Der Wunsch, ihn zu betäuben, auch. „Manchmal war ich jahrelang trocken. Dann kam der nächste Rückfall, und alles ging von vorne los.“

Monika Schneider macht sich keine Illusionen über ihren Zustand. „Ich bin Alkoholikerin. Wenn ich allein leben würde, würde ich mehr trinken. Hier bin ich unter Aufsicht, und die Leute sind nett.“

Nicht nur Trinkgewohnheiten machen hier den Unterschied

Jeden Morgen um zehn Uhr holt sie sich im Kabuff ihren ersten Piccolo ab, um 15 Uhr den zweiten, abends um 19 Uhr den dritten. „Betrunken werde ich davon nicht“, beteuert sie.

Noch vor einem Jahr habe sie die doppelte Menge getrunken. Sechsmal 0,2 Liter Sekt pro Tag, 1,2 Liter Flüssigkeit, 105,6 Gramm reiner Alkohol. So viel wie niemand sonst in der Abteilung. „Ich habe selber gesagt, dass ich reduzieren will. Jetzt will mich der Doktor überreden, dass ich ganz aufhöre.“ Doch so weit, sagt Monika Schneider, so weit sei sie noch nicht.

112 alte Menschen leben in dem Pflegeheim des Caritasverbands Düsseldorf an der Schmiedestraße in Bilk. Probleme mit den Suchtkranken gebe es nicht, auch wenn die sich klar von den übrigen Heimbewohnern abgrenzten, sagt Tino Gaberle, der Leiter der Einrichtung. Nicht nur ihre Trinkgewohnheiten unterscheiden die vierzehn Bewohner aus der dritten Etage von den übrigen Pflegebedürftigen. Das Durchschnittsalter in der Abteilung Johannes beträgt 70, das auf den restlichen Stationen 80 Jahre.

Die Abteilung Johannes

Auch die Vorgeschichten der suchtkranken Senioren sind andere. Ein Drittel von ihnen war obdachlos, die restlichen zwei Drittel siedelten aus Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen, die nicht eingerichtet waren auf ihre Bedürfnisse, über in die Abteilung Johannes.

„Viele hier sind durch Lebenskrisen, durch den Tod der Partnerin oder ihrer Kinder zu Alkoholikern geworden“, sagt Tino Gaberle. Andere wissen selber kaum, wie sie hineinrutschen konnten in eine Abhängigkeit, die sie vermutlich bis zu ihrem Tod begleiten wird.

„Aus reinem Übermut“ habe er angefangen zu trinken, sagt Ferdinand Blöink. 17, 18 war er da, ein junger Dachs, der feiern und Spaß haben wollte. Der 75-Jährige lebt seit 2011 hier. Das lange blonde Haar ist sorgfältig gescheitelt. Die goldgefasste Brille sieht aus wie ein Relikt aus den Siebzigerjahren. Gerade hat er im Kabuff sein Mittagsbier abgeholt. Jetzt steht die halb ausgetrunkene Flasche Pils, die erste des Tages, auf seinem Nachttisch.

Abstinenz ist das Ziel

Blöink wohnt in einem Doppelzimmer. Rund um sein Bett hängen Hundeposter, Familienbilder und eine Deutschlandfahne. Geheiratet hat er nie, auch nicht die Frau, die vor vielen Jahren ein Kind von ihm erwartete. „Feige war ich“, sagt er heute. Und erzählt gestenreich von früheren Trinkgelagen auf Mallorca und in Dänemark. Eine Flasche Wodka habe er an einem Abend weggeputzt. „Aber locker!“

Maurer, Rohrschlosser, Werbefachmann – Blöink hat in vielen Berufen gearbeitet. Gesoffen habe er immer, sagt er. „Entweder aus Freude oder weil ich sauer war. Am meisten, wenn ich froh war.“ Heute bekommt er täglich drei Flaschen Pils. Die erste um 13, die zweite um 16, die dritte und letzte um 19 Uhr. Das reicht. Auch wenn Ferdinand Blöink früher an einem Abend eine ganze Flasche Wodka schaffte. Natürlich sei Abstinenz das Ziel, sagt Heimleiter Gaberle.

Kontrollierter Konsum statt Entzug

„Aber wir machen keinen Entzug, und wir sind keine geschlossene Abteilung. Wir präferieren den kontrollierten Konsum. Wenn ein Bewohner durch begleitende Gespräche von sechs auf fünf Flaschen Bier pro Tag runtergeht und sieht, dass es funktioniert, ist das schon ein Erfolg.“

Einzige Regel, die jeder in der Abteilung befolgen muss: „Wer total betrunken bei der Ausgabe erscheint – und das kommt durchaus vor, wenn sich die Person zusätzlich draußen etwas besorgt hat –, bekommt an diesem Tag keinen Alkohol mehr.“

Nur im Notfall auf Entzug

Das Konzept ist bundesweit einmalig, obwohl der Bedarf an Heimen für suchabhängige Senioren groß ist. Laut einer Studie des Bundesgesundheitsministeriums trinken rund 18 Prozent der Frauen und etwa 27 Prozent der Männer über 65 mehr, als Kopf und Körper guttut. Die Dunkelziffer sei hoch, sagt Gaberle. „Oft wissen die Angehörigen gar nicht, dass die alten Verwandten abhängig oder obdachlos sind. Bei uns bekommen sie endlich wieder eine feste Tagesstruktur und regelmäßige Mahlzeiten.“

Andere Häuser seien häufig überfordert mit der Betreuung von Suchtkranken, sagt Tino Gaberle. „60 bis 80 Prozent der Alkoholsüchtigen in Pflegeheimen werden nicht erkannt, weil das Personal nicht entsprechend geschult ist.“ In St. Josef lerne das Personal in einem Basisseminar den Umgang mit Alkoholkranken und werde einmal im Monat von der Suchtfachstelle der Caritas gecoacht.

Betreuer und Taschengeld

Nur einige wenige Einrichtungen wie das Seniorenheim Oranienhof in Köln-Höhenberg oder das Berliner Pflegeheim B. Effinger nehmen seit einigen Jahren ebenfalls pflegebedürftige ältere Alkohol- und Drogenkranke auf. Anders als in Düsseldorf versuchen sie jedoch nicht, das Konsumverhalten der Süchtigen zu kontrollieren.

„Die meisten unserer Leute haben einen Betreuer und bekommen ein Taschengeld. Entweder besorgen sie sich ihren Alkohol selber oder das Heim kauft für sie ein“, erläutert Ralf Graeve das Konzept der Abteilung „Meilenstein“ im Oranienhof.

Der Bedarf ist groß

Die Kölner Einrichtung verfügt über 20 Plätze für pflegebedürftige Suchtabhängige und feiert 2018 ihr 20-jähriges Bestehen. Man versuche, den Konsum der Bewohner über die Taschengeldausgabe zu steuern, sagt Graeve. „Wir achten darauf, dass die Sache nicht eskaliert. Wenn das passiert, schicken wir die Leute zum Entzug.“

Der Bedarf an Plätzen ist jedenfalls groß. In der Schmiedestraße in Düsseldorf wird es in den kommenden Monaten unruhig. Das Haus steht vor dem Umbau, der Suchtbereich soll auf 34 Plätze wachsen und ab 2019 auch Drogen- und Medikamentenabhängige ab 45 Jahren aufnehmen. Eine neue Herausforderung.