Altersbezüge: Größte Rentenerhöhung in Deutschland seit 22 Jahren

Berlin - Die gut 20 Millionen Rentner in Deutschland können sich 2016 auf die kräftigste Rentenerhöhung seit 20 Jahren freuen. Wegen der sehr guten Wirtschaftslage und eines statistischen Sondereffekts gehen die Experten der Deutschen Rentenversicherung und des Bundessozialministeriums nach Informationen dieser Zeitung von einer Anhebung der Altersbezüge um vier bis fünf Prozent aus. Das wäre rund doppelt so viel wie im laufenden Jahr und deutlich mehr als die durchschnittliche Lohnerhöhung der Arbeitnehmer. 

Offiziell beschlossen wird die zum 1. Juli 2016 anstehende Rentenerhöhung erst im kommenden Frühjahr. Bereits Ende dieses Monats aber legen Rentenkassen und Regierung eine Hochrechnung auf Basis der aktuellen Indikatoren vor – und die weisen eindeutig nach oben. Nach den internen Juli-Zahlen des Renten-Schätzerkreises würden die Altersbezüge im nächsten Jahr um 4,35 Prozent im Westen und um 5,03 Prozent im Osten angehoben. Die Werte werden in der kommenden Woche noch einmal aktualisiert. Experten der Sozialkassen erwarten jedoch keine gravierende  Veränderung. Eine Rentenanpassung von vier bis fünf Prozent sei „durchaus plausibel“, heißt es  in Regierungskreisen.

Rund 57 Euro mehr im Monat

Auf Basis der Schätzerzahlen ergäbe sich für einen West-Ruheständler mit einer nach 45 Beitragsjahren erzielten Brutto-Standardrente von 1314 Euro  ein Zuschlag von rund 57 Euro im Monat. Der Ost-Standardrentner könnte auf monatlich 61 Euro mehr hoffen. Derart kräftige Anhebungen hatte es zuletzt 1993 gegeben, als die Renten im Westen um 4,36 Prozent und im Osten um 14,12 Prozent stiegen. Vor allem während der rot-grünen Regierungsjahre fielen die Anpassungen dann wegen der schlechten Wirtschaftslage sehr viel magerer aus. In den Jahren 2004 bis 2006 mussten die Senioren sogar mit Nullrunden auskommen. Im laufenden Jahr waren die gesetzlichen Altersgelder im Westen um 2,1 und im Osten um 2,5 Prozent erhöht worden.

Positive Entwicklung am Arbeitsmarkt

Ausschlaggebend für die ungewöhnlich positive Entwicklung im nächsten Jahr ist vor allem die Lage am deutschen Arbeitsmarkt. Grundsätzlich folgen die Renten der Entwicklung der Löhne. In der komplizierten Rentenformel gibt es jedoch zudem einige Faktoren, die in der Vergangenheit oft dämpfend wirkten. So berücksichtigt der Riester-Faktor die Aufwendungen der Arbeitnehmer für die private Vorsorge. Der Nachhaltigkeitsfaktor bremst, wenn sich das Zahlenverhältnis von Beitragszahlern zu –empfängern verschlechtert. Schließlich sorgen steigende Beiträge für einen Abschlag bei den Senioren.

Im kommenden Jahr aber greift keiner dieser Dämpfungsfaktoren. Der Riester-Faktor ist  ausgelaufen, der Beitragssatz verharrt unverändert bei 18,7 Prozent, und der von der Linkspartei  heftig kritisierte Nachhaltigkeitsfaktor hatte wegen der hohen Beschäftigtenzahlen schon in diesem Jahr die Rente eher nach oben gedrückt als sie zu senken. Hinzu kommt ein Sondereffekt: Durch eine Umstellung in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung war die Rentenanpassung in diesem Jahr zu schwach  ausgefallen. Dieser Statistikknick wird nun im nächsten Jahr ausgeglichen.

Ungewöhnliche Höhe

Unterm Strich ergibt sich so die Rekord-Anpassung von vier bis fünf Prozent. Diese Höhe sei durchaus ungewöhnlich, heißt es in Kreisen der Rentenversicherer: „Aber die Rentenformel gilt.“ Das sieht man im Ministerium genauso. Ressortchefin Andrea Nahles (SPD) dürfte keinerlei Neigung haben, durch einen gesetzgeberischen Eingriff in die Rentenformel die Ruhegeld-Erhöhung außer Kraft zu setzen oder auch nur abzuschwächen.