Der Amazon-Konzern nennt öffentlich keine Zahlen von Corona-Infektionen und Quarantänefällen in seinen Logistikzentren.  
Philipp Schulze/dpa

BerlinDie unklare Corona-Situation am Amazon-Standort im hessischen Bad Hersfeld sorgt weiter für Diskussionen: Auf die Anfrage des Linken-Bundestagsabgeordneten Pascal Meiser nach der Zahl der Erkrankungen in den Logistikzentren, die der Berliner Zeitung exklusiv vorliegt, verwies die Bundesregierung auf die lokalen Behörden: „Das Ausbruchsgeschehen in den Amazon-Standorten Bad Hersfeld und Winsen an der Luhe fällt in die Verantwortung der zuständigen Gesundheitsämter.“

Der Bundesregierung lägen zu den Infektionen in den Amazon-Logistikzentren keine Erkenntnisse vor, auch eine „branchenspezifische Erhebung von Infektionsfällen“ sei nicht vorgesehen.

Meiser, gewerkschaftspolitischer Sprecher der Linken im Bundestag, spricht sich nun für eine branchenbezogene Meldepflicht aus. „Nur auf diesem Wege kann auf belastbarer empirischer Grundlage bewertet werden, welche Branchen besonders infektionsanfällig sind und wo zusätzlicher Handlungsbedarf besteht“, sagte er der Berliner Zeitung.

Auch müsse der Amazon-Konzern für Transparenz der Zahlen in seinen Logistikzentren sorgen. „Es ist höchst problematisch und alles andere als vertrauenerweckend, dass Amazon sowohl die eigenen Beschäftigten als auch die breite Öffentlichkeit über die tatsächlichen Infektionszahlen im Dunkeln lässt“, sagte Meiser. Dass aber auch die Bundesregierung nicht wisse, ob und wie sich die Pandemie in einzelnen Branchen entwickle, sei „nicht nur beunruhigend, sondern auch höchst fahrlässig“.

Die Berliner Zeitung hatte in der vergangenen Woche berichtet, dass die Standortleitung Bad Hersfeld dem Betriebsrat seit mehreren Wochen keine Gesamtzahlen mehr mitteilt. Die Mitarbeiter werden mit Lautsprecher-Durchsagen über Neuinfektionen informiert, viele hätten jedoch den Überblick über die Gesamtlage verloren, heißt es von Beschäftigten. Der Betriebsrat hat inzwischen auf Auskunft über die aktuellen Zahlen geklagt.

Zuletzt berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung von rund drei Dutzend Covid-19-Fällen am Standort Bad Hersfeld. Amazon selbst äußert sich nicht zu den Einzelheiten der Infektionen und nennt öffentlich keine Zahlen. Ein Sprecher wies jedoch den Vorwurf der Informationsmängel zurück: Der Betriebsrat werde über aktuelle Entwicklungen unterrichtet.

Zudem, teilte der Sprecher mit, habe Amazon eine Vielzahl von Schutzmaßnahmen ergriffen, um eine Ausbreitung der Pandemie in den Logistikzentren zu verhindern. Seit einem Besuch von Mitarbeitern des Gesundheitsamtes herrscht am Standort Bad Hersfeld außerdem eine allgemeine Maskenpflicht. 

Indessen berichteten mehrere Medien über die vergleichsweise hohen Zahlen im Kreis Hersfeld-Rotenburg. Der Landkreis lag Anfang der vergangenen Woche bei über 20 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Inzwischen ist der Wert auf knapp elf gesunken, womit der Kreis aber immer noch erheblich vor den übrigen Teilen Hessens liegt.