WashingtonIm aktuellen US-Wahlkampf spielen zwei Frauen eine Schlüsselrolle: Amy Coney Barrett, Richterin und gerade als Mitglied des Supreme Court bestätigt, auf der einen Seite. Und Kamala Harris, ebenfalls Juristin und demokratische Vizepräsidentschafts-Kandidatin, auf der anderen Seite. Harris wird zum möglichen Ersatz für den betagten Joe Biden, falls er Präsident wird. Barrett wiederum ist nun eine wichtige konservative Stimme am höchsten Gericht der USA, sie wird von den Republikanern als Trophäe in Amerikas Kulturkampf gepriesen.

In diesen letzten Tagen des Wahlkampfs geht es, blickt man auf diese beiden Frauen, vor allem um eine Frage: Welche von ihnen übt mehr Anziehungskraft auf die Wählerinnen aus, die noch unentschieden sind, auf die Wählerinnen in Amerikas Vororten vor allem. Sie haben in der Vergangenheit republikanisch gewählt, aber bei den Kongresswahlen vor zwei Jahren, aus Abneigung gegen Trump, vielfach für die Demokraten votiert. Die gutsituierten Ehemänner dürften jetzt wieder republikanisch wählen. Wen aber wählen die Gattinnen?

Amy Coney Barrett und Kamala Harris haben viel gemeinsam. Beide sind Top-Juristinnen, beide leben in modernen, multiethnischen Familien. Amy Coney Barrett hat fünf leibliche Kinder und zusätzlich zwei Kinder aus Haiti adoptiert. Kamala Harris hat einen afroamerikanischen Vater und eine Mutter aus Indien, die im Leben der Tochter eine zentrale Rolle gespielt hat. Harris hat keine eigenen Kinder und ist doch auch Mutter: Die Kinder ihres Ehemannes nennen sie zutraulich „Momala“, was sich auf Kamala reimt.

Kamala Harris vollendet Hillary Clintons Traum

Trotz mancher Ähnlichkeit in den Biografien werden diese beiden Frauen heute in den USA als entgegengesetzte Pole betrachtet,  weil sie in den nächsten Jahren politisch entgegengesetzte Positionen vertreten werden. Harris ist dabei, Hillary Clintons gescheiterten Traum zu vollenden. Barrett dagegen wird die Rolle der Frau als Mutter ins Zentrum stellen.

Die USA waren einst eine Gesellschaft von Siedlern. Frauen hatten eine wichtige Rolle beim Aufbau der Nation und darüber hinaus bei der Zivilisierung des Landes. Von Anfang an waren Frauen die Lehrerinnen in diesem einst bäuerlichen Land, sie achteten streng auf Grammatik sowie auf die öffentliche Moral. Und diese Rolle wirkt bis in die heutige Zeit hinein. Die Wahlentscheidung der Mittelschichtsfrauen wird die moralische Richtung der Nation daher maßgeblich beeinflussen.

Amy Coney Barrett ist wie Sarah Palin, die konservative Running Mate von John McCain 2008, eine starke Frau mit einer kinderreichen Familie. Palin, damals Gouverneurin von Alaska, wurde von Amerikas Medien wie eine Hinterwäldlerin behandelt. Sie selbst sah sich  als moderne Frau.

Die Vertreter des linksliberalen Amerika wagen es aus guten Gründen im aktuellen Wahlkampf nicht, Barrett wie eine Hinterwäldlerin zu behandeln. Barrett, 48 Jahre alt, war lange Jahre Professorin an der Juristischen Fakultät der Notre-Dame-Universität in Indiana, die sich als Zentrum der konservativen juristischen Bewegung einen Namen gemacht hat und mittlerweile auf fast allen Richterbänken in Amerika vertreten ist.

Amy Coney Barrett, gerade vom US-Senat als Richterin am Obersten Gericht bestätigt.
Foto: AP/dpa/Alex Brandon

Barrett kommt aus wohlhabenden katholischen Kreisen im Süden des Landes. Ihr Vater war Jurist bei Shell Oil. Und er war Mitglied einer kleinen charismatischen Gemeinschaft namens „People of Praise“, die ihre Mitglieder ermutigt, ein engagiertes christliches Leben zu führen. Frauen sollen sich mit der Rolle als Ehefrau und Mutter identifizieren. Christliche Gemeinschaften in Amerika sind generell weniger tolerant als die städtischen Gesellschaften an den Küsten, bieten aber auch einen größeren Halt. Barrett hat sieben Kinder, aber es wird sicherlich nicht erwartet, dass alle sieben in die besten juristischen Fakultäten aufgenommen werden. Die traditionellen Werte begrenzen tendenziell die individuelle Freiheit, aber sie schützen auch vor dem Wettbewerb.

Wie die Frauen in liberalen Hochburgen wie New York wählen, ist hinreichend klar; auch, wie die Frauen vom flachen Land wählen werden. Aber was wählen die Frauen aus anderen Milieus? Gut möglich, dass sie Barrett als Vorbild sehen und dementsprechend die Republikaner bevorzugen.

Kinder und Karriere - ein mehr als schwieriger Spagat

Oder werden sie sich mit Kamala Harris identifizieren, der Demokratin? Es ist in den USA nicht leicht, Karriere und Mutterschaft zu vereinen, da keine flächendeckende Kita-Versorgung oder Hort-Infrastruktur existiert. Kamala Harris, 56 Jahre alt, ist bis nach ganz oben gelangt, in die höchste Sphäre der Macht vorgedrungen. Sie zeigt, was erreichbar ist, sie hat – wie andere Frauen vor ihr - bewiesen, bis wohin eine Frau aufsteigen kann. Der Preis dafür: Sie hat keine eigenen Kinder.

Vor einigen Jahren gab es den Fall der Demokratin Annemarie Slaughter, die unter Hillary Clinton 2010 eine Topstelle im Außenministerium hatte und dann alles fallen ließ, weil ihr Teenager-Sohn sich plötzlich weigerte, zur Schule zu gehen. Slaughter machte diese Entscheidung gegen ihre Karriere und für ihre Familie öffentlich. Sie wurde in den eigenen Reihen dafür sehr kritisiert.

Es ist ein Tabu in demokratischen Kreisen und gehört doch zum Alltag: Slaughter und andere gebildete Frauen aus der Generation, der auch Harris angehört, haben sich für ein Leben entschieden, in dem die Familie im Mittelpunkt steht und nicht die Karriere. Indirekt wurde das Thema im Buch „Lean In“ von Sheryl Sandberg behandelt: Das berufliche Fortkommen von Frauen werde vor allem vom Unwillen der Frauen selbst behindert, sich bei der Arbeit „reinzuhängen“, Verantwortung zu übernehmen und nach oben zu streben. In einer wettbewerbsorientierten Gesellschaft wie den USA wird jedoch erwartet, dass sich vor allem die Frauen intensiv um die kommende Generation kümmern. Die Gefahr, dass die Kinder scheitern könnten, so wird angenommen, sei zu groß. Lieber entzieht sich die Mutter der Karriere, wenn sie es sich leisten kann. Und setzt auf die Familie.

In welche Richtung entwickelt sich die Gesellschaft in den USA?

Die Entscheidung zwischen Harris und Barrett wäre somit eine Richtungswahl. Wer unter den Mittelstands-Frauen mit Harris sympathisiert, bevorzugt eine Gesellschaft, wie sie auch die Demokratische Partei anstrebt, eine Gesellschaft, in der der Staat immer mehr die schützende Rolle der Gemeinschaft übernimmt, etwa in den Bereichen Krankenversicherung oder Kindergärten. Dieser Schutz ist allerdings eher für die Ärmeren relevant, weit weniger für die Mittelklasse.

Wer sich für Barrett entscheidet, setzt auf eine Gesellschaft, wie die Republikaner sie wollen, eine Gesellschaft, in der kleine Gemeinschaften wie Familie und Kirche zunehmend (und wieder) das eigentliche Gewebe der Gesellschaft bilden. Diese Art von Gesellschaft sehen die Republikaner als Bollwerk gegen die liberale Konkurrenzgesellschaft.

Nach der Wahl wird die amerikanische Gesellschaft einen von diesen Wegen gehen. Für die Frauen werden die enormen Widersprüche bleiben.